Liser (Ausschnitt aus :in)

Frauen können nicht rappen…
Was macht sie hier und nicht in der Küche?
So kriegst Du keinen Mann mehr ab!
Solche Sachen…

 

Intro: RISE – Der Podcast zu Identität, Pluralismus und Extremismus

 

Liser (Ausschnitt aus :in)

Ich hab das einfach nicht in meinen Kopf gekriegt, weil Singen für mich was so krass Weibliches war…

Moderation

Da haben wir gerade Liser gehört. Sie ist Rapperin, und das war ein kurzer Ausschnitt aus der Webserie „Doppelpunkt IN“, um die es heute unter anderem geht. Dazu gleich mehr.

Mein Name ist Julia Tieke, willkommen zum RISE-Podcast – diesmal mit einem Schwerpunkt auf Gender. Gender ist ein zentrales Thema für Jugendliche und junge Menschen, die auf der Suche nach geschlechtlicher Identität und sexueller Orientierung sind. Und daher ist es auch einer der thematischen Schwerpunkte von RISE.

Zugleich setzen sich auch islamistische und rechtsextremistische Gruppen mit Genderfragen auseinander. Sie tun dies meistens, indem sie sich gegen alles aussprechen, was traditionell nicht als entweder männlich oder weiblich verortet werden kann. Genau hier versucht RISE Räume und Gesprächsanlässe zu schaffen, durch die die Vielfalt von Geschlechtsentwürfen und Sexualität sichtbar wird. Und die dadurch Menschen unterstützen, die aufgrund ihres sozialen Geschlechts Abwertung erfahren haben.

Auf der Internetseite des Projekts stehen dazu beispielsweise mehrere Kurzfilme, entstanden sind sie mithilfe einer Förderung von RISE.

Drei der Filmemacherinnen habe ich für diesen Podcast getroffen.

 

Annika

Ich heiße Annika, ich bin Journalistin und Filmemacherin und habe das Projekt „:in“ ins Leben gerufen, eine Webserie über FLINTA-Personen, die in männerdominierten Berufen arbeiten, und habe in den ersten drei Folgen eine Winzerin, eine Rapperin und eine Tischlerin porträtiert.

 

Charlot

Ich bin Charlot, ich bin 25 Jahre alt und ich arbeite als freischaffende Filmemacherin in Berlin. Und mit meinem Projekt „Hysteria“ habe ich mich damals bei RISE beworben, tatsächlich auch durch Zufall. Ich hatte nach Fördermöglichkeiten gesucht, für Kurzfilme, und ich hatte einen Stoff, der hat ganz gut gepasst und so ist es entstanden.

 

Hannah:

Ich bin Hannah, ich bin ebenfalls 25 Jahre. (…) Ich bin Schauspielerin und bin ein bisschen durch Zufall in Regie und Drehbuch reingerutscht. Und zu RISE sind wir gekommen, weil ich schon mal bei einem anderen Projekt mitgearbeitet habe, von Patrick Knittler, und der hat von RISE die Förderung erhalten. Und dann dachte ich, da melde ich mich auch mal.

 

Moderation

Und das hat dann auch geklappt, das mit dem Melden – Hannah Dalmeyers Kurzfilm „Wenn nicht ja, was dann?“ wurde ebenso von RISE gefördert wie „Hysteria“ von Charlot van Heeswijk sowie die Webserie „Doppelpunkt IN“ von Annika Prigge.

Alle drei beschäftigen sich mit Gender und Gesellschaft, damit, welche besonderen Herausforderungen es für Frauen und als Frauen gelesene Personen gibt. Es geht um Liebe und Sexualität, um die Arbeitswelt und um gesellschaftliche Erwartungen.

 

Julia

Warum sind euch Fragen rund um Gender wichtig? Und wann und wie seid ihr selbst mit diesem Themenbereich in Berührung gekommen?

 

Annika

Voll die gute Frage – ich glaube, eigentlich schon immer, ich weiß nicht, wie es euch ging, aber dadurch, dass ich als Frau auf die Welt gekommen bin, hat das Leben manchmal direkt ein paar mehr Brücken geworfen als vielleicht bei Jungs. Ich habe zwei ältere Brüder und wollte früher immer gerne ein Junge sein, weil ich dachte, die könnten Profifußballer werden. Und schon damals war mir klar, dass ich das nicht machen könnte, weil ich da nicht so viel Geld verdienen würde. Und in einer Welt, die von Männern dominiert ist, habe ich oft Erfahrungen gemacht, in denen ich mich nicht gleichberechtigt gefühlt habe. Und es hat sich so von meiner Kindheit in meine Jugend, in mein Erwachsenenalter und auch durch meinen Job als Journalistin komplett durchgezogen. Und deshalb ist Gender und Identität schon immer ein wichtiger Faktor für mich.

 

Charlot

Rückblickend betrachtet kann ich heute sagen, dass es eigentlich ein Privileg war, dass ich mich damit so früh auseinandersetzen musste. Dadurch, dass ich selber relativ früh dann doch in meinen Jugendjahren gemerkt habe, dass ich queer bin, dass ich eben nicht heterosexuell bin, war das irgendwie so ein Thema, was ich selber für mich dekonstruieren musste. Also, was bedeutet Sexualität für mich? Was bedeutet Gender und Geschlecht für mich? Und heute ist es für mich, wie gesagt, ein wahnsinniges Privileg, weil ich glaube, dass viele, viele Leute davon profitieren könnten und würden, wenn sie früher die Chance dazu bekämen, aus ihren Rollen auszubrechen, die ihnen von der Gesellschaft auferlegt werden. Und deshalb war das für mich gar keine Frage von „Wann habe ich angefangen, mich damit auseinanderzusetzen?“, sondern dass – ich musste. Ich musste einfach. Ja.

