Extremistische Gruppierungen nutzen soziale Medien, um über ihre Anhänger*innen hinaus gezielt ein größeres Zielpublikum anzusprechen (Nordbruch 2018). Die Inhalte der Accounts extremistischer Gruppierungen weisen ein breites inhaltliches Spektrum auf. Neben explizit extremistischen Inhalten, die zu Gewalt aufrufen oder Symbole verbotener Organisationen beinhalten, gibt es viele subtile, lebensweltnahe Angebote, in denen Erfahrung mit Rassismus, Fragen zur religiösen Lebensführung oder das Verhalten in der Corona-Pandemie thematisiert werden (Frankenberger et al. 2019).[1] Bewegtbildformate spielen dabei eine wichtige Rolle. So hat beispielsweise der YouTube-Kanal von Generation Islam über 40.000 Abonnent*innen. In den Videos geht es um religiöse Fragen, aber auch um Kommentare zum Zeitgeschehen. Die Reichweite der Videos ist mit über 4 Millionen Aufrufen (Stand Dezember 2020) beträchtlich.

In Bezug auf islamistische Inhalte weist der aktuelle Lagebericht von jugendschutz.net darauf hin, dass vor allem subtile, niederschwellige extremistische Inhalte auf jugendaffinen Plattformen zunehmen (Frankenberger et al. 2019, S. 17 f.). Die Präsenz dieser Inhalte ist eine wichtige Herausforderung für Medienpädagogik und politische Bildung. Zwei Fragen stellen sich in diesem Kontext: Wie kann extremistischen Inhalten in sozialen Medien begegnet werden? Und wie können Jugendliche unterstützt werden, kritisch mit extremistischen Inhalten umzugehen? Hinweise zur Beantwortung beider Fragen gibt der vorliegende Beitrag.

 

Unterschiedliche Formate in der Präventionsarbeit

Die politischen und zivilgesellschaftlichen Anstrengungen der letzten Jahre haben viele Bewegtbildformate entstehen lassen, die als niederschwellige Angebote der universellen Extremismusprävention[2] beschrieben werden können. Unterschieden werden können zwei Formen von Angeboten: (1) Bewegtbildformate, die online ausgespielt werden, und (2) Bewegtbildformate, die gezielt für den Einsatz in Präventionsprojekten produziert wurden. Zu den online ausgespielten Bewegtbildformaten gehört beispielsweise das Projekt #saymyname, das sich an junge Frauen zwischen 14 und 25 Jahren richtet. Der Titel des Projekts bezieht sich auf die Zusammenarbeit mit bekannten Influencerinnen, deren internationale Familiengeschichte dazu führt, dass ihre Namen von der Mehrheitsgesellschaft nicht als typisch deutsch wahrgenommen werden. „In politisch brisanten Zeiten machen sie [in ihren Videos] darauf aufmerksam, dass die Gesellschaft divers, offen und demokratisch ist und entsprechend unterschiedlich erlebt wird.“[3] Die Strategie hinter diesem und ähnlichen Projekten ist, dass die produzierten Videos die Angebotspalette in sozialen Medien gezielt mit Inhalten ergänzen, die den demokratischen Diskurs und die Akzeptanz von Pluralismus fördern.

Daneben gibt es Bewegtbildformate, die für den pädagogischen Kontext produziert werden und teilweise mit Begleitmaterialien für Fachkräfte kostenlos beziehbar sind. Ein Beispiel dafür ist das Projekt „Wie wollen wir leben?“ von ufuq.de. Die für das Projekt produzierten Videos werden genutzt, um mit Jugendlichen in der schulischen und außerschulischen Bildungsarbeit ins Gespräch zu kommen. In unterschiedlichen Workshop-Formaten werden dabei Themen wie Scharia, Geschlechterrollen oder Propaganda im Internet diskutiert. Hier ist der Bezug zum Medienhandeln der Teilnehmenden nicht direkt gegeben, dafür aber die Möglichkeit vorhanden, Medienerlebnisse anzusprechen und zu reflektieren.

