Von Maja Herzog

Sobald sich eine Frau und ein Mann länger als drei Sekunden unterhalten, fragt sich mindestens eine der umstehenden Personen: „Was läuft denn zwischen den beiden?“
Besonders gerne wird das gefragt, wenn sich die beiden dabei auch noch anschauen, zulächeln, zueinander beugen oder sich auch noch berühren – und sei das alles nur aus Höflichkeit und dem Willen, alles zu verstehen, was einem erzählt wird, während der Bass drumherum wabert.
Das Bittere an der Sache ist, dass sich die wenigsten Leute die „Was läuft denn da?“-Frage stellen, wenn sich das Ganze zwischen zwei Personen des glei-chen Geschlechts abspielt. Der Grund dafür: Heteronormativität.

DIE GRUNDANNAHME

Heteronormativ bedeutet, dass allgemein davon ausgegangen wird, dass alle Menschen heterosexuell sind, alle anderen Sexualitäten von der Norm abweichen und damit ungewohnt und unerwünscht sind.

Wenn sich zwei Menschen mit dem gleichen Geschlecht miteinander unterhalten, kommt diese Frage also selten bis nie auf. Dabei muss man auch nochmals unterscheiden, ob sich nun gerade zwei Frauen miteinander unterhalten oder zwei Männer. Frauen können erfahrungsgemäß auf dem Schoß der anderen sitzen, Händchen halten oder sogar knutschen und am Ende heißt es: „Die sind nur gute Freundinnen.“ Auch wenn sie seit zwei Jahren glücklich ein Paar sind. Über zwei Männer hört man so etwas gar nicht.

FRAUEN SIND HARMLOS

Das liegt daran, dass Frauen als „harmloser“ gelten und ihre Sexualität meist heruntergespielt und nicht ernst genommen wird. Der Grund: Unsere patriarchale Gesellschaft. Zwei Männer werden da eher gefragt, ob sie schwul seien, was allerdings meistens negativ konnotiert ist, denn schwul sein bedroht in einer heteronormativ-patriarchalen Welt ihre Männlichkeit und damit ihre Privilegien.
Diese Heteronormativität ist in unserer Gesellschaft noch immer sehr ausgeprägt, auch weil in den Schulen noch nicht angekommen ist, dass Liebe und Sex zwischen zwei gleichgeschlechtlichen Personen etwas ganz Normales ist. Wenn Homosexualität im Unterricht Thema ist, dann eher als etwas Exotisches. Und auch sonst werden andere Sexualitäten als etwas behandelt, das nichts für Kinder ist. So gibt es auch kaum Kinderbücher, in denen es mehr als Mann und Frau gibt.

Also lasst uns alle für Reformen in den Schulen sorgen und uns für eine diverse Gesellschaft, auch in Kinderbüchern, einsetzen. Denn nur dann werden nachfolgende Generationen mit dem Wissen aufwachsen, dass Homosexualität nicht nur „voll okay“ ist, sondern einfach ganz normal und jeder Mensch die Person lie-ben kann, die er möchte – unabhängig vom Geschlecht. Und dann können sich Frauen und Männer vielleicht auch endlich unterhalten, ohne dass gleich Gerüchte entstehen, während die „besten Freundinnen“ als verliebtes Paar erkannt und akzeptiert werden.



Der Artikel ist im Magazin *Innen_Leben erschienen. Die Ausgabe entstand im Rahmen des Workshops „Gender, Identitäten & Politik“ vom 17. bis 20. August 2017 in Berlin. Organisiert vom Projekt politikorange der Jugendpresse Deutschland.