 

Julia

Geht es dir genauso, Hannah?

 

Hannah

Ja, ich weiß gar nicht, was ich da anderes zu sagen kann. Ich meine, ich bin ebenfalls als Frau geboren und dementsprechend auf eine gewisse Art und Weise sozialisiert und habe sehr früh auch durch meine Umgebung, durch mein Umfeld, Freundeskreise, mich auf eine bestimmte Art und Weise gelernt zu sehen und zu verhalten. Und ja, also, ich weiß gar nicht, ob ich so früh angefangen habe, mich damit zu beschäftigen. Ich glaube, durchschnittlich früh, so wie die meisten anderen als Frauen gelesenen Personen. Ich denke, in der Teenagerzeit, wenn das erste Mal überhaupt die Weiblichkeit ein Thema wird und die Sexualität ein Thema wird.

Und wenn man das erste Mal mit dementsprechend auch sexuellen Übergriffen in Kontakt kommt. Und ja, das ist ja ein sehr fließender Prozess, den die meisten FLINTA durchmachen.

 

Julia

Wenn wir jetzt in die Filme gehen und wenn wir mit „Hysteria“ anfangen von Charlot, ein fiktionaler Film, ungefähr eine Viertelstunde lang. Wie würdest du deinen Film beschreiben? Was behandelt der Film in Bezug auf Gender? Und woher kommt überhaupt der Name, der fällt glaube ich nicht in dem Film selbst.

 

Charlot

Genau. Also, „Hysteria“ war für mich als Film ein Versuch, mit einer Wut und einem Frust umzugehen, die ich als Frau sehr oft erfahren habe. Nämlich eben die Wut und der Frust, die man spürt nach so einer Situation von sexueller Belästigung. Und das ist eben das, womit die Protagonistinnen Daja und Robin in dem Film auch umgehen müssen. Es ist ein junges lesbisches Liebespaar, die auf dem Heimweg von einer Party in der U-Bahn eben aufgrund ihrer Sexualität und aufgrund ihres Weiblichseins blöd angemacht werden. Und das ist eine Situation, die eben eskaliert. Und da kam das so ein bisschen her.

Der Name, das ist eigentlich ganz spannend, hat mehrere Bedeutungen. Aber vor allem ist es eben etwas, was einen Zustand beschreibt von Frauen, die, also, wir kennen ja das Sprichwort: Sei mal nicht so hysterisch. Wenn eine Frau sich aufregt über irgendwas, und das zu gutem Recht, dann wird sie als hysterisch abgestempelt. Das heißt, ihre Wut wird nicht anerkannt als irgendwas, was total gerechtfertigt ist, sondern es wird irgendwie abgeschrieben als eine Überreaktion. Es wird nicht gesehen, es wird nicht ernst genommen. Und da passiert – genau, das ist das Zusammenspiel zwischen dem Titel und dem Film, weil das eben auch was ist, was genau in dem Film beleuchtet wird.

 

Julia

Ja, und nicht anerkannt wird es ja dann auch. Das war für mich so die Schlüsselszene von einer Polizistin, zu der die beiden dann doch gehen, nach langen Überlegungen.

**** Ausschnitt  ****

Polizistin: Also, jetzt mal ganz von vorne. Er hat sie einfach so geschlagen?

Daja: Nein, nicht einfach so. Er hat sie angegrabscht, und ich habe sie dann verteidigt.

Polizistin: Ich dachte, er hätte Sie angegrabscht.

Robin: Nein, mich. Mich hat er angegrabscht.

Polizistin: Also, er hat Sie angegrabscht und Sie geschlagen?

Daja: Mann, er hat ihr an den Arsch gepackt. Ich hab ihm dann eine reingehauen.

Polizistin: Dann haben Sie ja zuerst zugeschlagen.

Robin: Was hätten wir denn machen sollen? Die waren zu dritt.

Polizistin: Hören Sie – Sie können gerne Anzeige wegen Körperverletzung erstatten, aber selbst wenn wir den Tatverdächtigen finden, so wie Sie den Tathergang beschreiben, hat er sich doch lediglich selbst verteidigt. Also, steht ja dann Aussage gegen Aussage. Na ja, geben Sie mir erst mal Ihren Ausweis.

Julia

Was war dir an dieser Szene wichtig? Ist das für dich auch eine Schlüsselszene oder eine unter vielen?

 

Charlot

Also, da kommen viele Sachen zusammen. Diese Szene ist für mich zum einen wichtig, um so ein bisschen zu zeigen: Die beiden gehen wahnsinnig unterschiedlich mit der Situation um, und Gerechtigkeit bedeutet nicht das gleiche für Daja und Robin. Also, wo Daja eben darauf pocht, dass der gerechte Weg jetzt irgendwie der Weg über die Justiz ist, da ist Robin vielleicht eher selbstgerecht, und ich finde, was man in der Szene ganz schön beobachten kann, ist eben, dass dieses Problem, dass Frauen eben nicht ernst genommen werden, dass das so weit geht, dass das ein strukturelles Problem ist, dass es oft auch eben Frauen selber sind, die sich nicht glauben wollen, die irgendwie mit dem Finger aufeinander zeigen und sich gegenseitig die Opferrolle absprechen.

So Frauen, die sich dann über andere Frauen stellen und sagen: Ja, na ja, wenn du so rumläufst, dann ist das ja kein Wunder. Oder in dem Fall: Na ja, vielleicht war dein Handeln ja ein bisschen provozierend.

