Gegen die Religionisierung der Genderdiskussion

Michael Tunç und Elif Köroglu schreiben in ihren Beiträgen über unterschiedliche Themen: kritische Männlichkeitsforschung und die Debatte um das Kopftuchverbot an Grundschulen in Nordrhein-Westfalen. Beide Beiträge eint jedoch, was Tunç als „Religionisierung der Genderdiskussion“ beschreibt. Religionisierung geschieht, wenn antimuslimische Positionen auf Geschlechterstereotype von „dem“ muslimischen Mann oder „der“ muslimischen Frau übertragen werden. Beides lässt sich beobachten, wenn muslimische Männer im öffentlichen Diskurs – verstärkt nach den sexuellen Gewalttaten der Silvesternacht 2015/16 – als gewalttätig, sexuell übergriffig und gefährlich markiert werden; oder wenn das Tragen eines Kopftuches dazu führt, dass bedeckten Frauen Emanzipation und Selbstbestimmung abgesprochen wird.

Tunç gibt die Ergebnisse einer Studie zu Genderkonstruktionen im interreligiösen Vergleich wieder, bei der vier unterschiedliche Männertypen herausgearbeitet wurden: traditionelle, moderne, pragmatische und suchende Typen. Gemäß der Typologie vertreten traditionelle Männer die Ansicht, Frauen seien für Kinder und Haushalt zuständig, während der Mann die Rolle des Versorgers einnimmt. Als Kontrast steht demgegenüber der moderne Mann, der traditionelle Ansichten ablehnt und für eine gleichberechtigte Beteiligung von Mann und Frau in Familien- und Arbeitsalltag steht. Zwischen diesen beiden Männlichkeitstypen liegt der pragmatische Mann, der traditionelle mit modernen Ansichten verknüpft. Der vierte Typ, der suchende Mann, sieht traditionelle Rollenbilder als überholt an, kann aber auch mit modernen Rollenbildern nichts anfangen (Volz/Zulehner 2009, S. 24–28).

Muslime waren unter allen vier Typen vertreten, auch wenn die Zustimmung zum traditionellen Typus im Vergleich zur Mehrheit etwas höher war.[2] Tunç wirbt in seinem Beitrag – nicht nur in Bezug auf Muslime – für mehr kritische Männlichkeitsforschung, die sich mit den Nachteilen und Privilegien traditioneller Männlichkeit auseinandersetzt. Er argumentiert, dass kritische Männlichkeitsforschung mit dem Ansatz der Intersektionalität verbunden wird. Denn ein Bewusstsein für Überschneidungen von Kategorien sozialer Differenzierungen wie beispielsweise Geschlecht, Religion, Ethnizität, Klasse und Bildung hilft, Gruppen von Männern nach Privilegien und Diskriminierungsmomenten zu differenzieren. So kann ein homosexueller Muslim mit hohem Bildungsgrad aufgrund seiner sexuellen Orientierung und seiner Religion Diskriminierung, aber durch seine Bildungsabschlüsse auch Privilegien erfahren. Wer (nicht nur) muslimische Männlichkeit auf diese Weise betrachtet, wird unterschiedliche Momente differenzieren können, in denen männliche Jugendliche Privilegierung, aber auch Diskriminierung erfahren.

Homogenisierende Diskurse hinterfragen

Mit dem Ziel, homogenisierende Diskurse zu hinterfragen, argumentiert Köroglu in ihrem Beitrag. Sie bezieht sich auf das Vorhaben der nordrhein-westfälischen Landesregierung von 2018, Kopftücher für Mädchen an Grundschulen zu verbieten. Köroglu stellt dar, dass das Thema nur wenige Mädchen betrifft (ca. 3 % in 2010), das Verbot aber in seiner Umsetzung grundsätzliche Probleme aufwerfen würde. Diese betreffen beispielsweise die Rechtslage. Im Grundgesetz werden Religionsfreiheit und das Recht zur Pflege und Erziehung der Kinder durch die Eltern festgesetzt. Letzteres kann gegenwärtig bereits bei akuter Kindeswohlgefährdung gebeugt werden. Das Tragen eines Kopftuchs mit Kindeswohlgefährdung gleichzusetzen, scheint jedoch unverhältnismäßig. Der Staat könnte bei gravierenden Gefährdungen des seelischen und physischen Wohls von Kindern zwar eingreifen; doch alleinig das Tragen eines Kleidungsstücks falle nicht unter derartige Gefährdungen. Das betrifft auch den Vorwurf einer Sexualisierung durch das Kopftuch. „Es stellt sich die Frage, warum nicht gleichzeitig Verbote für sexualisierte Kleidung, sexualisiertes Spielzeug oder frauenverachtende Sendeformate oder Werbungen gefordert werden“ (Köroglu 2019, S. 40).

Abb. 2, Schule als Ort des Austausches verschiedener Lebenskonzepte Quelle

Köroglu antwortet selbst auf die Frage, wenn sie aufzeigt, wie sich in der Debatte um das Kopftuch gesellschaftliche Machtstrukturen widerspiegeln. Sie argumentiert, dass auf diese Weise von der Mehrheitsgesellschaft abweichende Lebensformen und Wertvorstellungen marginalisiert würden. Es sei wichtig, gegen entmündigende und doktrinäre Erziehung von Mädchen vorzugehen, aber das Kopftuch mit dieser gleichzusetzen, ist falsch. Dabei werde unterschlagen, dass sich zahlreiche Frauen bewusst für oder gegen ein Kopftuch entscheiden und somit durchaus mündig und emanzipiert leben. Das sollte auch in Schulen sichtbar werden, wenn Musliminnen Kopftücher tragen möchten. Denn Schule sollte ein Ort sein, an dem unterschiedliche Lebensentwürfe in Austausch kommen und zusammenarbeiten.

