Die Kritik an gesellschaftlichen Verhältnissen ist zentraler Bestandteil islamistischer Ideologie. Die Ursprünge des Islamismus gehen auf die konflikthafte Begegnung von Muslim*innen im Nahen und Mittleren Osten sowie in Nordafrika mit den europäischen Kolonialmächten im Kontext des Zusammenbruchs des Osmanischen Reichs im Ersten Weltkrieg zurück. Sie stehen in unmittelbarem Zusammenhang mit den gesellschaftlichen und politischen Umbrüchen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Bereits im 19. Jahrhundert formierte sich als Reaktion auf die politische, ökonomische sowie soziokulturelle Kolonialisierung eine islamische Reformbewegung (vgl. bpb 2018, S. 7). Mit der Gründung der Muslimbruderschaft in Ägypten in den 1920er-Jahren nahmen die Reformbemühungen eine organisierte supranationale Form an. Seither entstanden verschiedene islamistische und auch salafistische Bewegungen, die die Ursache für die in der islamischen Welt vorherrschenden Missstände und globalen Ungleichheiten auf die Einflüsse westlicher Kulturen zurückführen. Diese Bewegungen erklären die Rückkehr zu einem vermeintlich authentischen Islam zur Lösung wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Probleme. Gemeinsam ist den heterogenen islamistischen Strömungen, dass sie „Gesellschaft, Kultur, Staat oder Politik anhand von Werten und Normen, die als islamisch angesehen werden“ (Seidensticker 2016, S. 9) umgestalten wollen. Bis heute bietet die Sehnsucht nach einer vorimperialen, vom Westen „unkontaminierten“ Zeit des Islam die Grundlage für islamistische und salafistische Gesellschaftskonzepte (vgl. bpb 2018).

Zentrales Motiv ist dabei die Rückbesinnung auf die Frühzeit des Islam sowie die Orientierung an der Lebenspraxis des islamischen Propheten Mohammed und der Urgemeinde, die aus dieser Perspektive die Wiederbelebung einer machtvollen muslimischen Identität ermöglichen. Kritisiert werden dabei nicht nur die u.a. durch die Kolonialmächte bedingten gewaltsamen und weiterhin andauernden komplexen Abhängigkeitsverhältnisse, in denen sich die Länder des Nahen und Mittleren Ostens bis heute befinden, sondern auch die Lebensbedingungen von Muslim*innen innerhalb westlicher Gesellschaften.

Untersuchte Gruppierungen

Generation Islam verbindet für Jugendliche relevante außen- und innenpolitische Themen mit onlinetechnischer Versiertheit und innovativen Storytelling-Formaten und kann 34.600 YouTube-Abonnent*innen verzeichnen. Die Facebook-Seite wird sogar von über 68.000 Personen abonniert. Einzelne Videos von GI werden bis zu 312.764 Mal aufgerufen (Stand 26.11.2019).[1] In an AJ+[2] orientierten kurzen Videos werden Fakten zu aktuellen politischen Themen verständlich und unterhaltsam dargestellt. Darüber hinaus werden Memes[3] verbreitet, die meistens Koransuren enthalten, sowie Bild-Schrift-Sound-Kombinationen, die verschiedene Themen aufgreifen. Das GI-5-Format bietet drei- bis fünfminütige Einführungen zu unterschiedlichen Themen an, so etwa fünf Fakten zu Geflüchteten oder zum Ramadan. Daneben werden auch, ähnlich der von arte produzierten Sendung „Mit offenen Karten“, Clips produziert, in denen Fragen und Konfliktlagen der Weltpolitik anhand von Landkarten analysiert werden. Neben den innovativen Formaten werden aber auch klassische Erklärvideos produziert, die vergleichsweise länger sind und in denen theologische Fragen diskutiert werden. Zudem produzieren GI-Autor*innen selbst lange Artikel und Analysen zu politischen Themen mit Quellenangaben (New York Times, Guardian u. ä.), die vermutlich die vermeintliche Objektivität der Artikel unterstreichen sollen. Es ist anzunehmen, dass die Produzent*innen versuchen, als seriöse Nachrichtenquelle anerkannt zu werden. So werden etwa Ausschnitte aus Reportagen von bspw. CNN, Artikel aus Zeitungen und Magazinen wie Spiegel, Stern oder Finanznet.com geteilt.

