Ayman* ist 23 Jahre alt, studiert Physik, engagiert sich in seiner muslimischen Gemeinde und findet die Auseinandersetzungen mit Vorurteilen über Liebe im Islam anstrengend:

Für mich spielt Liebe eine sehr große Rolle im Islam. Ob es die Liebe zwischen mir und meinen Brüdern im Islam ist oder meine Liebe zu meiner Mutter, die mich dazu bewegt, ihnen Gutes tun zu wollen. Für einen Muslim oder eine Muslima ist es essenziell, Liebe und Barmherzigkeit für das eigene Umfeld aufzubringen. Man soll sich anderer erbarmen, damit Gott sich eines erbarmt.

Liebe zum Partner hat ebenso einen hohen Stellenwert. Eine Partnerin zu haben, sich gegenseitig zu unterstützen, gemeinsam ein Team zu bilden, eine Familie zu gründen und Kinder aufzuziehen. All dies ist ohne Liebe kaum möglich. Wichtig dabei ist Respekt, Transparenz und gute Intentionen. Zum Beispiel würde ich mich fragen, bevor ich eine Frau kontaktiere, ob ich bereit bin zu heiraten und ob ich einer solchen Verantwortung gerecht werden kann. Wenn nicht, sollte ich geduldig sein und warten. Auch würde ich mich fragen, ob ich der Typ bin, den ich mir für meine Tochter wünsche.

Zudem sollten zwei Menschen, sobald sie sich kennenlernen und sich weiter treffen wollen, wenn möglich, die Eltern früh in Kenntnis setzen. Dabei geht es natürlich nicht darum, direkt zu heiraten, sondern darum, dass die Eltern wissen, mit wem man sich trifft. Beim Kennenlernen ist es wichtig, nicht nur darauf zu achten, ob man sich menschlich gut versteht und sich attraktiv findet, sondern auch, ob man dieselben Vorstellungen für die Zukunft hat und ob beide Personen auch ihre individuellen Ziele in der Ehe verfolgen können. Es ist wesentlich, dass beide Partner sich in der Beziehung selbst verwirklichen können. Leider begegnen Muslime und Musliminnen oft Stereotype, was ihre Liebesleben angeht. Wichtig ist es, auf diese Stereotype einzugehen und den Personen höflich und sachlich zu erklären, wie es wirklich ist. Oftmals sind Vorurteile über Liebe im Islam medial geprägt und weichen stark von der Realität ab. Aufklärungsarbeit ist daher sehr wichtig, aber manchmal anstrengend.

Ob ich noch liebe, weiß ich nicht. Wenn ich vor einem Jahr gefragt worden wäre, hätte ich sofort mit „Ja“ geantwortet. Aber die Zeiten ändern sich und ändern dich.

Ahmed ist 22 Jahre alt, studiert Biotechnik, klärt über Queere (Selbst-)Liebe auf Instagram auf und musste als queerer Muslim seinen eigenen Platz im Islam finden:

Der Weg, beide Teile in mir, queer und muslimisch, zu vereinen, war ein sehr langer Weg. Daher ist die Frage nach der Rolle queerer Liebe im Islam eine schwierige. Die erste Phase der Koexistenz dieser beiden Teile von mir sah so aus, als hätten beide bestimmte Rollen und Aufgaben, die ich immer voneinander trennen wollte. Für mich symbolisierte meine queere Identität den Selbstausdruck von dem, wer ich bin und wer ich sein möchte. Damit drückte ich meine Freiheit aus. Hingegen war meine muslimische Identität für mich eine Wegweisung und ein Ausdruck meiner Liebe und Verbindung zu Gott. Mit meiner queeren Identität drückte ich meine Freiheit gegenüber der Außenwelt aus. Meine muslimische Identität war eher nach innen gerichtet. Ich wollte immer beides sein. Aber das war schwierig, weil ich damals einen Menschen liebte und in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung war. Plötzlich trafen mein Queer- und Muslimischsein aufeinander. Als ich zum Beispiel tiefe Dankbarkeit an Gott empfunden habe für die Liebe, die ich zu diesem Menschen empfinde, war meine erste innere Reaktion in Selbstbeobachtung: „Wow, darf ich das überhaupt?“ So als hätte ich was geklaut und würde mich anschließend bei Gott bedanken, dass ich was Geklautes in den Händen habe. So ähnlich hat sich das angefühlt. Ich musste mich immer wieder selbst daran erinnern, dass es nicht böse ist, dass es Liebe ist und dass ich mich nicht dafür schämen soll. In dieser Hinsicht hat mich queere Liebe gezwungen zu verstehen, dass es einen Unterschied zwischen der inneren Verbindung mit Gott und dem gibt, was mir die Leute sagen.

Ich bin dankbar, dass ich als queerer Muslim in keine Schublade passe. Gott erlaubt mir damit, hinter die Fassade zu schauen. So habe ich gelernt, meinen eigenen Weg zu gehen und Gott für mich selbst zu erfragen, mich zu bilden, den Islam infrage zu stellen und kritisch über die vielen Arten des Lesens der Religion nachzudenken. Ich musste das alles lernen. Ich habe gelernt, meinen eigenen Platz im Islam einzunehmen und nicht den, in den ich hineingeboren wurde. Gleichzeitig ist es manchmal anstrengend. Insbesondere als Teenager wollte ich immer wissen, ob Gott wütend auf mich ist, ob er nicht mehr hinter mir steht, weil ich jemanden liebe oder jemanden einfach nur attraktiv finde. Für junge Leute ist das superschwierig.