 

Annika

Ich kenne diese Frage selber total von mir, dass ich, wenn ich sexuell belästigt wurde oder werde, mich immer frage: Bin ich irgendwie zu weit gegangen, war mein Outfit nicht in Ordnung? Habe ich irgendwas Anmaßendes gesagt, dass sich der Mensch, mein Gegenüber, das herausnimmt, mich zu belästigen? Deshalb kann ich den Gedankengang voll gut nachvollziehen.

 

Hannah

Ja, ich fand das Thema auch gerade so spannend, weil was in deinem Film ja auch aufgegriffen wird, ist ja, dass nicht die einzige Gefahr, die aus so einem Angriff heraus entsteht, ist, dass du sexuell belästigt wirst, sondern auch, dass du einfach körperlich Gewalt erfährst.

Und ich glaube, dass es so, ja so wahnsinnig wenig gezeigt wird, wie groß die Angst davor eigentlich ist. Also, nicht nur davor, dass wir jetzt irgendwie belästigt werden könnten, dass uns jemand anfasst, wo wir es nicht wollen, keine Ahnung, sondern dass jemand auch tatsächlich gewalttätig werden könnte.

 

Julia

Deswegen würde ich jetzt zu deinem Film ganz gerne kommen, weil tatsächlich schließt es da ganz gut dran an, also, im Grunde endet der Film „Wenn nicht ja, was dann?“ da, wo jemand sich Hilfe holt oder wo eine Vergewaltigung passiert ist. Und hauptsächlich dreht sich der Film aber um diese Vergewaltigung und es gibt eine Triggerwarnung auch entsprechend für den Film. Wir haben gerade schon ein bisschen deine Perspektive gehört – kannst du nochmal sagen, warum es dir wichtig war, genau mit dieser Frage und der Entstehung von dieser Gewalt – ja, warum das für dich zentral war?

 

Hannah

Ich glaube, da muss ich auch erst mal ein bisschen ausholen. Also, entstanden ist die ganze Idee tatsächlich daraus, dass der Hauptdarsteller, der männliche Hauptdarsteller Jannis Achermann, zu mir gekommen ist und sagte: Ich möchte eine Rolle spielen, in der ich ein wirkliches Arschloch bin. Ich möchte eine Rolle spielen, in der ein richtiger Abgrund gezeigt wird. Und er hatte halt auch diese Idee, dass es sich um eine Vergewaltigung drehen könnte oder um sexuellen Übergriff.

Und dann habe ich erst mal drüber nachgedacht und dachte: Okay, ich kann mit dir keine Szene machen, in der es darum geht, dass ein großer, sperriger Typ irgendwie eine Frau in einen Van zieht, weil er einfach ein sehr schlanker Mann ist, ein sehr feiner Mann und offensichtlich auch ein sehr, sehr emotionaler Mensch. Und dann habe ich mir eine Situation überlegt, weil ich denke, jeder Mensch ist generell dazu in der Lage, Gewalt auszuüben. Und dann dachte ich: Wie würde das für dich passieren können?

Was auch ein ganz seltsamer Prozess war, sich zu überlegen: Wie kann dieser gute Freund von mir in eine Situation kommen, in der er sexuell übergriffig gegenüber einer Frau wird? Ja und für mich ging’s zentral um die Frage: Wie gehen wir damit um, wenn das passiert? Weil dass es passiert, ist keine Frage. Aber die Partygäste beispielsweise, die ja die letzten Bilder sind, in meinem Film, das ist quasi ein bisschen die Frage, mit der ich das Publikum entlassen möchte. Also, wie reagiert ihr jetzt? Was machen wir jetzt damit?

 

Julia

Das eine ist ja das Drehbuch, das andere ist es dann tatsächlich zu filmen, umzusetzen, am Set. Wie seid ihr da in den Vorbereitungen und am Set mit umgegangen?

 

Hannah

Wir hatten wahnsinnig Glück dadurch, dass wir die Intimacy-Koordinatorin Julia Effertz am Set hatten. Das war eine tolle Erfahrung.

 

Julia

Was machen Intimacy Coaches?

Hannah

Intimacy Coaches sind nochmal was anderes als Intimacy-Koordinator, weil Coach – sie machen, therapiemäßig gehen sie in Intimität-Coaching mit Privatpersonen oder Gruppen, die da einen gewissen Bedarf an den Tag legen. Koordinatoren sind am Set dabei, wenn Sexszenen oder intime Szenen generell gedreht werden. Und genau das wollten wir bei uns am Set auch haben, weil uns bewusst war, dass das nichts Einfaches ist und dass, ja, da ich selber auch Schauspielerin bin, weiß ich, wie wahnsinnig leicht es ist, einen Schauspieler in der Arbeit, der sich gerade wahnsinnig aufmacht und wahnsinnig verletzbar ist, nachhaltig wirklich zu traumatisieren.

Und, genau, sie hat mit uns Übungen gemacht, sie hat das quasi mit den beiden Schauspielern und mir vor Ort erarbeitet, und sie ist das Ganze angegangen im Grunde wie, wie ein Kampf, also wie eine Kampfszene. Es wurde total durchchoreografiert, da gab es kein „Ich glaube, ich improvisiere hier mal was dazu“. Das war in der Situation einfach nicht machbar, weil wir gesagt haben: Okay, es ist so fragil, die ganze Situation, da müssen sich beide aufeinander verlassen können.

 

Julia

Auf jeden Fall total beeindruckend, finde ich, wie intensiv und intim die Szene dann tatsächlich in dem Film ist.

