von Helene Fuchs und Maja Herzog

„Ausländer raus!“ „Die nehmen uns doch eh nur unsere Arbeitsplätze weg!“ Solche Sprüche sind von Nazi-Demos oder AfD-Ortsgruppen bekannt. Dagegen werden oft Fahnen geschwenkt und Sätze wie „Nationalismus raus aus den Köpfen!“ skandiert.

Was aber machst Du, wenn Aussagen wie „Es kommen schon ganz schön viele zu uns“ oder „Die meisten, die hier ankommen, sind doch eigentlich Wirtschaftsflüchtlinge…“ am Familientisch oder im Bekanntenkreis auftauchen? Die ersten Gefühle sind oft: Ohnmacht, diffuses Unwohlsein, Wut. Konkrete Zahlen, Selbstbewusstsein und Schlagfertigkeit fehlen. Wie erklärt man jemandem Mitgefühl und Verantwortung? Wie kann man deeskalierend wirken, wenn man vollkommen geschockt und enttäuscht ist?

Um Antworten auf diese Fragen zu bekommen, machen wir uns an einem Sonntagmorgen in Berlin dazu auf, uns in einer alten Fabrik zu Stammtischkämpferinnen ausbilden zu lassen.

Los geht’s!

Als wir 15 Minuten zu früh ankommen, sind die meisten Sitzplätze noch leer. Auf dem Tisch hinter uns liegen Sticker gegen Nazis, es gibt eine Spielecke für Kinder. Normalerweise ist der Raum ein Nachbarschaftscafé, heute aber haben ihn die Betreiberinnen und Betreiber dem Bündnis Aufstehen gegen Rassismus überlassen, das den Workshop anbietet. In den nächsten sechs Stunden wollen wir Strategien erlernen, um besser auf extreme und rassistische Äußerungen – von Witzen bis zu Parolen – zu reagieren.

2017 hat des Bündnis im Durchschnitt jeden Tag ein solches Seminar angeboten. Auslöser dafür war das Wiedererstarken rechter Positionen nach der Grenzöffnung für Geflüchtete. Die Nachfrage ist weiterhin groß: Auch unser Workshop war weit im Voraus ausgebucht.

Wir beginnen mit einer kurzen Vorstellungsrunde. Die Altersspanne im Raum reicht von 19 bis 53 Jahren, ungewöhnlich viele der 20 hier Versammelten arbeiten im Bildungsbereich. Sie sind aus unterschiedlichen Gründen hierher gekommen: Einige berichten von konkreten Situationen, in denen sie gern souveräner reagiert hätten, andere wollen ihre Familie sensibilisieren. Alle jedoch erhoffen sich von dem Tag, im Einsatz gegen Rassismus gestärkt zu werden, egal ob dieser ihnen in der U-Bahn oder auf der Arbeit begegnet. Unsere Teamenden Julius und Jule machen uns Hoffnung, dass genau das heute möglich ist.

Ihr seid nicht die Mehrheit!

Wir beginnen in zwei kleineren Gesprächsrunden, in denen wir uns darüber austauschen, was es braucht, um die eigene Stimme zu erheben und was uns bis jetzt davon abhält. Auch hier zeigen sich Gefühle der Entmutigung und Verunsicherung. Wir alle haben das Gefühl, gegen eine Übermacht der beiläufig geäußerten Rassismen anzureden, die plötzlich und in den nettesten Gesprächen geäußert werden.

Dabei wird eine grundlegende Frage aufgeworfen: „Was ist mein eigentliches Ziel, wenn ich Rassismus offen konfrontiere?“ Langsam beginnen Teilnehmende, von Situationen zu berichten, in denen es ihnen gelungen ist, Rassismus ein Stück weit zu bekämpfen.

Gemeinsam halten wir Strategien fest, wie das besser funktionieren kann. Dazu gehören: ein Gespräch in Ruhe, die Besinnung auf gemeinsame Werte und vor allem – Ausdauer.

Die Meinung des Gegenüber zu ändern, ist schwierig, vor allem, wenn dafür nur bis zur nächsten Haltestelle Zeit bleibt. Im öffentlichen Raum braucht es vor allem den Mut, zu widersprechen, um aufzuzeigen, dass man nicht alles toleriert.

Rassismus ist einfach

Genau um diese paar Sekunden Mut dreht sich die nächste Übung, für die wir unsere Plätze verlassen und uns in die Mitte des Raumes stellen. Um Hemmungen abzubauen, liest eine Hälfte der Gruppe rechte Parolen vor, auf die die Anderen innerhalb von 30 Sekunden reagieren sollen. Danach werden die Rollen getauscht. Julius und Jule ermutigen uns, mit verschiedenen Strategien von „Nachfragen“ bis zu „Emotionalität“ zu antworten. Es fällt uns zunächst schwer, unsere zugeteilten Aussagen vorzutragen und dabei ernst zu bleiben. Zu groß ist die Scheu, diese Behauptungen selbst in den Mund zu nehmen. Als wir mit Nachfragen konfrontiert werden, fällt uns etwas Schockierendes auf: Selbst extreme Positionen wie Rechtfertigungen für das Anzünden von Geflüchteten-Unterkünften wurden inzwischen so oft öffentlich geäußert, dass es simpel ist, sie zu verteidigen. Es ist leicht, die Welt in „Gut“ und „Böse“ zu teilen. Entsprechend herausfordernd ist die Rolle derjenigen, die auf die rassistische Parole reagieren müssen: Im ersten Moment geht das oft nur mit Empörung. Jemand mit bloßer Gegenrede umzustimmen ist schwer – doch es ist wichtig dagegen zu halten, damit sich Rassismus nicht unwidersprochen im öffentlichen Raum ausbreiten kann. Am Ende der Übung ist der Sinn dennoch erfüllt. Mit jeder Parole wird schneller reagiert, das Dagegenhalten wird leichter.

