„Wenn man vor Allah tritt, gibt es kein Entkommen.“

Schon ein vergessenes Gebet könne für Gott Anlass sein, den Menschen auf ewig in die Hölle zu verbannen. Umso wichtiger sei es, so heißt es in einem Video des YouTube-Kanals „Macht’s Klick“, den täglichen Gebetspflichten nachzukommen. Der YouTube-Kanal wendet sich vor allem an junge Muslim*innen, mit über 130.000 Abonnent*innen erreicht der Kanal ein größeres Publikum. Das Video mit dem Titel „Hast Du Probleme mit dem Gebet? Das könnte die Lösung sein“ erhielt innerhalb von drei Jahren 320.000 Zugriffe und über 2.000 Kommentare.

„Macht’s Klick“ ist einer der erfolgreichsten Kanäle an der „Peripherie des Extremismus“, wie dieses Spektrum von Forscher*innen beschrieben wird (vgl. Baaken et al. 2019). Er steht für eine islamistische Ausrichtung, wendet sich aber gezielt auch an Nutzer*innen, die jenseits der größeren islamistischen Angebote in sozialen Medien unterwegs sind. Den Macher*innen geht es darum, ihre Zuschauer*innen durch emotionale Ansprachen auf eine rigide religiöse Praxis einzuschwören und den Glauben zum ausschließlichen Maßstab des eigenen Handelns zu machen. Dabei spielt die Warnung vor detailliert beschriebenen und in Videos und Bildern veranschaulichten Höllenqualen eine wichtige Rolle.

Angstpädagogik als erzwungener Gehorsam

Angstpädagogik ist keine Besonderheit des islamistischen Spektrums, sondern findet sich auch in anderen religiösen und nicht-religiösen Kontexten. Auch in Märchen – man denke an den Struwwelpeter – kommt diese Form der Erziehung zum Einsatz. Sie schürt Ängste, um erwünschte und vermeintlich verbindliche Verhaltensweisen zu erzwingen. So stehen auch christliche Strömungen wie die Zeugen Jehovas oder die Glaubensgemeinschaft der Zwölf Stämme in der Kritik, weil sie Gläubige mit psychischem Druck zum Befolgen von religiösen Glaubenspraktiken nötigen wollen. Auch in konservativen islamischen Zusammenhängen finden sich solche Argumentationen. Das Schüren von Bestrafungsängsten lässt sich als ein „Brückennarrativ“ beschreiben, das unterschiedliche religiöse Spektren miteinander verbindet.

Abb. 2, Screenshots von den Facebook-Seiten der Furkan Gemeinschaft und der IGMG Jugend Giessen

In den Erziehungswissenschaften wird diese Form der repressiven Erziehung auch als „Schwarze Pädagogik“ bezeichnet, die dem modernen Erziehungsideal einer Erziehung zu Selbstständigkeit und Freiheit entgegenläuft. Angstpädagogik ist danach „darauf ausgerichtet […], den Willen eines Kindes zu brechen und es mit Hilfe offener oder verborgener Machtausübung, Manipulation und Erpressung zum gehorsamen Menschen zu machen.

Dazu gehören alle intentionalen Handlungen, mit denen ein Kind unter Einsatz körperlicher oder seelischer Mittel zu bestimmten Handlungen bzw. zu einem bestimmten Verhalten gebracht werden soll.“[1] Ein solches Schüren von Emotionen und Bestrafungsängsten zielt letztlich darauf, die erwünschten Werte und Normen auch gegen die eigenen Interessen und Bedürfnisse der angesprochenen Person zu verinnerlichen.

Diese Erziehung beschränkt sich nicht auf direkte persönliche Beziehungen zwischen Eltern und Kind, sondern wird auch in medialen Kontexten zur Durchsetzung von Werten und Normen aufgegriffen. So finden sich in sozialen Medien unzählige Videos – nicht selten mit professionell produzierten Passagen aus Katastrophen- oder Horrorfilmen –, in denen das Leiden der Sünder*innen in der Hölle beschrieben wird, um damit ein züchtiges und vermeintlich gottesfürchtiges Leben einzufordern.

