Jugendliche als Zielgruppe extremistischer Medieninhalte

Extremistische Gruppierungen bedienen sich verschiedener Medienkanäle, um vor allem auch Jugendliche anzusprechen und sie für ihre Ziele zu gewinnen. Dabei nutzen sie jugendaffine Kommunikationsstrategien, wodurch es zu einer Vermischung von extremistischen Inhalten mit Elementen von Jugendkultur kommt. Indem die extremistischen Botschaften so medienwirksam aufbereitet werden, erhalten sie eine gesteigerte Attraktivität für Jugendliche. Extremistische Inhalte sind dabei oft nicht mehr eindeutig als solche erkennbar, was eine schleichende Ausbreitung extremistischer Positionen im Netz begünstigt. Zwei Faktoren machen Jugendliche potenziell besonders empfänglich für diese extremistischen Ansprachen: Einerseits sind Jugendliche heutzutage viel in den Medien unterwegs und stoßen so, auch aufgrund der Verbreitung von extremistischen Medieninhalten, auch ohne aktives Suchen fast zwangsläufig auf solche Ansprachen. Zum anderen sind entwicklungsbedingte Umstände dafür verantwortlich. Da sich nämlich Identität und Einstellungen der Jugendlichen noch in der Entwicklung befinden, sind sie in dieser Phase besonders offen für externe Orientierungsangebote. Bisher ist jedoch kaum erforscht, wie häufig und über welche Kanäle Jugendliche in Deutschland eigentlich mit extremistischen Inhalten in Berührung kommen, inwiefern sie diese Inhalte erkennen und wie sie auf sie wirken. Die 2019 erschienene Studie „Jugend – Medien – Extremismus“ leistet einen Beitrag zur Beantwortung dieser Fragen.

Der häufigste Kontakt mit Extremismus findet über die journalistische Berichterstattung statt

Abb. 1: Mediale Kontakte mit Extremismus abseits journalistischer Berichterstattung (Reinemann et al. 2019, S. 88).

Denkt man an extremistische Inhalte in den Medien, kommen einem zunächst das Internet und vor allem soziale Medien wie Facebook, Twitter oder Instagram in den Sinn. Faktoren wie die hohe Verbreitung unter Jugendlichen, die Möglichkeit einer direkten, persönlichen Ansprache oder die mangelnde Kontrollierbarkeit dieser Medien bieten extremistischen Akteur*innen vielfältige Möglichkeiten, ihre Inhalte wirksam zu verbreiten. Erstaunen mag daher zunächst, dass den Ergebnissen der Studie zufolge der häufigste Kontakt Jugendlicher mit Extremismus tatsächlich über die journalistische Berichterstattung zustande kommt. Dabei spielen vor allem das Fernsehen, aber auch Zeitungen und Zeitschriften, das Radio oder Online-Nachrichtenseiten und Apps eine Rolle.

Abb. 2: Mediale Kontakte mit Extremismus in journalistischer Berichterstattung (Reinemann et al. 2019, S. 89).

Interessant ist dabei, dass die Studie unter „Extremismuskontakt“ zunächst sowohl den unmittelbaren Kontakt mit extremistischen Ansprachen als auch den indirekten Kontakt im Rahmen von journalistischer Berichterstattung erfasst (siehe Abbildung 1 und 2). Differenziert wird zwischen diesen beiden Formen des Kontakts erst in einem zweiten Schritt, indem eingeräumt wird, dass der Kontakt über journalistische Medien meist als weniger problematisch einzuschätzen sei. Da nämlich in journalistischen Medien extremistische Ansichten, Akteure*innen oder Inhalte in der Regel auch als solche gekennzeichnet werden, wird den Jugendlichen die Chance gegeben, diese Inhalte auch dementsprechend einzuordnen. Soziale Medien standen hinsichtlich des Extremismuskontakts lediglich an zweiter Stelle, gefolgt von Video-Plattformen und Chatprogrammen. Zudem kommen Jugendliche im sozialen Umfeld anscheinend insgesamt weniger mit Extremismus in Kontakt als in den Medien.

Hinweise von Freund*innen steigern Kontakthäufigkeit

Abb. 3: Auslöser des Kontakts mit Extremismus (Reinemann et al. 2019, S. 96).

