Die Geschichte der Verfolgung, Diskriminierung und systematischen Ermordung von Rom*nja und Sinti*zze in Deutschland geht bis ins Mittelalter zurück. Wie kommt es, dass sich solche rassistische Einstellungen und Strukturen über viele Generationen hinweg konstant halten?

Hajdi Barz: Das hat vordergründig damit zu tun, dass Rassismus durch Routinen und überliefertes „Wissen“ in Gesellschaft, Institutionen und Individuen eingeschrieben ist und kontinuierlich weitergegeben wird. Diesen sogenannten strukturellen Rassismus erkennt man etwa an den etablierten Machtstrukturen an Universitäten und in Schulen. Ein Drittel der Schüler*innenschaft in Deutschland sind of colour, also Menschen, die Rassismus erfahren haben. Demgegenüber stehen mehrheitlich Weiße Lehrkräfte. Diese Diskrepanz spitzt sich mit Blick auf den Anteil von Lehrer*innen aus Rom*nja und Sinti*zze-Communities noch weiter zu. Es gibt kaum Romani-Lehrkräfte, die sich als solche zu erkennen geben. Auch gibt es keine Bemühungen dahin gehend, den Anteil von Romani- und Sinti-Lehrkräften zu erhöhen.

Zudem wird rassistisches Wissen auch heute noch in wissenschaftlichen Arbeiten und in Schulbüchern aktiv weitergegeben. Die Bildungswissenschaftlerin Jane Weiß spricht in diesem Zusammenhang von kontaminiertem Wissen, das durch Diskurse, Gedanken und Praxen die individuelle und gesellschaftliche Wahrnehmung und Einstellung zu Minderheitengruppen beeinflusst.

Am Leipziger Institut für Ethnologie etwa wurde noch bis 2012 unter der Leitung von Bernhard Streck Tsiganologie gelehrt. Streck leugnete in seinen Arbeiten, dass der Genozid an Rom*nja und Sinti*zze rassistisch motiviert gewesen sei. Das ist nur ein Beispiel. Das dort produzierte vermeintliche Wissen ist in Schulbüchern und den Einstellungen von Lehrkräften noch vorhanden.

Rassismus gegen Rom*nja und Sinti*zze ist eng mit der deutschen Forschungs- und Bildungsgeschichte verflochten. Welche Auswirkungen hat die Kollaboration von Bildungs- und Forschungseinrichtungen mit dem NS-Herrschaftsapparat auf die Betroffenen?

 

Hajdi Barz: Die Zusammenarbeit war sehr folgenreich. Jane Weiß weist darauf hin, dass es Wissenschaftler*innen waren, die die „wissenschaftliche“ Begründung für die Deportation und den Genozid an Rom*nja und Sinti*zze geliefert haben. Die Nationalsozialistin Eva Justin etwa hat Kinder und Jugendliche als Probanden genutzt, um nachzuweisen, dass Rom*nja und Sinti*zze „lern- und anpassungsunfähig“ seien, und sie dafür zunächst vor der Deportation bewahrt. Da Justin Romanes – die Sprache der Rom*nja – konnte, hat sie eine enge Beziehung zu den Kindern aufbauen können. Nach Beendigung ihrer Dissertation wurden die Kinder dennoch deportiert. Die in diesen „Forschungen“ geschaffenen Bilder hallen bis heute in der kollektiven Erinnerung nach. Ideologische und personelle Kontinuitäten dieser Art sind Anlass genug, um staatlichen Behörden und Institutionen mit Vorsicht oder sogar Misstrauen zu begegnen.

Eva Justin hat ihren Doktortitel übrigens auch nach dem Ende des NS-Regimes behalten können. Bis in die 1960er-Jahre war sie weiterhin für deutsche Behörden tätig. Die Tatsache, dass sie, wie viele andere Nationalsozialist*innen auch, weiterhin in staatlichen Positionen arbeiten durfte und sogar als Gutachterin bei Wiedergutmachungsverfahren von Sinti und Roma eingesetzt wurde, ist ein Grund, warum Bürgerrechtler*innen auch von der zweiten Verfolgung sprechen.