Superdiversität und die Generation M

Ismahan Wayah beschreibt in ihrem Beitrag eine deutsche Gesellschaft, die sich in Bezug auf Herkunftsländer der Bevölkerung, ihre Schichtzugehörigkeiten, ihre Genderkonzepte etc. zunehmend diversifiziert. Um die neue Qualität dieser Diversifizierung zu beschreiben, nutzt die Autorin den sozialwissenschaftlichen Begriff der Superdiversität. Das Aufwachsen in der superdiversen Gesellschaft stellt Jugendliche heute vor neue Herausforderungen. Zeichen dafür sind Begriffe wie Schwarze Menschen, Person of Color, Neue Deutsche oder Deutsche Plus. Als Alternative zur Rede vom „Migrationshintergrund“ zeugen sie von der Auseinandersetzung mit der eigenen Position in einer Gesellschaft, an der die betroffenen Jugendlichen anders teilhaben als Personen aus der Mehrheitsgesellschaft.

Einen Teil dieser Jugendlichen beschreibt Wayah als Generation M. Diese Jugendlichen verbinden ihre Religion mit modebewusster Kleidung, unterschiedlichen Musikstilen und Aktivitäten in sozialen Medien. Sie sind es gewohnt, sich mit den Zugehörigkeiten zu verschiedenen Milieus und Subgruppen auseinanderzusetzen. Dabei begegnen sie teilweise anderen Herausforderungen als Jugendliche aus der Mehrheitsgesellschaft, weil ihr Emanzipationsprozess vom Elternhaus in Bezug auf neu erlernte Umgangsformen, Denkmuster, Lebensstile und Wertvorstellungen schneller zu Konflikten führen kann. Dies lässt sich jedoch nur schwer vereinheitlichen und führt in der Konsequenz zu unterschiedlichen jugendkulturellen Ausprägungen.

Weltanschauliche und interreligiöse Dialoge
gegen Muslimfeindlichkeit

Annika Botens und Josef Freise setzen sich mit Muslimfeindlichkeit in Deutschland auseinander. Sie zitieren empirische Erhebungen von 2016 und 2018, aus denen hervorgeht, dass 40 Prozent der deutschen Gesellschaft gegen muslimische Zuwanderung nach Deutschland ist und sogar 60 Prozent sagen, dass der Islam nicht in die westliche Welt passe. Befördert werden solche Einstellungen in großen Teilen durch rechtspopulistisches Überlegenheitsdenken, das vorgibt, für säkulare Werte zu stehen, und gleichzeitig die Schattenseiten der westlichen Gesellschaftsstruktur ausblendet.

Abb. 3, Interreligiöse und weltanschauliche Dialoge können in direkten Begegnung Muslimfeindlichkeit verringern Quelle

Botens und Freise gehen darauf ein, dass die Repräsentation deutscher Muslim*innen anders organisiert ist als die der christlichen Kirchen in Deutschland. Während die Kirchen Körperschaftsstatus genießen und das Recht zum Steuereinzug besitzen, werden deutsche Muslim*innen entweder über aus dem Ausland finanzierte Strukturen oder über Vereine repräsentiert, deren hauptamtliche Mitglieder über Vereinsbeiträge finanziert werden müssen. Deswegen laufe vieles ehrenamtlich und zeigen sich im interreligiösen Dialog strukturelle Machtunterschiede. Beide Autor*innen begrüßen die Entstehung islamtheologischer Fakultäten an deutschen Universitäten, die auch zu einer Professionalisierung des interreligiösen Dialogs beitrage.

Zusammenfassend plädieren Botens und Freise nicht nur für interreligiösen, sondern auch für weltanschaulichen Dialog. Letzterer kann die Auseinandersetzung zwischen säkularen und religiösen Werten stärken und schließt auch Menschen mit ein, die nicht gläubig sind, sich in ihrem Alltag im pluralen Deutschland aber zwangsläufig auch mit gläubigen Menschen und Repräsentationen von Islam und Christentum auseinandersetzen. Weltanschauliche Dialoge im alltäglichen Leben oder in der gezielten Begegnung bewusst zu gestalten, beschreiben sie als eine wichtige Aufgabe, um Muslimfeindlichkeit in Deutschland zu verringern.

veröffentlicht am 07.10.2020

Informationen zur Handreichung:

Drücker, Ansgar; Baron, Philip (2019). Antimuslimischer Rassismus und Muslimische Jugendarbeit in der Migrationsgesellschaft. Düsseldorf: Informations- und Dokumentationszentrum für Antirassismusarbeit. Online verfügbar unter: https://www.idaev.de/publikationen/produkt-details?tx_cartproducts_products%5Bproduct%5D=75&cHash=268f9f687bd912ed90b448e04f871c42, zuletzt geprüft am 06.10.2020.

Einzelnachweise

  1. Teilweise wurden Informationen zu den Themen der Artikel ergänzt. Zurückspringen
  2. Als weitere religionsbezogene Gruppen waren vertreten: evangelische, katholische, andere und keine Religionszugehörigkeit (Volz/Zulehner 2009, S. 237).  Zurückspringen