Zur präventiven Wirkung von Bewegtbildformaten gegen Extremismus gibt es bisher erst wenige Studienergebnisse im deutschsprachigen Raum. In der bisher umfassendsten Studie wurden Videos gegen Extremismus unter verschiedenen Gesichtspunkten analysiert, von denen hier nur zwei skizziert werden sollen. Mithilfe einer qualitativen Inhaltsanalyse wurden 130 Videos untersucht. Im Ergebnis wurde zum einen gezeigt, dass die Videos unterschiedliche Genres umfassten. Es gab Vorträge, Videos zur Informationsvermittlung, Comedy-Videos, filmische Videos, Gruppenengagement-Videos und Beiträge über Aussteiger*innen-Biografien. Zum anderen wurde deutlich, dass die von den Videos verfolgten Erzählstrategien – die Narrative – sehr verschieden waren.[4] In narrativer Überzeugungsarbeit versuchten sich in den Videos Protagonist*innen, die als weltoffen, überlegen, heldenartig, undogmatisch, friedliebend, erfahren, verantwortungsvoll, verteidigend oder unbestechlich beschrieben werden (Rieger et al. 2017).

So unterschiedlich Genres und Narrative auch waren, in Bezug auf die Wirkung der Videos konnten Frischlich et al. (2017, S. 126 ff.) übergreifende Mechanismen ausarbeiten. Als entscheidend für das Wirkpotenzial stellte sich heraus, dass die Videos eine Geschichte erzählten. Dabei wirkten etwa die persönlichen Erzählungen von Aussteiger*innen stärker als Narrative, die sich lediglich gegen Extremismus aussprachen. Zusammenfassend stellt Frischlich (2019) in einem jüngeren Text fest, dass positive Botschaften, beispielsweise für eine demokratisch-pluralistische Gesellschaft, wichtige Ergänzungen zu Gegennarrativen darstellen. Denn die unterschiedlichen Narrative von Bewegtbildformaten gegen Extremismus werden vom Zielpublikum „in Hinblick auf ihre Konsistenz in Bezug zur eigenen Lebensweltwirklichkeit“ (Frischlich 2019) beurteilt. Das heißt, sie entwickeln ihre Attraktivität über Darsteller*innen, die vom Publikum als authentisch bewertet werden, sowie über Themen und Inszenierungen, die der Lebenswelt des Publikums nahekommen.

 

Das Modellprojekt RISE – Jugendkulturelle Antworten auf islamistischen Extremismus

An dieser Stelle setzt das Modellprojekt RISE an. Um Jugendliche gegen extremistische Ansprachen – nicht nur im Netz – zu stärken, entwickelt das Projekt einen eigenen Ansatz, der den Ideen einer handlungsorientierten Medienpädagogik folgt (vgl. Schell 2003). Im Fokus stehen Jugendliche, die eigene Kurzfilme entwickeln und produzieren. Im Gegensatz zu gängigen Formaten aus dem Präventionskontext entstehen die Filme nicht als Auftragsarbeit von Pädagog*innen oder anderen professionellen Akteur*innen, sondern auf Wunsch und aus der Perspektive von Jugendlichen. So können authentische und lebensweltnahe Bewegtbildformate entstehen, die besonders spannend, aber auch herausfordernd für die pädagogische Arbeit sind . Ziel der Medienproduktionen ist es, dass Jugendliche sich intensiv mit einem Thema beschäftigen können, indem sie eigene Positionen (weiter)entwickeln, die sie durch das Medium Film artikulieren und sichtbar machen.

Das Projekt bietet hierfür ein Förderprogramm an, das die Filmgruppen sowohl finanziell als auch inhaltlich und persönlich begleitend unterstützt. Je nach Bedarf einer Gruppe sind zum Beispiel inhaltliche und technische Coachings durch Fachkräfte, aber auch eine kontinuierliche pädagogische Begleitung über die gesamte Produktion hinweg möglich. Wichtig ist dabei, dass die Gruppen begleitet und nicht gesteuert werden. So wird sichergestellt, dass die fertigen Filme die Ideen der Jugendlichen artikulieren – und nicht die des Projektteams. Die Filme werden anschließend durch pädagogische Materialien gerahmt und Fachkräften für ihre Arbeit zur Verfügung gestellt. Erreicht werden Jugendliche dadurch auf zwei Wegen: zum einen durch aktive Medienarbeit, indem sie eigene Filme zu einem bestimmten Thema produzieren, zum anderen, indem anschließend in pädagogischen Szenarien mit den Filmen der Jugendlichen weitergearbeitet wird. Somit wird der Peer-to-Peer-Ansatz um medienvermittelte Peer-to-Peer-Arbeit erweitert.