Doch wie kommt der Kontakt Jugendlicher mit extremistischen Medieninhalten zustande? Die Ergebnisse der Studie zeigten, dass Jugendliche am häufigsten zufällig oder innerhalb ihrer Medienroutinen auf extremistische Inhalte stoßen. Jedoch spielen vor allem auch Hinweise von Freund*innen, durch Liken, Teilen, Weiterleiten oder Erzählen, eine wichtige Rolle. Dies korrespondiert mit der hohen Wichtigkeit, die die „Nachrichten, die Freund*innen teilen“, für Jugendliche als Quelle aktueller Informationen haben. Außerdem ist dies ein Beleg dafür, dass die neuen Möglichkeiten der schnellen, unkontrollierten digitalen Weiterverbreitung von Informationen für Jugendliche tatsächlich auch ein wesentlicher Weg sind, mit extremistischen Botschaften in Kontakt zu kommen. Am seltensten kommen Jugendliche durch aktive Suche mit extremistischen Inhalten in Berührung (siehe Abbildung 3).

Wie gut erkennen Jugendliche extremistische Inhalte?

Darüber hinaus untersuchte die Studie, aufgrund welcher Kriterien Jugendliche Inhalte als extremistisch einstufen. Als extremistisch identifizieren Jugendliche demnach Inhalte, die a) gegen bestimmte Gruppen und Minderheiten hetzen, b) dem Grundgesetz widersprechen, c) von extremistischen Gruppen stammen oder in denen solche Gruppen vorkamen und d) wenn darin zu Gewalt aufgerufen wurde. Das ist besonders mit Blick auf die Frage relevant, wie gut Jugendliche extremistische Inhalte erkennen.
Hier konnte die Studie zeigen, dass Jugendliche insgesamt in der Lage sind, den Extremismusgrad von Akteur*innen und Organisationen, die ihnen bekannt sind, gut einzuschätzen. Allerdings gibt es eben auch Akteur*innen, die viele Jugendliche nicht kennen. Dies kann besonders problematisch werden mit Blick auf extremistische Inhalte in sozialen Netzwerken, denn hier bekommen die Nutzer*innen oft dekontextualisierte Inhalte aus verschiedenen Quellen präsentiert. Um solche Inhalte korrekt beurteilen zu können, ist die Fähigkeit einer fundierten Quellenkritik notwendig, vor allem bei subtilen extremistischen Inhalten. Diesbezüglich konnte festgestellt werden, dass Jugendliche zwar klar rassistische und sexistische Aussagen als extremistisch einordneten, dass es aber auch Aussagen gibt, die die Jugendlichen nicht so eindeutig als extremistisch einordnen konnten.

Subtile Propagandastrategien erkennen Jugendliche häufig nicht

Auch das Wissen Jugendlicher um häufige Propagandastrategien extremistischer Gruppierungen variiert. Während so beispielsweise einem Großteil der Jugendlichen bewusst ist, dass extremistische Akteur*innen Feinbilder schaffen, um Ängste zu schüren (88%) oder sich in Diskussionen über aktuelle Themen einmischen (84%), wissen knapp ein Drittel der Jugendlichen nicht, dass extremistische Organisationen professionelle Videos produzieren oder Fake-Accounts programmieren, um in sozialen Netzwerken Stimmung zu machen (jeweils 31%), dass sie aktuelle Musik produzieren (38%) oder Computerspiele extra für Jugendliche herstellen (44%). Damit sind es insbesondere die subtilen „Wolf-im-Schafspelz-Strategien“, die den Jugendlichen weniger bekannt sind.

Ausblick

Was bedeuten diese Erkenntnisse für die pädagogische Arbeit? Drei wichtige Punkte sollen hier festgehalten werden: Erstens ist die Fähigkeit zu einer fundierten Quellenkritik unerlässlich, um extremistische Inhalte im Netz erkennen und entsprechend einordnen zu können. Zweitens kann die Kenntnis von extremistischen Akteur*innen, Positionen und Strategien den Jugendlichen helfen, extremistische Inhalte auch als solche zu erkennen. Drittens werden angesichts der großen Wichtigkeit, die das Teilen von Inhalten unter Freund*innen besitzt, die Chancen eines Peer-to-Peer-Ansatzes für die Präventionsarbeit deutlich: Wenn Jugendliche einen großen Teil ihrer aktuellen Informationen über ihren Freundeskreis in sozialen Medien beziehen, so ist dies auch ein geeigneter Ansatzpunkt, um ihnen Alternativen zu extremistischen Ansprachen zur Verfügung zu stellen.

Angaben zur Studie: Reinemann, Carsten/ Nienierza, Angela/ Fawzi, Nayla/ Riesmeyer, Claudia/ Neumann, Katharina (2019). Jugend – Medien – Extremismus. Wo Jugendliche mit Extremismus in Kontakt kommen und wie sie ihn erkennen. Wiesbaden: Springer VS.