Auf die Unentschlossenen konzentrieren!

Wie kann man aber in einem längeren, konstruktiven Gespräch, in dem rassistische Äußerungen fallen, argumentieren? Um Parolen zu zerlegen, analysieren wir mit Jule sprachliche Strukturen und rhetorische Mittel, die in Diskussionen oft auftauchen. Sie erklärt uns, dass es meist schwer ist, auf gegenläufige Meinungen zu reagieren, weil unterschiedlichste Themen in einer Aussage gemixt werden – es kommt zu einem „Flickenteppich“ von Argumenten. Ergänzt wird dieser häufig noch durch Verschwörungstheorien und Pauschalisierungen.
Wie darauf reagieren? Nachfragen und Sortieren, meint Jule. Dadurch kämen viele schon ins Stolpern. Auch in „Flickenteppich“-Situationen sei es aber wichtig, sich bewusst zu machen, wer einem gegenüber steht, fährt Jule fort und fügt hinzu: „Ihr braucht nicht anfangen, mit Funktionärinnen und Funktionären von der AfD zu diskutieren.“ Da sei es auch völlig legitim, die Debatte einfach zu beenden. So könne man sich selbst schützen und den Betreffenden keine Plattform bieten, sich argumentativ auszubreiten.

Das eigentliche Ziel der Stammtischkämpfer*innen-Ausbildung sei ohnehin nicht, Menschen mit einem geschlossenen rechten Weltbild anzusprechen. Es geht darum, die Mitlaufenden und die Unentschlossenen darauf hinzuweisen, dass Menschenverachtung nicht in Ordnung ist. Und um „wieder eine rote Linie zu ziehen, zwischen dem, was gesagt werden kann und menschenfeindlichen Äußerungen“, fasst es Julius zusammen.

„Mit solchen wie dir hatten wir schon öfter Probleme“

Der letzte Teil des Seminars gibt uns die Möglichkeit zur kreativen Entfaltung: In einer Gruppe stellen wir Szenen in einem Rollenspiel dar, in denen Menschen diskriminiert werden. Eine andere Gruppe hat dann die Möglichkeit, einzugreifen.

Plötzlich bauen also sechs Leute in einem Saal einen Clubeingang und versuchen, mit holprigen Dialogen die Atmosphäre einer Alltagssituation zu kreieren: Einer Person wird aufgrund ihrer Hautfarbe der Einlass in den „Club“ verwehrt. Anders als in den vorherigen Situationen zeigt sich der Rassismus hier nicht offen, was den Umgang mit ihm umso schwerer macht.

Interessant ist, wie die andere Gruppe mit der Situation umgeht: In der Schlange Wartende werden aktiviert und gezielt angesprochen, die Geschehnisse werden gefilmt. Dadurch wird die Anonymität der Täterinnen und Täter durchbrochen. Je lauter und konfrontativer die Eingreifenden werden, desto unwohler fühlen sich deren Gegenüber. Nach einer Weile wollen die Aggressoren die Situation auflösen. Außerdem kümmern sich Wartende um die Diskriminierte, um zu zeigen, dass sie den Rassismus sehen und nicht tolerieren.

Später erzählt die Darstellerin der diskriminierten Person, wie sehr ihr das Solidarisieren der anderen geholfen hat:„Das hat einen riesigen Unterschied gemacht, ich hab mich direkt viel besser und weniger allein gefühlt!“

„Man kann etwas dagegen tun! Das ist wichtig zu wissen.“

Mit einer Feedbackrunde endet unser Tag. Wir haben gelernt: Ein Patentrezept, um auf rassistische Parolen zu reagieren, gibt es nicht. Trotzdem haben alle Anwesenden das Gefühl, etwas Wichtiges aus der Stammtischkämpfer*innen-Ausbildung mitzunehmen. Sei es die Notwendigkeit, sich selbst und die eigenen Ziele ständig zu reflektieren, oder der Wunsch nach weiterer Übung „vielleicht sogar schon in der U-Bahn auf dem Weg nach Hause“.  Andere sind überrascht darüber, wie sinnvoll es sein kann, einfach nur Position zu beziehen. Statistiken und rhetorische Meisterleistungen braucht es dazu nicht.

Manchmal reicht schon das Gefühl, das am Ende dieses Tages alle haben: weniger allein zu sein.



Der Artikel ist im Magazin „weitstirnig“ erschienen. Die Printausgabe „weitstirnig“ entstand im Rahmen des Rassismus-Projekts von poltikorange im Frühjahr 2018 in Berlin. Auf 20 Seiten hat sich das Redaktionsteam mit dem Thema Rassismus auseinandergesetzt und verschiedene Formen, Ausprägungen oder gesellschaftliche Phänomene untersucht und hinterfragt. Umgesetzt wurde das Projekt zusammen mit dem Verein „Gesicht Zeigen! Für ein weltoffenes Deutschland e.V.“ und mit einer Förderung des Jugend-Demokratiefonds Berlin, „STARKgemacht! – Jugend nimmt Einfluss“.