Im islamischen Kontext beziehen sich diese Darstellungen auch auf den Koran, in dem neben der Figur des Iblis (auch „Shaytan“ im Sinne von „Satan“ oder „böser Geist“) auch die „ungläubigen“ Dschinn („Geistwesen“) für schlechte Einflüsse auf den Menschen und dessen moralische Verfehlungen verantwortlich gemacht werden (vgl. Pielow 2015). Der Glaube an Dschinn und den Einfluss von Geistern spiegelt sich in volkstümlichen Formen von Aberglauben, Magie und Okkultismus – auch wenn diese bei den meisten islamischen Gelehrten auf Ablehnung stoßen. In den Traditionen der „Hand der Fatima“ oder des Kaffeesatzlesens haben sich diese Vorstellungen auch über die Religion hinaus verselbstständigt.

Ein weithin bekanntes Beispiel für das Schüren von Bestrafungsängsten, das mit technisch weniger ausgefeilten Methoden auskommt, ist das sogenannte „Rattenmädchen“. Dabei handelt es sich um das Foto einer rattenähnlichen Skulptur, die von einer australischen Künstlerin erstellt wurde. Das Foto des Rattenmädchens kursierte vor mittlerweile 15 Jahren unter Schüler*innen in Deutschland und stellte Lehrer*innen vor große Schwierigkeiten. Das Bild wurde verbunden mit der Aussage, es zeige ein Mädchen, das von Gott zur Strafe für seinen unangemessenen Umgang mit dem Koran in eine Ratte verwandelt wurde. An vielen Schulen sorgte das „Rattenmädchen“ für große Unruhe. Die Verbreitung des Bildes erfolgte über Handys oder das Internet und verbindet – ähnlich wie Kettenbriefe – die Faszination von Kindern und Jugendlichen für Gruselgeschichten mit psychischem Druck (zu Kettenbriefen vgl. klicksafe.de oder Brüggen et al. 2019, S. 120f.).

Im Mittelpunkt solcher Erzählungen steht häufig die Mahnung, religiöse Gebote oder Pflichten wie das Gebet, Respektbekundungen gegenüber den Eltern oder auch das Tragen des Kopftuches einzuhalten. Auch Geschlechterrollen oder sexuelle Enthaltsamkeit sind häufige Themen, die mit Mitteln der Angstpädagogik eingeschärft werden. Eine zentrale Rolle spielt dabei ebenso die „Aufklärung“ über den Teufel und dessen Versuche, den Gläubigen vom rechten Weg abzuhalten. Ob in der Freizeit, in der Schule oder bei der Arbeit – der Teufel erscheint in diesen Darstellungen als allgegenwärtige Gefahr, sich im Alltag gegenüber Gott zu versündigen.

Zum Umgang mit Ängsten

In der religiösen Angstpädagogik werden Unsicherheiten und Ängste instrumentalisiert, die auch vielen nicht-religiösen Menschen im Zusammenhang mit Fragen nach dem Tod aus der eigenen Kindheit – oder aus späteren Lebensabschnitten – bekannt sind.

Im Umgang mit Bestrafungsängsten lassen sich Erfahrungen aus der Auseinandersetzung mit Kettenbriefen aufgreifen. Auch wenn die oben beschriebenen Botschaften für Außenstehende absurd erscheinen mögen, ist es wichtig, die damit geschürten Ängste anzusprechen und ernst zu nehmen. Dabei geht es weniger um rationale Argumentationen, um das Bedrohungsszenario zu widerlegen, als vielmehr um die Artikulation von Unsicherheiten und Ängsten, die Kinder und Jugendliche möglicherweise belasten: Sprechfähigkeit über eigene Emotionen und das Wissen um die Wahrnehmungen und Bewältigungsstrategien anderer sind Voraussetzung, um eigene Empfindungen zu thematisieren und mit ihnen umzugehen. Dabei lassen sich auch von Pädagog*innen selbst eigene Erfahrungen und Umgangsweisen mit Ängsten einbringen: Kenne ich solche Ängste aus meiner eigenen Kindheit oder Jugend? Wie bin ich damals mit solchen Ängsten umgegangen oder wie gehe ich heute mit ihnen um?

In der medienpädagogischen und politisch-bildnerischen Arbeit bieten solche Gespräche Anlass, um quellenkritische Fragen aufzuwerfen. Ähnlich wie in der Auseinandersetzung mit Kettenbriefen lässt sich an den oben exemplarisch beschriebenen Warnungen vor der Hölle besprechen, mit welcher Motivation diese Botschaften verbreitet werden – und mit welchen stilistischen und inhaltlichen Mitteln diese Botschaft verstärkt wird (vgl. eine medienpädagogische Übung zu Kettenbriefen: klicksafe.de): Welche Wirkung hat das Bild auf dich? Warum wirkt es so? Welches Interesse könnte die Person haben, die dieses Bild gestaltet oder verbreitet hat?