Ich würde gerne – wir haben noch viele Themen – erst mal einen kleinen Cut machen, inhaltlich, würde ich jedenfalls so sehen, und zu Annikas Webserie kommen, die eben anders als eure Filme dokumentarisch ist und Frauen porträtiert. Du hast schon gesagt: Tischlerin, Winzerin und Rapperin in den ersten drei Folgen. Vielleicht verrätst du auch noch, ob es weitergeht und wenn ja, mit wem? Also, es geht um Vorurteile und Schwierigkeiten in den Jobs. Magst du ein, zwei Lieblingsmomente, Schlüsselszenen für dich kurz schildern?

 

Annika

Ich glaube, so bei den Drehs an sich, dokumentarisch geht man ja noch mal anders dran als fiktional, wusste ich schon ganz, ganz viel vorher, weil man wirklich – ich habe sehr viele Vorgespräche mit den Protagonistinnen geführt, die ich alle unterschiedlich gefunden hab und sehr glücklich über alle drei bin. Aber es gab trotzdem Momente, wo mir am Set während des Interviews – die gingen relativ lange – voll die Tränen gelaufen sind, einfach weil ich mich und viele andere Freundinnen auch voll in diesen Situationen gespiegelt sehe.

Und auch sehe, dass die drei jeweils irgendwie so Karriere machen in einem männerdominierten Beruf, trotz krasser Schwierigkeiten, einfach voll die Leidenschaft für den Job haben. Und da gab es zum Beispiel – also, das ist eigentlich der rote Faden von allen dreien und was auch alle trotz der unterschiedlichen Berufe verknüpft, die Leidenschaft für den Job, und weitergemacht zu haben, obwohl ziemlich viele Beine gestellt worden sind.

Und während des Interviews hat die Winzerin, Pauline, von einer Situation erzählt, als sie ihren ersten eigenen Wein in so einer Winzerrunde vorgestellt hat. Und auch nicht Winzer:innenrunde, sondern wirklich Winzerrunde, weil auch diese Branche noch sehr männerdominiert ist. Und sie hat die Situation geschildert, dass, bevor die Menschen am Tisch probiert haben, schon darüber gesprochen wurde, dass der Wein ja nicht gut sein könne. Und man hat so ihre Tränen während des Interviews gesehen, und das hat mir richtig so einen Stich versetzt. Und diese Momente hatte ich eigentlich mit allen dreien. Also, Isabell, die Tischlerin, erzählt zum Beispiel in ihrer Episode, dass sie immer wieder, obwohl sie ausgebildete Tischlerin ist und Projekte leitet, gefragt wird, von anderen Handwerkern, ob sie eine Bohrmaschine hätte oder ob sie weiß, wie das funktioniert. Und da fühlst du dich natürlich überhaupt nicht ernst genommen. Und das ist ja auch einfach so – du wirst einfach immer wieder diskreditiert, obwohl du dich schon längst bewiesen hast.

Oder Liser, die Rapperin, erzählt, dass sie selbst in ihrem Freundeskreis, der eigentlich voll der Safe Space ist, teilweise trotzdem so was gesagt bekommen hat wie: Ja, du hör mal, heute wollen nur die Jungs zusammen proben. Das nächste Mal bist du wieder dabei.

Dieses Gefühl, dass man nicht nur von den Männern, die man eigentlich nicht kennt, aus dem Umfeld, aus dieser Arbeitswelt, nicht immer akzeptiert wird, sondern dass auch Freunde und so Männer, die einem nahestehen, einem nicht immer alles zutrauen. Und so sehr ich die Männer aus meinem Umfeld liebe, mit denen ich irgendwie so aufgewachsen bin, ist mir das ständig auch selber passiert. Und das waren Momente, die mich immer wieder so auf den Boden der Tatsachen geholt haben, während der Dreharbeiten ja.

 

Hannah

Ich hab da auch noch mal ne Frage zu – und zwar: Ist dir das tatsächlich auch am Set passiert, in der Position als Regie? Weil ich habe das beispielsweise hier und da immer mal wieder mitbekommen. Mein Freund, mein Partner, der hat die Produktion übernommen. Zum Beispiel wenn wir Location Scouting oder so gemacht haben, dann wurde immer wieder er angesprochen.

 

Annika

Ja, voll die spannende Frage. Selbst mein eigenes Team ist eine gemischte Truppe aus Kameramännern, einem Cutter, einer Sounddesignerin, Redakteurinnen. Und das ist wirklich ein absoluter Safe Space, weil wir uns alle schon länger kennen, schon lange miteinander gearbeitet haben und die auch wussten, dass mir das wichtig ist, dass wir wirklich in so einem Safe Space sind.

Deshalb habe ich bei den Dreharbeiten das nicht so erlebt. Ich habe es aber schon bei diversen anderen Dreharbeiten erlebt. Ich habe in Hamburg und in Köln beim Fernsehen gearbeitet. Da habe ich klassischerweise oft mit älteren Kameramännern zusammengearbeitet. Ich war immer nur mit männlich besetzten Teams, Tonmann, Kameramann unterwegs. Und als ich das erste Mal meine eigene MAZ, also meinen ersten eigenen kleinen Beitrag im Fernsehen gemacht habe, da war ich 21, 22 – da wurde ich auch nicht ernst genommen, da musste ich schon immer so einen auf „Hey, ich bin auch cool und lässig, nimm mich mal ernst“.

Mittlerweile arbeite ich zum Beispiel in Berlin für ein feministisches Online-Format und wir haben komplett das Team besetzt mit FLINTA-Personen. Also, wir sind Kamerafrauen, Sounddesignerinnen, Cutterinnen, und wir haben auch so einen queeren Safe Space. Und das macht auf jeden Fall einen Unterschied, auch für die Protagonistinnen am Set, weil man merkt, da kommt einfach so – die können sich mehr öffnen.