Man darf aber auch nicht vergessen, dass viele Kinder und Jugendliche direkt von der Schulbank ins Konzentrationslager geschickt wurden. Die Nachkriegsgeneration hatte aufgrund dieser historischen Erfahrungen Angst vor Weißen Institutionen. Es gibt Geschichten von Müttern, die noch in den 1970er-Jahren den ganzen Tag auf dem Schulhof auf ihre Kinder warteten, weil sie Angst hatten, dass die Kinder abgeholt werden könnten.

Sowohl in den Sozial- als auch Naturwissenschaften geht man davon aus, dass Traumata transgenerational bis in die dritte Generation weitervererbt werden können ...

Hajdi Barz: Das ist ein wichtiges Thema. Fast jede Familie hat durch den Genozid Verluste erlitten. Deshalb ist die Schule in der kollektiven Erinnerung kein sicherer Ort, an dem Kinder ungestört lernen können, sondern ein Ort, an dem rassistische Übergriffe die Regel waren und bis heute noch sind. Dabei geht es nicht um die oftmals unterstellte Bildungsferne oder Bildungsablehnung, sondern um diese konkreten Gewalterfahrungen. Dieses Wissen fehlt aber in der Lehrer*innen-Ausbildung. Lehrkräfte lernen nichts über die Traumata, die ihre Schüler*innen vielleicht mitbringen. Auch Wissen zu Mechanismen und Wirkweisen von strukturellem Rassismus oder über rassismuskritische Methoden werden kaum gelehrt.

Kann das Wissen über Rassismus und rassistische Strukturen dabei helfen, die Schule zu einem sicheren Ort für Betroffene zu machen?

Hajdi Barz: Es würde dabei helfen, strukturellen Rassismus offenzulegen und die Lehrerschaft dafür zu sensibilisieren. Dies reicht allerdings allein nicht aus, um gegen strukturellen Rassismus anzugehen. Die Lehrer*innen werden weiterhin in einem Umfeld arbeiten, das davon durchdrungen ist. Rassismus zu verlernen, ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Man darf auch nicht vergessen, dass Lehrer*innen und Schüler*innen selbst rassistisch sein können. Die Studie zur aktuellen Bildungssituation deutscher Sinti und Roma zeigt, dass 81,2 Prozent der deutschen Rom*nja und Sinti*zze in Schulen Diskriminierungserfahrungen machen. Schul- und Ausbildungsabbrüche wurden häufig mit eben diesen Erfahrungen begründet.

Rassismuserfahrungen wirken sich also nicht nur unmittelbar auf die schulische Laufbahn der Betroffenen aus, sondern erschweren oder verhindern auch berufliche Perspektiven.

Rassistische Aussagen wie „Dich hat man vergessen zu vergasen“ führen dazu, dass die eigene Identität verleugnet wird. Viele Lehrkräfte, da bin ich mir sicher, haben jahrelang Schüler*innen in der Klasse, ohne zu wissen, dass diese Jugendlichen Rom*nja oder Sinti*zze sind. Das ist auch aus entwicklungspsychologischer Sicht sehr problematisch.

Was wären denn die Voraussetzungen für eine rassismuskritische Bildungsarbeit für Rom*nja und Sinti*zze?

Hajdi Barz: Es ist wichtig, systematisch rassismuskritisches Wissen in Schulen, Universitäten und in der Forschung zu fördern. Dafür braucht es kurzfristig Selbstorganisationen, die (Rassismus-)Erfahrungen und Expertise in dem Bereich Bildung mitbringen. Anhand des von uns entwickelten Kriterienrasters können zum Beispiel Multiplikator*innen didaktisches Material und Unterrichtsplanung auf Rassismus hin prüfen.

Wenn wir wirklich wollen, dass Schulkonzepte, Lehrpläne oder Schulbuchinhalte und Bildungsmaterialien sich ändern, müssen Selbstorganisationen besser finanziell unterstützt werden. Langfristig muss es allerdings strukturelle Lösungen geben. Das Minderheitenrecht muss umgesetzt werden.

Deutsche Rom*nja und Sinti*zze gehören neben der dänischen Minderheit, den Friesen und den Sorben zu den vier alteingesessenen Minderheiten in Deutschland.