Die Filme behandeln Aspekte aus fünf übergeordneten Themenbereichen, mit denen sich das Projekt RISE beschäftigt: Gender, Gesellschaftskritik, Pluralismus, Werte und Religion sowie Rassismus. Die Themen wurden gewählt, weil sie einerseits relevant für die Lebenswelt Jugendlicher sein können und andererseits häufig von extremistischen Akteur*innen instrumentalisiert werden, um ihre Weltsicht zu verbreiten. Indem Jugendliche sich mit diesen Themen auseinandersetzen und eigene Positionen entwickeln, können sie gegen extremistische Ansprachen gestärkt werden. Ein Fokus ist das Aufbrechen von dichotomen Weltbildern und Erklärungen. Dabei lässt das Projekt auch Raum für kontroverse Sichtweisen in den Bewegtbildformaten, die in anschließenden pädagogischen Settings diskutiert werden können.

Entsprechende Hilfestellungen bietet das pädagogische Material, das zu den Produktionen der Jugendlichen entwickelt wird und zusammen mit den Filmen auf der Online-Plattform des Projekts (rise-jugendkultur.de) zur Verfügung steht.
Anders als bei vielen Auftragsarbeiten im Präventionskontext geht es bei dem Projekt RISE nicht darum, extremistischen Narrativen direkt etwas zu entgegnen. Das können professionelle Akteur*innen versuchen, indem sie gezielt Formate dazu entwickeln (vgl. das Projekt Jihadifool[5] des Ministeriums des Innern des Landes Nordrhein-Westfalen). Vielmehr geht es in RISE darum, Räume zu schaffen, in denen Jugendliche eigene Positionen zu Themen (weiter)entwickeln und veröffentlichen können, die unser gesellschaftliches Miteinander betreffen und zu denen sich im Netz auch vermehrt extremistische Positionen finden lassen.

 

Medienproduktionen junger Filmschaffender im Projekt RISE

Die eingereichten Filmkonzepte im RISE-Förderprogramm sind so unterschiedlich wie die fünf Themenbereiche des Projekts selbst. Das liegt hauptsächlich darin begründet, dass es über die fünf Themenbereiche hinaus für die Jugendlichen und jungen Erwachsenen kaum Vorgaben zu Inhalten, Genres oder Formaten gibt. Die Themenbereiche sind breit gefasst und lassen den Bewerber*innen einen großen Spielraum bei der Interpretation, um ihre Perspektive zu den Themen einbringen zu können. Die Motivation, beim RISE-Projekt mitzuwirken, ist also von Gruppe zu Gruppe oder von Person zu Person sehr unterschiedlich. Die meisten Bewerber*innen werden durch ihre Suche nach finanzieller und inhaltlicher Unterstützung zu ihrem Filmprojekt auf RISE aufmerksam. Die Idee zum Thema haben sie in den meisten Fällen schon unabhängig von RISE entwickelt, wodurch sie eine große Eigenmotivation haben, ihre Geschichten zum Leben zu erwecken. Darüber hinaus gibt es auch Gruppen, die sich in anderen Kontexten mit einem Themenbereich auseinandergesetzt haben und nun die Möglichkeit nutzen, dazu einen Film zu machen. Die vorherige Beschäftigung mit den Themen des Projekts findet zum Beispiel in der außerschulischen Jugendarbeit, einer Arbeitsgruppe, einer jungen Redaktion oder auch aufgrund eigener biografischer Erfahrungen statt. Im Unterschied zu anderen Präventionsprojekten, die mit Bewegtbild arbeiten, entstehen die Filme also nicht vorrangig mit der Intention, sie in der pädagogischen Bildungsarbeit zur Prävention einsetzen zu können.