 

Julia

Spannend. Jetzt haben wir schon sehr viel zu den Produktionen gehört, ich würde gerne zum Film mehr als Produkt kommen. Was liebt ihr daran, Filme zu machen, und warum meint ihr, eignet sich Film besonders, um gesellschaftlich relevante Fragen zu behandeln? Tut es das überhaupt?

Charlot

Ich glaube, Film ist ein Medium, was erst mal wahnsinnig leicht zugänglich ist. Und das macht es für mich zu einem wahnsinnig geeigneten Medium, um eben gesellschaftlich relevante Themen zu behandeln und irgendwie in ein breites Spektrum an Menschen zu bringen.

Und ich glaube, deswegen bin ich auch sehr, sehr froh für einen Film wie „Hysteria“ dieses Medium gewählt zu haben, weil ich irgendwie weiß, damit kommt es bei den richtigen Leuten an. Hoffentlich.

 

Hannah

Ich stimme da total zu, ich finde gerade den Punkt von der Zugänglichkeit wahnsinnig wichtig, den du gerade angesprochen hast. (…) Und ich finde, Film gibt die Möglichkeit, mehr Leute anzusprechen. Und ich finde das gerade für Kunst wichtig. Dass wir uns nicht elitär verhalten, dass wir zugänglich bleiben und nicht sagen: Hey, wir machen unsere Kunst oder unsere Bilder oder unsere Aussagen nur für eine bestimmte Schicht oder Gruppe Menschen zugänglich.

 

Charlot

Das war mir auch wahnsinnig wichtig bei der Konzeption und der Umsetzung von meinem Kurzfilm, von „Hysteria“, dass der irgendwie zugänglich bleibt, vor allem auch für ein jüngeres Publikum, weil das ist irgendwie so eine Thematik. Ich muss mich nicht da hinstellen und das runterbeten für Leute in meiner Blase, die das alles schon 150-mal gehört haben, das ist irgendwie Quatsch. Also, ich glaube, wenn ich es schaffe, irgendwie mit so einem Film Leute zu erreichen, vor allem junge Leute, die sich vielleicht dadurch zum ersten Mal dazu inspiriert fühlen, mal über diese Thematik nachzudenken, dann habe ich viel mehr erreicht, als wenn ich irgendeinen verkopften Kunstfilm mache, wo am Ende niemand durchsteigt.

 

Annika

Ich wollte noch zu der Frage davor sagen, dass ich einfach finde, dass man bei Film so viel fühlt, genauso wie bei Musik oder Büchern oder Theater – und eine Message, die einem selber wichtig ist und wenn man das Handwerk davon gelernt hat, andere Leute das fühlen zu lassen. Das finde ich toll. Und auch wie du sagst, dass ich die Hoffnung habe, dass das junge Menschen oder Menschen, die nicht aus dieser Bubble kommen, aus dieser irgendwie feministischen Bubble, das sehen und so checken: Ach krass – so eine 14-Jährige in der Mittelstufe, ach, ich könnte ja auch Handwerkerin werden. Und warum werde ich nicht Pilotin? Also, neue Messages mit auf den Weg zu geben oder queere Liebe, Liebe – ich kann das ausleben. Oder Vergewaltigung: Ich kann Hilfe einfordern, kann Bescheid geben. Also, so eine Message, die – wir haben alle drei sehr unterschiedliche Geschichten, eigentlich – aber vor allem jungen Leuten mit auf den Weg zu geben, das hätte ich mir in dem Alter viel, viel mehr gewünscht.

 

Julia

Habt ihr schon Reaktionen bekommen von jungen Leuten oder auch Freundeskreis? Wie sind bisher eure Projekte aufgenommen worden?

 

Charlot

Was bis jetzt zurückgekommen ist, über Filmfestivals oder über online oder auch von Freunden und Bekannten, war eigentlich bisher durchweg positiv. Ich wünsche mir natürlich irgendwo, dass trotzdem irgendwo eine Diskussion entsteht. Ich glaube, meine Pflicht als Filmemacherin hätte ich vielleicht auch irgendwo verfehlt, wenn dabei ein Film rauskommt, der zu glatt ist.

 

Annika

Bei mir im Freundeskreis oder bei mir – oder anders gesagt bei „Doppelpunkt IN“, bei dem Projekt, kam super viel, auch Gegenwind. Gendern ist ein Thema, das bringt ja – alle Leute irgendwie kriegen da ja feuchte Höschen bei. Das hat aber ganz viel angeregt, bei mir selbst. Also, am Anfang hatte ich nämlich noch – der Arbeitstitel von dem Projekt, am Anfang, vor anderthalb Jahren, vor einem Jahr noch: „die Webserie über junge, starke Frauen in Männerdomänen“. Bis ich irgendwie auch gecheckt habe: Ah, das ist auch nicht mehr so der Zeitgeist, weil „junge, starke Frauen“ – das transportiert ja auch irgendwie so ein Bild, dass Frauen nicht immer jung und stark sind.

Und zum Beispiel hat sich in meiner Familie, hat meine Mutter am Anfang zu mir gesagt: Ja, ich find, das ist eine tolle Idee. Aber Gendern ist doch auch super anstrengend, oder? Und dann war ich so: „Ja Mama, am Anfang fand ich das auch. Aber wenn du von Journalisten sprichst, dann sprichst du einfach immer nicht von mir.“ Und als ich das auf dieser persönlichen Ebene mit ihr besprochen habe, hat meine Mutter das so gecheckt, und die ist Dozentin für Krankenpflege und hat angefangen, im Unterricht zu gendern. Und sie bildet vor allem ausländische Pflegekräfte aus und gendert dort Texte und ruft mich immer wieder an: „Wie gender ich das? Und kannst du mir kurz helfen bei dem Text?“

Und das finde ich so schön, dass bei einer Person, wo das irgendwie gar kein Thema war, das so auf die Platte gekommen ist und auch akzeptiert wurde und angewendet wird. Und das hat mich voll stolz gemacht. Im engen Kreis zu merken, dass mein Filmprojekt Leute dazu beeinflusst hat, deren Sprache inklusiver zu machen.