Hajdi Barz: Genau. Nach Minderheitenrecht haben Rom*nja und Sinti*zze u.a. das Recht, Informationen über sich und ihre Geschichte im Unterricht zu erhalten, ihre Kultur zu pflegen und weiterzuentwickeln und die wesentlichen Bestandteile ihrer Identität, nämlich ihre Religion, ihre Sprache, ihre Traditionen und ihr kulturelles Erbe, zu bewahren. Allerdings ist dieses Recht bisher nur in drei von 16 Bundesländern verfassungsrechtlich verankert. Und dort, wo es verankert ist, wird es nur eingeschränkt umgesetzt. So gibt es zum Beispiel keine umfassende strukturelle Förderung für Kulturangebote. Dabei müsste jedes Kind in jeder Stadt die Möglichkeit haben, ein Kulturangebot anzunehmen, seine Sprache zu erlernen und entsprechende außerschulische Angebote zu erhalten. Abgesehen davon stellen Rassismuserfahrungen ein Entwicklungsrisiko für die betroffenen Kinder und Jugendliche dar, es geht also auch um Kinderschutz. Daher wären zum Beispiel auch unabhängige Antidiskriminierungsbeauftragte für Schulen wichtig. Letztlich geht es aber darum, dass Lehrkräfte das umsetzen, was sie gelernt haben. Darauf weist zum Beispiel Saraya Gomis, die ehemalige Antidiskriminierungsbeauftragte für Schulen in Berlin, hin. In ihrer Funktion als Studienrätin und Vorsitzende des Empowerment-Vereins EOTO (EachOneTeachOne) beschäftigt sie die Frage, wie Schule Schüler*innen vermitteln kann, dass auch sie selbstverständlicher Teil der Gesellschaft sind und macht auf das eigentlich Offensichtliche aufmerksam: Wenn wir als Lehrkräfte Lebenswelterfahrung als Bezugspunkt für unseren Unterricht wirklich ernst nehmen, müssen wir die Geschichten von Rom*nja und Sinti*zze, von jüdischen, muslimischen, queeren Kindern sowie Kindern mit Behinderung einbeziehen. Wir können es uns nicht leisten, unsere Schüler*innen nicht mitzudenken.

Mit RomaniPhen ist ein dezidiert feministischer Verein entstanden. Weshalb war Ihnen diese Perspektive in der Bildungsarbeit wichtig?

Hajdi Barz: Rassistische Strukturen werden durch patriarchale Machtverhältnisse ermöglicht. Rassismus, Klassismus und Sexismus sind eng miteinander verflochten. Die daraus resultierenden gesellschaftlichen Praxen tragen zu einer Schlechterstellung vieler Bevölkerungsgruppen bei. Gegen diese können wir nur angehen, wenn wir die Verflechtungen berücksichtigen. Dies tut der intersektionale Feminismus. Außerdem sind gerade weibliche Stimmen aus der Community  in der Öffentlichkeit kaum hörbar. Das führt dazu, dass wir oft missrepräsentiert, übersexualisiert und exotisiert werden. Echte Geschichten und Perspektiven unserer Frauen kennt kaum jemand. Deshalb wollen wir die ungehörten Geschichten in unserem Archiv sammeln, sie erzählen und dadurch ein anderes, reales Bild von den vielen unterschiedlichen Rom*nja und Sinti*zze zeigen.

Archivieren nicht als kaltes (Ein-)sammeln von Daten verstehen, sondern als lebendigen Prozess, als emotionalen Vorgang und analytische, gestalterische Arbeit, als kritische, als wertschätzende Erinnerung an unsere wundervollen Rom*nja, als Verbindung zu Menschen der Vergangenheit und Gegenwart, als Selbstreflexion, als Selbst- Positionierung im Text und in der Gesellschaft, als Kritik an Verhältnissen, als Liebe zu Widerständen, Hoffnung und Geschichten.
Wir befinden uns gerade mitten im Romnja* Power Month, den ihr seit 2016 mit der Partnerorganisation IniRromnja veranstaltet. Kannst du uns etwas über den Monat erzählen?