Auf religionspädagogischer Ebene stellt sich vor allem die Frage nach dem Gottesbild, das diesen Botschaften zugrunde liegt: Ist Gott barmherzig oder strafend? Der islamische Theologe und Religionspädagoge Mouhanad Khorchide zählt zu den bekanntesten Stimmen, die in den vergangenen Jahren eine Auseinandersetzung mit dem Gottesbild eingefordert haben. Aus seiner Sicht ist es die Vorstellung eines strafenden und rachsüchtigen Gottes, die angstgeleitete Formen von Religiosität begünstigt. Dagegen betont er den Aspekt der Barmherzigkeit, der Gott neben seiner Vollkommenheit ausmache: „Natürlich ist Gott auch der strafende Gott, aber in welchem Ausmaß und warum? Gott will nicht, dass jemand ihn anbetet, weil er Angst vor ihm hat. Das hat Gott nicht nötig. Gott möchte, dass Menschen frei entscheiden können und verstehen, warum es ihnen gut tut. Gott möchte nicht, dass die Menschen beten, weil er etwas davon hat, sondern weil die Menschen etwas davon haben. Gott wendet sich nie ab vom Menschen, er wendet sich dem Menschen immer zu – aber mir entgeht etwas (wenn ich nicht bete), nicht Gott.“ (Dantschke et al. 2013, S. 15)

Die Auseinandersetzung mit der eigenen Vorstellung von Gott und dessen Verhältnis zum Menschen verbindet sich dabei mit Fragen nach den Gründen, warum bestimmte Verhaltensweisen persönlich oder gesellschaftlich als „falsch“ oder „richtig“ bzw. als „unerwünscht“ und „erwünscht“ wahrgenommen werden. Damit bieten die aufgeführten Beispiele für angstpädagogische Botschaften auch Anknüpfungspunkte für politisch-bildnerische Gespräche, die über den rein religiösen Kontext hinausgehen. Letztlich werfen sie die allgemeine ethische Frage auf, welches Verhalten einen Menschen zu einem „guten Menschen“ macht – und worin diese Einschätzung für jede und jeden Einzelne*n begründet ist.

 

veröffentlicht am 24.11.2020

Literaturverzeichnis

Baaken, Till/Hartwig, Friedhelm/Meyer, Matthias (2019). Die Peripherie des Extremismus auf YouTube. Modus – Zentrum für angewandte Deradikalisierungsforschung. Berlin. https://modus-zad.de/wp-content/uploads/2020/03/modus_insight_Die_Peripherie_Des_Extremismus_auf_YouTube2020.pdf [Zugriff: 24.11.2020]

Brüggen, Niels/Dreyer, Stephan/Gebel, Christa/Lauber, Achim/Müller, Raphaela/Stecher, Sina (2019). Gefährdungsatlas. Digitales Aufwachsen. Vom Kind aus denken. Zukunftssicher handeln. Herausgegeben von: Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien. Bonn. https://www.bundespruefstelle.de/blob/142084/2c81e8af0ea7cff94d1b688f360ba1d2/gefaehrdungsatlas-data.pdf [Zugriff: 24.11.2020]

Dantschke, Claudia/Mansour, Ahmad/Müller, Jochen/Taparli, Alper (2013). „Verbietet Gott den Spaß am Leben?“ Protokoll einer Diskussion in Berlin-Neukölln. Berlin: ZDK Gesellschaft Demokratische Kultur. https://www.vielfalt-mediathek.de/data/zdkgottesbildprotokollpodiumsdiskussionjuni2013.pdf [Zugriff: 24.11.2020]

Kaddor, Lamya (2018). Zu Besuch bei Fluchbrecher, Zeit Online, 19. März 2018. https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2018-03/lamya-kaddor-die-sache-mit-der-bratwurst-buch-auzug?utm_referrer=https%3A%2F%2Fwww.ecosia.org%2F [Zugriff:24.11.2020]

Pielow, Dorothee (2015). Vorstellungen über das Böse im Koran. In: Jourdan, Fabienne/Hirsch-Luipold, Rainer (Hrsg.), Die Wurzel allen Übels. Vorstellungen über die Herkunft des Bösen und Schlechten in der Philosophie und Religion des 1.–4. Jahrhunderts. Tübingen: Mohr Siebeck, S. 279–292.

Einzelnachweise

  1. https://lexikon.stangl.eu/16400/schwarze-paedagogik/ [Zugriff: 18.11.2020] Zurückspringen