 

Julia

Also, ich vermute, dass ihr alle sehr glücklich darüber seid, dass im Rahmen von RISE die Filme dann tatsächlich auch in den Schulen behandelt werden. War das für euch auch ein Anreiz, euch zu bewerben für das Projekt, für die Unterstützung hier, dass es dann ein ganz anderes Zielpublikum hat?

 

Annika

Auf jeden Fall. Also, darüber haben wir ja schon eingangs gesprochen, dass es voll schön ist, wenn man so merkt, dass über das Medium Film die eigene Message, die einem wichtig ist und für die man schon lange einsteht, dass die transportiert wird und irgendwie auch diskutiert wird. Wie du gesagt hast, du möchtest keinen glatten Film produzieren, sondern das soll auch Diskurs bieten und eine Debatte liefern. Und da gibt es halt nicht ja und nein und schwarz und weiß. Und das ist auch alles ausdiskutierbar, irgendwie. Und dass in einem schulischen Kontext diese Debatten geführt werden – ich glaube, das ist Zeit – und voll schön, dass man irgendwie ein Teil von dieser Diskussionskultur sein kann.

 

Charlot

Ja, ja, absolut, ich glaube, ich hätte wahrscheinlich einen ganz anderen Film gemacht, wenn er nicht in dem Rahmen von RISE entstanden wäre. Also klar, irgendwie hatte ich den Stoff im Hinterkopf, aber diese Förderung dann zu finden und ihn dann darauf anzupassen, das hat maßgeblich dazu beigetragen, dass das der Film geworden ist, der es jetzt geworden ist, und eben auch das im Hinterkopf zu haben, dass er eben, wie gesagt, über meine Blase hinaus auf jeden Fall eine Wirkkraft haben wird. Das hat mich ungemein bestärkt.

 

Hannah

Mir geht es total ähnlich, ich bin auch sehr froh, dass das mal von Schülern und Schülerinnen besprochen werden kann, weil wenn ich beispielsweise an den Sexualkundeunterricht zurückdenke, den ich hatte. Also, ich hoffe von vollstem Herzen, dass Neuntklässler heutzutage nicht jeder im Doppelpack in Zweiergruppen vor einem Holzdildo sitzen und einfach ein Kondom runterrollen und danach in Mädchen und Jungs aufgeteilt werden. Und dann wird den Mädchen aber mal die Tampon-Packung und (flüstert) „Wenn ihr mal was braucht“.

Also, ich hoffe es, dass Themen besprochen werden, die wichtig sind in dem Alter. Du lernst gerade deine Sexualität kennen, lernst gerade wie das überhaupt geht, Nähe zuzulassen. Ja, machst deine ersten Erfahrungen und dementsprechend auch deine ersten negativen Erfahrungen. Und da mal sich mit zu beschäftigen und überhaupt zu gucken – und wenn ich mir vorstelle, da sitzt eine Klasse und da sind wahnsinnig viele Jungs drin und die gucken sich „Wenn nicht ja, was dann?“ an und dann wird mal darüber geredet. So, und wenn ihr der Typ wärt, der diese Hausparty hier gemacht hat, was würdet ihr jetzt machen? Was würdet ihr jetzt sagen? Würdet ihr dem Mädchen glauben? Oder würdet ihr erst mal sagen: Ja, der ist halt so ein bisschen so, ne, finden wir alle ein bisschen komisch, aber ich glaube auch nicht, dass da was war. Wie würde man damit umgehen? Und ich glaube, das ist wahnsinnig, wahnsinnig, wahnsinnig wichtig, das auch gerade jungen Männern und Jungs mal beizubringen.

 

Julia

Ich würde gern noch am Ende euch fragen, woran ihr gerade arbeitet. Macht ihr weiter filmisch zu dem Thema Gender? Macht ihr was ganz anderes? Wo seid ihr gerade?

 

Charlot

Ich glaube, dass diese Themen von Gender und Sexualität – dass das immer was sein wird, was irgendwo in meiner Arbeit mit einfließen wird, einfach weil das irgendwie ein Teil meiner Identität ist. Deswegen glaube ich nicht, dass es unbedingt etwas ist, wo ich so ganz bewusst irgendwie vielleicht weiter dranbleibe, sondern dass das was ist, was immer wieder ganz natürlich mit mir reinkommt, weil es eben die Linse ist, durch die ich die Welt betrachte.

Und ja, ich arbeite jetzt gerade an einem Doku-Projekt, was sich eher in so einem Club-Kosmos bewegt, wo es aber auch um ja sicherlich auch ganz natürlicherweise auch um queere Identitäten gehen wird. Genau. Und Personen aus dem Nachtleben.

Hannah

Ich habe diesen Sommer gerade abgedreht einen neuen Kurzfilm, den ich mit meinem Kameramann Patrick Knittler umgesetzt habe, der ist bei eigentlich jedem meiner Sachen seit drei, vier Jahren, wir arbeiten uns immer gegenseitig zu und es ist eine tolle Teamarbeit. Und er hatte ein Drehbuch geschrieben und mich gefragt, ob ich dabei Regie machen kann. Das ist gar nicht mal so, dass ich sagen würde, es geht um dieses feministische, queere Thema. Es ist aber wieder sehr beim Thema Männlichkeit. Also, genau, das handelt von drei Generationen von Männern im Grunde genommen und von dem Kontakt, der nicht zwischen Vater und Sohn besteht. Und wie dieser Sohn jetzt mit seinem eigenen kleinen Kind umgeht und auch mit der Erinnerung, die er an den Vater hat.

