Medienlogik besser verstehen

Die kommunikationswissenschaftliche Forschung zeigt, welche Merkmale von Medieninhalten mit bestimmten Eigenschaften der Mediennutzer*innen unter Umständen unheilvoll zusammenwirken. Es sind gerade Minderheiten, die unter die Räder einer auf Publikumsaufmerksamkeit programmierten Medienlogik geraten können. Denn diese führt zur oft fatalen Fixierung auf das Negative, Außergewöhnliche und für das Publikum kognitiv leicht zu Verarbeitende. Ein Beispiel: Muslim*innen tauchen in der Öffentlichkeit meist als gesellschaftlicher Problemfall auf – als Sicherheitsproblem im aufmerksamkeitsträchtigen Terror-Kontext, aber auch als Integrationsproblem, wenn stereotype Bilder von Frauen mit Kopftüchern eine ganze Religion repräsentieren sollen (z. B. Ahmed/Matthes 2017; Karis 2013).

Der Blick für das Differenzierte geht aber nicht nur in Redaktionen verloren. In sozialen Medien sorgen Algorithmen dafür, dass aus Grau entweder Schwarz oder Weiß wird (Schmitt et al. 2018). Wer als junger Mensch auf Orientierungssuche YouTube zur Information über den Islam nutzt, kann schnell auf die schiefe Bahn islamistischer Inhalte geraten, die ein einfaches, undifferenziertes Weltbild vermitteln und ihr Publikum damit fesseln. Es erscheint zunächst paradox, aber im Mangel an Differenzierung steckt der Keim der Diskriminierung: Der Osten wählt rechts, den Muslim*innen geht die Religion über alles, der alte weiße Mann ist Amerikas Untergang – die Liste plakativer Pauschalisierungen ließe sich endlos fortsetzen, auch deshalb, weil Mensch und Medien nur schwer der Belohnung widerstehen können, die kognitiv leicht zu verarbeitende Inhalte psychologisch und ökonomisch bieten.

 

Medien als Fenster zur Welt

Zum diskriminierenden Verhalten, ausgelöst durch negativ-stereotype Medieninhalte, ist der Weg dann nicht mehr weit. Medien können also erheblich dazu beitragen, dass Vorurteile entstehen oder sich verfestigen. Pädagogische Angebote zur Prävention von Diskriminierung sind folglich gerade dort gefragt, wo der Verdacht besteht, dass sich die Realitätsvorstellungen junger Menschen vor allem aus Medieninhalten speisen. Zum gesellschaftlichen Problem werden solche Medieninhalte dann, wenn sie zweierlei beeinflussen: wie Mitglieder sozialer Gruppen die Gesellschaft wahrnehmen und wie umgekehrt die Gesellschaft mit Mitgliedern dieser sozialen Gruppen umgeht. Letzteres ist vor allem dann problematisch, wenn die Medien das einzige Fenster zur Welt der dargestellten Gruppen sind, wenn es Menschen also an Primärerfahrung mangelt, etwa am Kontakt mit Muslim*innen, Jüdinnen und Juden oder Ostdeutschen. Die sogenannte Kultivierungshypothese (Gerbner/Gross 1976) geht davon aus, dass Medien den Menschen nicht nur ein bestimmtes Bild von der Realität vermitteln, sondern auch ihre Einstellungen gegenüber diesen Gruppen formen.

Abb. 2, Medien als Fenster zur Welt Quelle 

 

Problematisch erscheinen die typischen Muster der Mediendarstellung von sozialen Gruppen aber nicht nur deshalb, weil sie zu einem negativen gesellschaftlichen Meinungsklima gegenüber diesen Gruppen beitragen können. Neben diesem Umweg können negativ-stereotype Inhalte Mitglieder sozialer Gruppen auch direkt beeinflussen und so Diskriminierungsgefühle auslösen. Die zugrunde liegenden psychologischen Mechanismen beschreibt das Konzept der (sozialen) „reziproken Effekte“ (Neumann/Baugut 2016).