Im Vordergrund steht stattdessen die Auseinandersetzung mit den Themen innerhalb der Filmteams selbst. Die pädagogische Aufbereitung der Filme findet erst im zweiten Schritt statt. Die jungen Filmschaffenden wissen selbstverständlich, dass ihre Filme im Anschluss anderen Jugendlichen in Bildungssettings zur Verfügung gestellt werden, jedoch sind sie nicht dazu angehalten, einen pädagogischen Film zu produzieren. Stattdessen sind sie dazu aufgerufen, die Aussagen ihrer Filme für die jungen Zuschauer*innen in Form von Interviewfragen oder kurzen Clips als Zusatzmaterial darzustellen. Da die Filmgruppen im Produktionsprozess weitestgehend freie Hand haben, entstehen Ergebnisse mit einer hohen Authentizität und starken Botschaften. Das kann an manchen Stellen allerdings auch zu Herausforderungen führen, wenn zum Beispiel Stereotype und Klischees reproduziert werden, auf die ein besonderes Augenmerk bei der pädagogischen Rahmung für das Begleitmaterial gelegt werden muss. Die Exposés, die bisher von den jungen Filmemacher*innen eingereicht wurden, beinhalten fast alle einen kritischen Blick auf unsere Gesellschaft. Dabei werden selten konkrete Lösungen aufgezeigt, sondern eher Missstände beschrieben. Dennoch sind sie meist mit Appellen verbunden, die ein solidarisches und sozial gerechtes gesellschaftliches Miteinander fordern. Sie beschäftigen sich unter anderem mit folgenden Fragestellungen: Wie ergeht es Menschen, die aufgrund ihrer Herkunft, Religion, Kultur oder geschlechtlichen Orientierung Diskriminierung erfahren? Was bedeutet Gerechtigkeit? Welche Erfahrungen machen junge Menschen beispielsweise in Bezug auf Gender oder Rassismus? Und wie gelingt es ihnen, diese in fiktiven oder auch dokumentarischen Szenarien zu verarbeiten?

Zum Thema Gender wurden unter anderem Geschichten zu den Themen Abtreibung, Asexualität, sexuelle Belästigung und Outing eingereicht. Hier kommen die Exposés hauptsächlich von jungen Filmemacherinnen, die das Thema Geschlechtergerechtigkeit filmisch bearbeiten möchten, um so ihre Wahrnehmung auf die aktuelle Situation, aber auch eigene Erfahrungen zu beschreiben. Im Themenkomplex „Werte und Religion“ haben sich die Filmschaffenden beispielsweise mittels Straßeninterviews mit der Bedeutung des Islams für verschiedene Menschen beschäftigt. Darüber hinaus gibt es auch Filmkonzepte zur Auseinandersetzung mit geschlossenen Gemeinschaften und Sekten. Auch die Auseinandersetzung mit dem Thema Pluralismus findet sehr divers statt. Während die einen sich mit Fragestellungen zu Gemeinschaft und Zugehörigkeit aus verschiedenen Perspektiven in Interviews beschäftigen, gehen die anderen ihr Thema eher metaphorisch an, indem sie eine Geschichte über geschlossene Gemeinschaften erzählen, die vom „Fremden“ heimgesucht werden. Zum Thema Rassismus waren unter den Einreichungen einige biografische Geschichten, die in Poetry-Slam-Texten, künstlerisch-abstrakten Darstellungsformen oder dokumentarischen Formaten interpretiert wurden.

Abb. 2, Szene einer Kundgebung in „Schau mir in die Augen“. Quelle

So beschreibt beispielsweise der Film „Schau mir in die Augen“ die persönliche Geschichte eines Geflüchteten, der in Brandenburg lebt. Im Film werden gesellschaftliche Missstände aufgezeigt, die durch die Erfahrungen des Protagonisten deutlich werden. Darüber hinaus erzählt der Film jedoch auch von den persönlichen Strategien seiner Protagonist*innen: über ihren Umgang mit ihrer neuen Lebenssituation, die Versuche, die eigenen Ressourcen zu stärken, und die Bedeutung von Solidarität.

 

Anregungen für die pädagogische Arbeit mit Bewegtbildern

Die Medienproduktionen der jungen Filmschaffenden werden auf der Projektplattform (rise-jugendkultur.de) veröffentlicht. Dort werden sie durch Begleitmaterialien gerahmt und so für den Einsatz in der pädagogischen Praxis aufbereitet. Das Material reicht dabei von Anregungen zum Filmgespräch (beispielsweise zum Film „Conflict“) bis zu umfangreichen didaktischen Konzepten in Form von Materialpaketen (etwa zum Film „Schau mir in die Augen“), die sich in einzelne Module gliedern und für deren komplette Durchführung mehrere Tage benötigt werden.

Ein zentrales Ziel des Materialpakets zum Film „Schau mir in die Augen“ ist das Empowerment von Jugendlichen mit Migrationserfahrung. Die Übungen zielen auf die Auseinandersetzung mit Gestaltungsmöglichkeiten im eigenen sozialen Umfeld ab und eröffnen Handlungsmöglichkeiten für den Umgang mit Diskriminierung. Teilnehmenden werden so Selbstwirksamkeitserfahrungen ermöglicht.