 

Julia

Und Annikas Webserie „Doppelpunkt IN“ geht weiter?

 

Annika

Also, das planen wir gerade – die wird gerade gepitcht, bei einem Sender, bei einem Jugendformat, ein öffentlich rechtliches. Und wir hoffen sehr, dass wir weitermachen können. Weil ohne Budget geht es nicht. Aber ich finde tatsächlich, bei mir ist es so eine Entscheidung wie bei Matrix. Diese – Was ist das – grüne oder blaue Pille –

 

Charlot

– blaue und rote –

 

Annika

Ja – Blaue und rote Pille. Ich habe jetzt einmal die Pille mit der Wahrheit genommen, jetzt kann ich nicht mehr Field-Reporterin beim Fußball werden, auf jeden Fall nicht auf die Art und Weise, wie ich das früher gewollt hätte. Und ich finde es auch voll schön zu wissen, dass sich diese Themen eingebrannt haben in meinem Kopf, wenn ich weiterhin dafür kämpfen möchte. Sei es an einem männerdominierten Set: Ich arbeite gerade für ein öffentlich rechtliches Jugendformat, wo es ganz viel um das Thema Aufklärung und Feminismus, Selbstbestimmung, toxische Männlichkeit etc. geht, um Tabubruch. Und diese Arbeit möchte ich auf jeden Fall in meine nächsten Projekte weiter einfließen lassen. Beispielsweise zu schauen: Kann ich auch mit einer Kamerafrau arbeiten, bei so einem Projekt? Oder wie schaffen wir, dass wir diese Moral, die wir irgendwie in so einem Projekt verfolgen, Gleichberechtigung, auch hinter den Kulissen schaffen? Wie kann ich meinen Standpunkt bei meinen Vorgesetzten, die meistens Männer sind, klar machen, mich nicht mehr runtermachen lassen? Ich glaube, das sind so Themen, die mich in Zukunft nicht mehr loslassen werden, und es soll auch so nicht sein.

 

Julia

Super! Gibt es noch – also, die Frage, ob wir was vergessen haben, wir haben natürlich über ganz viel nicht gesprochen, aber ich dachte, wenn ihr noch einmal zurückdenkt an die Schulzeit, gibt es noch was, was euch einfällt zum Thema Geschlecht und Gender, wo ihr denkt: Hätte mir das jemand mal gesagt oder hätte Lehrerin X das mal getan? Gibt es da noch spontan etwas, das euch einfällt?

 

Hannah

So, so viele Sachen. Also, ich kann mich da gar nicht richtig festlegen. Klar, Periode war ein Thema. Was mir auch noch spontan einfällt: Wir hatten Lehrer, die einfach geshamed haben, über die Sachen, die man anhatte als Frau, wenn man im Hochsommer da im Spaghettitop saß, im Unterricht, und dann auf einmal vom Lehrer gesagt wurde, man solle die Jungs nicht ablenken oder solche Kisten. Oder auch eine Mitschülerin von mir, die dann damals die Treppe runterging in einem tief ausgeschnittenen T-Shirt, weil sie es einfach anhatte, es war Sommer, und dann die Lehrerin vorbeikam und ihr gesagt hat, sie soll das hochziehen und ob sie provozieren möchte. Solche Sachen gab es – Sexualität, Menstruationsfragen, Shaming für Klamotten, die Frauen getragen haben. Ich glaube, die Liste ist wahnsinnig, wahnsinnig lang. Und ein akutes Beispiel, das ich letztens von einer Lehrerin gehört habe, war: Die hatten eine Transperson, die irgendwie in der zwölften Klasse war, glaube ich. Und diese Person hat sich jetzt halt gewünscht, auch vom Personal, dass neue Pronomen benutzt werden.

Und da meinte die entsprechende Lehrerin, dass es ein wahnsinniges Aufgebot gab im Lehrerzimmer, wo darüber geredet wurde. Und: „Ach, und macht sich die Person nicht dadurch angreifbar von anderen Kindern“ – wo ich dachte: Boah, Alter, also!? Dann klärt auf, dann macht was, dann tut.

 

Charlot

Ich glaube, es gibt eine Sache. Allerdings weiß ich nicht, ob das wirklich was ist, was im Klassenraum hätte gelöst werden können. Aber was ich wahnsinnig vermisst habe und erst viel später wahrgenommen habe, wie wichtig das ist, so ein Solidaritätsgefühl zwischen Frauen untereinander aufzubauen. Und erst als ich in meinen Zwanzigern war oder so angefangen habe, über die Sachen im Einzelnen zu reden: Ey, da hat mich einer an der Straßenecke blöd angemacht. Hier bin ich irgendwie dumm angemacht worden – und dann gab’s schon so einen Moment von: Ey, krass, so ging es uns irgendwie allen und wir haben uns nie zusammengesetzt und darüber geredet und irgendwie einfach mal festgestellt, dass es hier eigentlich… Dass es hier eigentlich ein viel größeres Solidaritätsgefühl geben müsste. Und ich glaube, das ist etwas, was ich auch gerade in so einem Kontext von lesbischen Beziehungen noch mal als wahnsinniges Alleinstellungsmerkmal erfahren habe, weil da so diese Solidarität miteinander, dieses Gefühl von geteilter Ungerechtigkeit und für sich dann da sein in diesen Momenten, ähm, was für mich wirklich für diese Beziehungen wahnsinniges Alleinstellungsmerkmal ist, was auch was ist, was ich versucht habe in dem Film herauszuarbeiten.