 

Soziale reziproke Effekte

Bei sozialen reziproken Effekten handelt es sich um Medienwirkungen auf medial thematisierte Gruppen. Der Ansatz geht davon aus, dass Menschen eine soziale Identität haben und sich daher mit Mitgliedern ihrer Ingroup stark identifizieren können. Kommt ihre Gruppe nun in den Medien vor, fühlen sich Mitglieder aufgrund ihrer sozialen Identifikation auch ganz persönlich von den Medieninhalten betroffen. In der Folge wenden sie sich Mediendarstellungen der eigenen Gruppe besonders aufmerksam zu, gerade wenn sie davon ausgehen, dass Personen außerhalb ihrer Gruppe diese Medieninhalte ebenfalls intensiv nutzen und davon in der Folge stark beeinflusst werden.

Diese Wirkungsvermutung hat freilich auch dann psychologische Folgen, wenn sie (noch) nicht der Realität entspricht: Wer davon ausgeht, dass das gesellschaftliche Meinungsklima über die eigene Gruppe durch die Medien negativ beeinflusst wird, fühlt Diskriminierung bereits beim Blick in die mediale Welt, unabhängig davon, was die Medien tatsächlich auslösen (Baugut/Neumann 2020). Hinzu kommt, dass Menschen die Medien, gerade wenn sie von „Mainstream“-Medien sprechen, auch als Spiegel des bereits bestehenden Meinungsklimas der Mehrheitsgesellschaft gegenüber ihrer Gruppe betrachten. Die mediale Darstellung gilt unter Umständen nur als Spitze eines Eisbergs, als Thermometer für die soziale Kälte gegenüber der eigenen Gruppe. Mitglieder sozialer Gruppen ziehen auf Basis von Medieninhalten also sowohl Rückschlüsse auf das aktuelle als auch auf das zukünftige Meinungsklima gegenüber ihrer Binnengruppe. Verschärft wird all das durch das „Hostile-Media“-Wahrnehmungsphänomen (Hartmann/Tanis 2013): Kritische Mediendarstellungen einer Gruppe werden von Personen, die sich mit dieser Gruppe stark identifizieren, noch negativer wahrgenommen, als sie es vielleicht ohnehin sind.

 

Feindliche Medien!?

Die unter Umständen unheilvollen Folgen dieser psychologischen Mechanismen lassen sich am Beispiel von Muslim*innen in Deutschland veranschaulichen (Karadas et al. 2017). Diskriminierungsgefühle entstehen hier auf beiden bereits beschriebenen Wegen als Folge negativ-stereotyper Medienberichte – man denke etwa an das Focus-Cover nach einem islamistischen Terroranschlag mit der Frage: „Wie gefährlich ist der Islam“? Zum einen betrachten viele Muslim*innen Medien dann als gezielt diskriminierende politische Akteure, die sie in ein schlechtes Licht tauchen (wollen). Zum anderen bestärkt es die Sorge, dass die negativ-stereotypen Medienberichte innerhalb der Mehrheitsgesellschaft Vorurteile und Hass gegenüber Muslim*innen schüren.

Abb. 3, Magazin-Cover im Januar 2015

 

Die Folge können nicht nur Ängste, Diskriminierungswahrnehmungen und negative Einstellungen gegenüber Medien und Gesellschaft sein, es kann auch zur Vermeidung von Kontakten mit Nicht-Muslim*innen kommen – und in Einzelfällen gar zur Radikalisierung (Baugut/Neumann 2019; Neumann 2019). Die Gefahr, dass sich einzelne Gruppen von der Gesellschaft entfremden, besteht vor allem dann, wenn Angehörige von Minderheiten bereits in ihrem Alltag Diskriminierungserfahrungen gemacht haben. In diesem Fall können negativ-stereotype Medienberichte eine ganze Kaskade an negativen Emotionen und Kognitionen auslösen: „Diskriminierende“ Medienberichte und negative Primärerfahrungen bestätigen und verstärken sich gegenseitig, es verfestigt sich ein „Freund-Feind“-Denken.