Ein weiteres Ziel des pädagogischen Begleitmaterials ist die Sensibilisierung von jungen Menschen aus der weißen Mehrheitsgesellschaft für die Themen Diskriminierung und Rassismus. Hier sollen die Übungen Diskriminierungserfahrungen von Betroffenen sichtbar machen sowie Zivilcourage und Solidarität stärken.

Die Authentizität der Medienproduktionen bietet vielfältige Anknüpfungspunkte an lebensweltrelevante Themen für die pädagogische Praxis mit Jugendlichen.

Gleichzeitig beinhalten die Freiheiten in der Entstehung der Produktionen die Herausforderung, dass stereotype Bilder unabsichtlich reproduziert werden.

Daher ist es besonders wichtig, durch verschiedene Übungen eine Reflexion und Auseinandersetzung mit den entsprechenden Inhalten anzuregen. Im Begleitmaterial zum Film „Außengeister“ geschieht dies beispielsweise über die Analyse ausgewählter Szenen, in denen Figuren stereotypisierend dargestellt werden, sowie durch den Dreh eines alternativen Filmendes, das die Darstellungen im Film aufbricht.

Neben der Auseinandersetzung mit den im Film stereotyp dargestellten Rollen und dem Hinterfragen eigener Vorurteile zielen die Materialien auch auf die Entwicklung eigener Standpunkte der Teilnehmenden zu den Themen Gender, Rassismus, Pluralismus, Werte und Religion sowie Gesellschaftskritik ab. Besonderes Augenmerk wird darauf gelegt, dass die eigenen Standpunkte nicht „nur“ reflektiert, sondern auch auf unterschiedliche Art und Weise, zum Beispiel in Form eigener Medienproduktionen, artikuliert werden.

Pädagogischen Fachkräften wird für den Einsatz der Materialien zusätzliche Unterstützung in Form von Hintergrundinformationen und Hinweisen zu möglichen Stolpersteinen gegeben. Sie werden so zum Beispiel für die eventuelle Entstehung oder Verstärkung von Vorurteilen durch Filminhalte sensibilisiert. Ziel ist es, dass die Medienproduktionen auch ohne explizites Vorwissen zu den Themengebieten pädagogisch eingesetzt werden können.

 

Abb. 3, Ausschnitt aus dem Kurzfilm „Conflict – Sirae“. Quelle

Ein Beispiel: Der Film „Conflict“ handelt von einem jungen Mann, der sich in einer Krise befindet und von extremistischen Akteuren im Netz angesprochen wird. Obwohl der Film die Herkunft des Protagonisten nicht explizit thematisiert, besteht die Gefahr, dass der Eindruck entsteht, Menschen mit Migrationsgeschichte (die häufig verallgemeinernd als Muslim*innen gelesen werden) seien pauschal gefährdet, sich zu radikalisieren. Aus diesem Grund liefert das Materialpaket zum Film „Conflict“ Hinweise für den Umgang mit Risiken bezüglich der Entstehung oder Verfestigung von Vorurteilen, die mit der Rezeption des Films einhergehen können.

Die Reflexion der in den Filmen behandelten Aspekte wird durch die Methode der aktiven Medienarbeit sowohl auf individueller als auch auf gesellschaftlicher Ebene in besonderer Weise gefördert (Schell 2003). Aktive Medienarbeit stellt einen Schwerpunkt in den bereitgestellten Übungen dar und kann in unterschiedlichen Kontexten eingesetzt werden. Beim Materialpaket zum Film „WIR SIND“ greifen Jugendliche die Ästhetik des Films auf, entwickeln auf Basis des Films Interviewfragen und setzen die Interviews filmisch um. Dadurch können Teilnehmende die Grundlagen des Filmemachens erfassen und sich kreativ mit ihrer eigenen Perspektive auf die Inhalte des Films auseinandersetzen. Aktive Medienarbeit eröffnet darüber hinaus Zugänge zu jugendkulturellen Ästhetiken. So sehen weitere Übungen beispielsweise die Erstellung von Memes zu den Themen Gruppenzugehörigkeit und Vorurteile vor. Die Filme der Jugendgruppen können dabei als Anreiz und Motivation dienen, selbst Medien zu produzieren. Der Zugang über den Ansatz der aktiven Medienarbeit ermöglicht den Teilnehmenden eine kreative Darstellungsweise, die jugendliche Lebensrealitäten widerspiegeln und Selbstwirksamkeitserfahrungen fördern kann.

veröffentlicht am 21.09.2021

Dieser Text erschien zuerst in der Zeitschrift merz I medien +erziehung 2021/1, S. 63-69. Wir danken den Herausgeber*innen für die Erlaubnis, den Beitrag wieder zu veröffentlichen.