 

Annika

Ja, das fühl ich total, was du sagst. Dieses sich gegenseitig encouragen, und das finde ich auch jetzt in der Arbeitswelt – mache ich es immer mehr, weil ich mit so vielen tollen Menschen zusammenarbeite, das so gegenseitig zu sehen und auch zu benennen ist schön.

Ich glaube, ich bin immer wieder an dieses krasse binäre System irgendwie angeeckt.

Und eine Erfahrung aus meinem Schulkontext ist, als mich ein Lehrer sexuell belästigt hat, und ich das erst 5, 6 Jahre später meiner besten Freundin, mit der ich auch in einer Klasse war, erzählt habe. Und ich erinnere mich immer noch an diese Situation – immer, oder mich sehr lange gefragt habe, ob ich das Problem in der Situation war. Ich hatte ein sehr kurzes Kleid an, weil wir haben gerade für ein Musical geprobt, und dann habe ich vor 3, 4 Jahren erfahren, dass er von der Schule geflogen ist, weil er mit einem Mädchen aus der Mittel- oder Oberstufe was angefangen hat. Und das fand ich so krass, weil ich solche Erfahrungen gemacht habe und lange Zeit das niemanden erzählt habe. Aus Scham und aus Angst, dass ich irgendwie doch alleine damit bin, und mehr so Gesprächsraum in Schulen für solche Momente und für Menschen, die diesen Bedarf haben zu sprechen, zu schaffen, finde ich wahnsinnig wichtig.

Und auch Pädagog*innen darauf zu spezialisieren, hinzuhören und vor allem auch Glauben zu schenken. Ja, das hat mir auf jeden Fall gefehlt.

 

Moderation

Das war das sehr anregende Gespräch mit Annika, Charlot und Hannah – und wer jetzt sofort die Filme von den dreien sehen möchte, kann gleich auf die Website rise-jugendkultur.de gehen. Doch vorher gebe ich noch das Wort an Charlotte Oberstuke. Zusammen mit Nina Kunz erstellt sie das pädagogische Begleitmaterial für RISE, und darüber habe ich mit ihr gesprochen.

 

Julia

Was ist für dich besonders interessant, pädagogisch gesehen, oder auch hilfreich bei den drei Filmen der Filmemacherinnen, die ich getroffen habe?

 

Charlotte

Also, spannend ist bei allen Filmen, dass sie Einblicke geben in Diskriminierung oder auch Machtstrukturen. Und das greifen wir insofern in den Materialien auf, dass es dann darum geht, Teilnehmende genau dafür zu sensibilisieren und vielleicht auch die Empathiefähigkeit zu fördern, in der Hinsicht, und gleichzeitig ist bei den Filmen besonders schön, dass sie es schaffen, dennoch so etwas wie Selbstermächtigung und Empowerment zu vermitteln.

 

Julia

Was sind denn Herausforderungen, besondere Herausforderungen im Bereich Gender, wenn man zu den Filmen pädagogisches Material erstellen möchte?

 

Charlotte

Also, das ist immer sehr individuell und auch immer abhängig vom Film. Bei „Hysteria“ zum Beispiel ist eine große Herausforderung, dass es Betroffene natürlich auch triggern kann, da es da ganz explizit auch um sexuelle Belästigung geht. Es gibt Filme im Bereich Gender, die dann auch Szenen wirklich sexueller Gewalt zeigen. Das heißt, hier ist es besonders wichtig, dass wir Fachkräfte – denn wir entwickeln das Material ja für pädagogische Fachkräfte oder Lehrkräfte – auf diese Herausforderungen, gerade des Triggerns, aufmerksam machen und im Material Hilfestellungen geben, damit umzugehen bzw. auch ganz konkret Übungen aufzuzeigen, die dann vielleicht nicht umgesetzt werden müssen oder können, bzw. auch die Möglichkeit zu geben, dass das Paket vielleicht einfach nicht das Richtige ist, oder der Film.

 

Julia

Was gibt es denn insgesamt für Begleitmaterialien zum Thema Gender bei RISE? Worauf liegt da hauptsächlich der Fokus?

 

Charlotte

Das ist gar nicht so einfach zu sagen, denn es ist wirklich eine sehr große Bandbreite an Themen, die da behandelt werden. Generell ist es so, das habe ich eben schon anklingen lassen, dass wir auf der einen Seite s­ensibilisieren für Machtstrukturen und eben Betroffene empowern wollen. Zum Beispiel geht es dann um Themen wie Sexismus oder eben Homo- und auch Transfeindlichkeit. Wir wollen oft in den Materialien die Auseinandersetzung mit einengenden Geschlechterrollen und Stereotypen behandeln. Und ein weiteres Beispiel sind eben noch so heteronormative Weltbilder, mit denen natürlich auch Teilnehmende aufgewachsen sind, die zu reflektieren und auch vielleicht gemeinsam zu durchbrechen.

 

Moderation

Das war die vierte Folge des RISE-Podcasts zu Identität, Pluralismus und Extremismus, diesmal mit dem Schwerpunkt Gender. Ich freue mich auf die nächste Folge, in der wir mit Schülerinnen und einer Lehrerin über ihr Engagement gegen Rassismus im Local Empowerment Club am Lessing-Gymnasium in Berlin-Wedding sprechen werden. Mein Name ist Julia Tieke, und ich verabschiede mich bis dahin.