Für die Zukunft bin ich optimistisch, dass sich viel ändern wird. Die heutige TikTok-Generation denkt anders, weil wir jetzt völlig andere Zugänge haben. Wir sind online mit vielen diversen Menschen in Kontakt und wir können sehen, dass es nicht nur dieses seltsame Mädchen in unserem Dorf gibt, das komisch ist, sondern, dass es das Mädchen in jedem anderen Dorf, in jeder Familie, in jeder Kultur und in jeder Religion gibt.

Ob ich immer noch liebe? Es gab zwei Momente in meinem Leben, in denen ich das Gefühl hatte, mein Herz funktionierte nicht mehr und ich will gar nicht mehr lieben. Das erste Mal war nach meinem Outing, auch wenn mir der Begriff „Outing“ überhaupt nicht gefällt, also als die Welt von meiner Sexualität erfahren hat und ich von Teilen meiner Familie Todesdrohungen bekommen habe. Damals musste ich Berlin für eine Weile verlassen und lag einige Wochen im Bett. Ich dachte, die Menschen, die ich liebe, verabscheuen mich, nicht alle, aber ein Teil meiner Familie, der das als Beschmutzung des Familienrufs sah. Das hat wehgetan und war so belastend, dass ich nichts mehr fühlen konnte. Etwas Ähnliches habe ich nach einer Trennung erlebt. Als ich diese Liebe verloren hatte, habe ich mich auch von Gott verlassen gefühlt.

Und trotz alledem werde ich immer die Liebe wählen.

Chama ist 21 Jahre alt, studiert Biologie, engagiert sich aktiv für den Umweltschutz und möchte Liebe frei von religiösen Zwängen sehen:

Als Muslima werde ich oft in den ersten Dates gleich gefragt, wo meine Grenzen in der Beziehung liegen oder ob meine Eltern Probleme damit haben, dass ich einen Freund habe. Die Tatsache, dass ich beispielsweise eine selbstständige Biologiestudentin bin oder, dass ich mehrsprachig bin, bleibt oft zweitrangig.

Dabei verbietet der Islam die Liebe gar nicht, setzt aber schon zu viele Grenzen für ein so echtes und spontanes Gefühl. Wann immer ich die Worte Liebe und Islam in einem Satz höre, muss ich gleich an den alten Onkel denken, der seine Frau so schariamäßig „mit Liebe“ behandelt – also so etwas wie Halal-Liebe. So ein Liebesleben lebe ich nicht. Ich date zurzeit einen Atheisten und es gibt natürlich einige kulturelle Unterschiede, aber auch gegenseitigen Respekt und Liebe.

Ich bin mir bewusst, dass meine Beziehung für viele Muslim*innen als die schlimmste Sünde angesehen wird, aber ich bin dankbar, dass ich über religiöse Grenzen hinaus immer noch Liebe erleben kann. Für die Zukunft möchte ich, dass muslimische Girls ihre Liebespartner frei wählen, ihre eigenen Grenzen setzen und sich an ihren eigenen Werten messen, nicht an denen der Community. In der Liebe geht es nicht um Grenzen. Wo Freiheit ist, ist Liebe.

Tarek* ist 21 Jahre alt, studiert Islamische Theologie, engagiert sich in einem muslimischen Jugendverband und wünscht sich realistischere Liebesvorstellungen:

Für mich spielt die Liebe im Islam eine große Rolle. So ist die Liebe zwischen Glaubensbrüdern, die Liebe zur Familie, aber vor allem die Liebe zwischen Mann und Frau äußerst wichtig. Allah beschreibt die Liebe zwischen Ehepartnern im Koran und sagt: „Er hat Liebe und Zärtlichkeit zwischen euch gesetzt.“ Ohne Liebe ist ein Zusammenleben nicht möglich. Aber heutzutage sind viele Jugendliche von Liebevorstellungen geprägt, die ihnen durch Serien oder Filme „vorgegaukelt“ werden, und haben oft Ansichten zu Liebe und Ehe, die es gar nicht gibt. Wenn ich die Möglichkeit habe, versuche ich immer, andere für den Unterschied zwischen Liebe in der Realität und Liebe im Filmgenre zu sensibilisieren. Das ist aber auf lange Sicht sehr nervig, weil ich immer wieder gefragt werde, in welchem Zeitalter ich eigentlich lebe. Mittlerweile gehe ich auf solche Gespräche nur noch ein, wenn ich sie mit engen Freunden führe.

Für die Zukunft der Liebe wünsche ich mir mehr Ernsthaftigkeit. Viele Muslim*innen nähern sich dem Thema Liebe, ohne sich darüber vorher ernsthafte Gedanken gemacht zu haben. Ernsthaftigkeit bedeutet nicht, keine Gefühle zu zeigen. Im Gegenteil: Der Muslim oder die Muslima sollte in der Lage sein, seine oder ihre Gefühle auszuleben und auszusprechen, ohne jedoch eine große Show daraus zu machen. Der Prophet Muhammad (Möge Allahs Segen und Frieden auf Ihm sein) sagte: „Wenn einer seinen Bruder liebt, so soll er ihm sagen, dass er ihn liebt.“ Zudem wünsche ich mir eine Verhaltensänderung vieler Eltern in Bezug auf das Thema Liebe. Ich höre oft Geschichten, dass zwei Muslime zwar zueinander gefunden haben, aber die Eltern ihnen einige (meist unnötige) Probleme bereiten. Ich möchte, dass auf allen Seiten mehr Bewusstsein und Verständnis wachsen, und glaube, dass Verständnis nur durch offene Diskussionen über das Thema möglich ist.

Und trotz aller Herausforderungen liebe ich noch, immer wieder jeden Tag aufs Neue. Es ist etwas, das sich jeden Tag in mir erneuert.

veröffentlicht am 09.02.2021

*Der Name wurde auf Wunsch von der Redaktion geändert.