Literaturverzeichnis

Baeckmann, Kyra von/Maradin, Miron/Materna, Georg (2020). Die Coronakrise zwischen Glaubensbewährung und ‚Meinungsdiktatur’. Ein qualitativer Vergleich von Videos zur Coronakrise auf islamistischen und rechtspopulistischen YouTube-Kanälen. Entstanden im Rahmen des Projektes RISE – Jugendkulturelle Antworten auf islamistischen Extremismus. https://rise-jugendkultur.de/artikel/die-coronakrise-zwischen-glaubenbewaehrung-und-meinungsdiktatur/ [Zugriff: 11.01.2021]

Frankenberger, Patrick/Hofmann, Ingrid/Ipsen, Flemming/Oezmen, Fehime/Zarabian, Nava (2019). Islamismus im Netz. Bericht 2018. www.jugendschutz.net/fileadmin/download/pdf/Bericht_2018_Islamismus_im_Internet.pdf [Zugriff: 21.12.2020]

Frischlich, Lena (2019). Extremistische Propaganda und die Diskussion um ‚Gegenerzählungen’. www.bpb.de/politik/extremismus/radikalisierungspraevention/293970/extremistische-propaganda-und-die-diskussion-um-gegenerzaehlungen [Zugriff: 21.12.2020]

Frischlich, Lena/Rieger, Diana/Morten, Anna/Bente, Gary (2017). Wirkung. In: Frischlich, Lena/Rieger, Diana/Morten, Anna/Bente, Gary (Hrsg.), Videos gegen Extremismus? Counter-Narrative auf dem Prüfstand. Wiesbaden: Bundeskriminalamt, S. 81–139.

Nordbruch, Götz (2018). Videos und soziale Medien: Prävention im Internet. www.bpb.de/politik/extremismus/radikalisierungspraevention/271421/videos-und-soziale-medien-praevention-im-internet?p=all [Zugriff: 04.06.2019]

Rieger, Diana/Morten, Anna/Frischlich, Lena (2017). Verbreitung und Inszenierung. In: Frischlich, Lena/Rieger, Diana/Morten, Anna/Bente, Gary (Hrsg.), Videos gegen Extremismus? Counter-Narrative auf dem Prüfstand. Wiesbaden: Bundeskriminalamt, S. 47–80.

Schell, Fred (2003). Aktive Medienarbeit mit Jugendlichen. Theorie und Praxis. Reihe Medienpädagogik, Band 5. München: kopaed.

Einzelnachweise

  1. Beispiele für subtile islamistische und rechtspopulistische Inhalte in YouTube-Videos während der Corona-Pandemie finden sich in Baeckmann et al. (2020). Zurückspringen
  2. Universelle Extremismusprävention spricht eine breite Gruppe von Personen an und hat zum Ziel, demokratische Teilhabeprozesse zu fördern. Inhaltlich ergänzt sie außerschulische und schulische Bildungsarbeit, indem sie Räume zur Aushandlung spezifischer gesellschaftlicher Kontroversen schafft, zu denen auch extremistische Gruppierungen Deutungsangebote platzieren. Als Ansatz der Primärprävention lässt sie sich abgrenzen von der Arbeit mit Personen, die als von Radikalisierung gefährdet gelten (Sekundärprävention) oder als bereits radikalisiert (Tertiärprävention) beschrieben werden können. Zurückspringen
  3. www.bpb.de/lernen/projekte/saymyname/ [Zugriff: 02.12.2020] Zurückspringen
  4. Das galt nicht für alle Videos. Ein Viertel der Videos verfolgte gar kein Narrativ (Rieger et al. 2017, S. 70) Zurückspringen
  5. Vgl. www.youtube.com/channel/UCCkTQUPNZjw8VFlZWB2CMfg [Zugriff: 08.12.2020] Zurückspringen