Hajdi Barz: Der Romnja* Power Month findet jedes Jahr vom 8. März bis zum 8. April statt und wird vom Internationalen Tag der Frauen* und dem Internationalen Tag der Rom*nja eingerahmt. In Workshops, Lesungen, Konzerten und anderen Formaten feiern wir die Arbeit, Wissensbestände, Kunst, Kultur und die Schönheit insbesondere auch unserer Frauen* und wollen diese auch einem breiten Publikum vorstellen. Einige interessante Veranstaltungen haben schon stattgefunden, auf einige können wir uns noch freuen.

Für Lehrkräfte besonders interessant ist die Besprechung des Buches „(Un-)Sichtbare Erfolge“ von Prof. Dr. Elizabeta Jonuz und Dr. Jane Weiß am 23. März. Darin geht es um heterogene Bildungs- und Berufswege von Rom*nja und Sinti*zze in biografisch narrativen Zeugnissen. Diskutiert wird u.a. die Frage danach, wie Schüler*innen trotz Rassismus gestärkt und erfolgreich werden können.

Am 30. März zeigen wir den Dokumentarfilm „Die Polizei hat sich schuldig gemacht!“. Darin geht es um die Geschichte der Kriminalisierung von Sinti*zze und Rom*nja von 1945 bis in die 1990er-Jahre und Formen des Widerstandes. Im Anschluss an die Filmvorführung findet ein Gespräch zu Polizeigewalt aus historischer und intersektionaler Perspektive mit den Protagonist*innen des Films statt.

Am 7. April wird der Film „Tschi hi Bistermen“ gezeigt. In der Dokumentation geht es um die Auswirkungen des Holocaust auf die nachfolgenden Generationen. Töchter, Enkel und Urenkel tauschen sich im Kontext von transgenerationalen Traumata aus.

Am 8. April, dem Internationalen Tag der Rom*nja, welcher dieses Jahr zum 50. Mal gefeiert wird, schließen wir den Power Month in diesem Jahr mit einer Online-Feier mit Gedichten und Musik ab.

veröffentlicht am 23.03.2021

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    RomaniPhen e.V. ist ein Verein von Rom*nja und Sinti*zze. Der Verein arbeitet feministisch, rassismuskritisch und empowernd im Bereich der außerschulischen historischen und politischen Bildung, bietet rassismuskritische Fortbildungen für Fachkräfte und Multiplikator*innen an, erarbeitet und vermittelt Bildungsmaterialien. Im Zentrum der Arbeit stehen die feministische Mädchenarbeit, romanibezogene Veranstaltungen und Vernetzung von Aktivist*innen sowie die Wertschätzung und Verbreitung von Romani-Wissensbeständen.

    Der Vereinsname RomaniPhen ist von zwei Bedeutungen abgeleitet: von der „RomaniSchwester“ sowie von der „Kultur/Sprache/Geschichte“ der Rom*nja. Der im Namen enthaltene Kulturbegriff richtet sich keinesfalls auf die Erhaltung und Tradierung von jedwedem Brauchtum. Es geht vielmehr um die vielfältigen Kulturen des Widerstandes, des Überlebens, der Gesellschaftsdeutung, der historischen Zeugenschaften und Analysen sowie der gesellschaftlichen Partizipation von Rom*nja.

    Entstanden ist der RomaniPhen e.V. Ende 2018 aus der bereits seit 2009 existierenden Frauengruppe* IniRromnja. Die Initiative Rromnja ist ein Zusammenschluss von Rom*nja und Sinti*zze, die nicht länger hinnehmen wollen, dass die Ablehnung, Feindseligkeiten und Gewalt gegen sie verschwiegen, bagatellisiert oder gar gerechtfertigt werden. Rassismus in jeglicher Form muss benannt und bekämpft werden – dafür setzt RomaniPhen sich ein.

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    Quelle: Ulf Stephan / r-mediabase.eu
    Quelle: Ulf Stephan / r-mediabase.eu

    Hajdi Barz ist derzeit ehrenamtliche Geschäftsführerin des RomaniPhen e. V. Sie ist langjähriges Mitglied der IniRromnja, hat einen Master of Education und publiziert zu den Themen Rassismus gegen Sinti*zze und Rom*nja, Empowerment und rassismuskritische Didaktik und Standards.