Pierre Vogel gehört zu den bekanntesten salafistischen Predigern. Von Jugendlichen, die ihm folgen, wird er als lockerer, witziger, charismatischer Unterhalter angesehen, der gegen das politische und in Deutschland in Form der etablierten Islamverbände repräsentierte Establishment rebelliert, die Sprache der Jugendlichen spricht, ihre Alltagsprobleme versteht und entsprechende Lösungsansätze bietet (vgl. Wiedl 2017, S. 180). Vogel war in der Vergangenheit auf mehreren Social-Media-Kanälen aktiv. Seit September 2019 ist er, vermutlich aufgrund der Löschung seines Facebook-Accounts und der Sperrung seiner Website, vor allem auf YouTube und Instagram aktiv.

Der Prediger Ahmad Armih alias Ahmad Abul Baraa hat als Imam der as-Sahaba-Moschee in Berlin Aufmerksamkeit erlangt. Abul Baraa und die Sahaba-Moschee werden sowohl vom Verfassungsschutz als auch in Medienberichten (vgl. Krätzer 2018) immer wieder mit dschihadistischen Positionen in Verbindung gebracht und in den Graubereich zwischen politischem und dem dschihadistischen Salafismus eingeordnet. Abul Baraa ist auf den gängigen Social-Media-Kanälen aktiv, wo er vorrangig Lehrvideos zu theologischen Themen veröffentlicht und lebensweltbezogene, für Jugendliche relevante Fragen beantwortet.

Gesellschaftskritik spielt auch innerhalb rechtsextremer Ideologien eine zentrale Rolle. Völkische und kulturrassistische[4] Gruppen agitieren in diesem Zusammenhang gegen die demokratische Gesellschaftsordnung und den darin errungenen Grundrechten und -freiheiten (vgl. Häusler/Kellershohn 2018, S. 6). Bezugnehmend auf antidemokratische Theoretiker*innen der Weimarer Republik mobilisieren ihre Vertreter*innen gegen Pluralismus in demokratischen Gesellschaften und rücken Homogenitätsvorstellungen und völkisch-nationales Denken in das Zentrum öffentlicher Diskurse.

Exemplarisch für rechtsextreme Online-Akteure werden die Inhalte der Identitären Bewegung (IB) und des Videoblogs Laut Gedacht von Philip Thaler und Alex Malenki analysiert. Beide Gruppen zählen zu rechtsextremen Strömungen im Spektrum der „Neuen Rechten“[5] und bedienen sich einer modernen jugendlichen Ästhetik-, Symbol- und Bildersprache. Damit möchten sie sich vom alten rechtsextremistischen Sprachdiskurs abgrenzen, transportieren aber letztlich ähnliche Inhalte. Als ideologie- und strategiebildende Instanz verbinden sie rechtsextreme Akteur*innen mit solchen aus dem nationalkonservativen Spektrum (vgl. Pfeiffer 2019, S. 16-17) und können für manche Jugendliche und junge Erwachsene, die sich selbst nicht als rechts einordnen würden, attraktiv sein. Neben dem offiziellen YouTube-Kanal der IB Deutschland, der 21.700 Abonnenten (Stand 08.11.2019) verzeichnet, betreiben weitere Untergruppen auf Länder- und Stadtebene Kanäle. Einzelne Videos werden bis zu 73.379 Mal aufgerufen.[6]

Die Macher des Videoblogs Laut Gedacht bedienen sich jugendkultureller Referenzen und geben sich dementsprechend jung und hip. In ihrem professionell produzierten Videoblog veröffentlichen sie wöchentlich Beiträge zu aktuellen, politisch relevanten Themen. Ihr YouTube-Kanal weist 50.900 YouTube-Nutzer*innen auf. Einzelne Videos wurden bis zu 194.532 Mal[7] aufgerufen (Stand 14.10.2019), der Kanal wird von dem rechtsextremen Verein Einprozent finanziert (vgl. Brinker/Dittrich 2016). Zusätzlich werden gesellschaftskritische Aussagen der Partei Alternative für Deutschland (AfD) besprochen.