Solch fatale Wirkungen journalistischer Berichterstattung können durch bestimmte Inhalte noch verstärkt werden – gerade durch solche, die journalistische Angebote pauschal diskreditieren, wie das zum Beispiel Rechtsextremist*innen mit „Lügenpresse“-Vorwürfen tun. Auf „alternativen“ Nachrichtenportalen sowie in sozialen Medien werden journalistische Massenmedien beispielsweise dafür kritisiert, dass sie vermeintlich „staatlich gesteuert“ seien, die Wahrnehmung diskriminierender Medienberichte wird hier also weiter politisiert. Auch in extremistischer Propaganda finden sich solche Argumentationsmuster, manchmal offensichtlich, oft aber auch subtil, um radikalisierende Absichten zu verschleiern (Neumann 2019). Dabei profitieren Propagandist*innen vom Nährboden, den journalistische Berichterstattung legt. Das Narrativ einer staatlich-medialen Verschwörung gedeiht leichter in den Köpfen seiner Adressat*innen, wenn diese die Medienberichterstattung in ihrer Erfahrungswelt schon einmal als politisch gezielt diskriminierend und feindlich wahrgenommen haben. Dies öffnet die Schleusen für Informationen „alternativer“ Medienangebote, deren strategische Ziele für Menschen ohne Medienkompetenz schwer erkennbar sein können.

 

Herausforderung für pädagogische Praxis und Medienkompetenz

Die beschriebenen Befunde und Mechanismen fordern die pädagogische Praxis heraus. Im Idealfall bietet sie ein wohltuend differenziertes Gegengewicht zur medialen Tendenz, die Realität holzschnittartig und stereotyp zu vereinfachen. Wenn es nicht die Medien sind, sollte die Schule der Ort sein, an dem junge Menschen vermittelt bekommen, dass die Welt wesentlich komplizierter ist, als es Stereotype suggerieren: der muslimische Sportler, den die Medien feiern; der alte weiße Mann, der für mehr Klimaschutz demonstriert; die Jüdin, die Israel kritisiert – sie müssen ihren Platz in der jugendlichen Wahrnehmungswelt haben.

Darüber hinaus ist es wichtig zu erkennen, welche soziale(n) Identität(en) ein junger Mensch zeigt und wie in der medialen Welt jene Gruppe(n) dargestellt werden, denen er sich zugehörig fühlt. Dabei sollte vermittelt werden, dass Medien infolge ihres Strebens nach Publikumsaufmerksamkeit allenfalls ein verzerrter Spiegel der Realität sind. Eine wichtige Botschaft lautet: Medien sind kein genauer Seismograf für die gesellschaftliche Stimmung, weil sie eher ihrer eigenen Logik als politischen Zielen folgen. Stilmittel wie Dramatisierung, Emotionalisierung und Zuspitzung von Ereignissen sind kein exklusives Merkmal der Berichterstattung über Minderheiten, vielmehr gehören sie zum journalistischen Standard-Repertoire (Reinemann et al. 2012). Diese Logik zu vermitteln, beugt Diskriminierungsgefühlen vor. Es gilt deutlich zu machen, dass der Stern es nicht auf die Sachsen abgesehen hat, wenn er titelt: „Sachsen. Ein Trauerspiel.“ Auch der Focus kämpft mit dem oben genannten Titel doch wohl eher um Leser*innen als gegen den Islam. Diese Form von Medienkompetenz schützt Mitglieder sozialer Gruppen vor einer gefährlichen psychologischen Kaskade, die Medien gerade dann auslösen, wenn das Ausmaß ihrer Politisierung überschätzt wird. Dies schließt freilich nicht aus, dass es Medieninhalte gibt, die von einzelnen Journalist*innen, Redaktionen oder Unternehmen mit der Absicht produziert werden, soziale Gruppen zu diskriminieren. Täglich treffen Redaktionen Entscheidungen, in die auch politische Bewertungen einfließen können: Über welche Themen und Ereignisse soll berichtet werden? Welche Aspekte sollen dabei betont werden? Wie sollten die Inhalte visualisiert werden? Wenn es in Medienhäusern darum geht, derlei Fragen zu beantworten, werden womöglich politisch motivierte (Fehl-)Entscheidungen getroffen, die sich in problematischen Medieninhalten zeigen. Dennoch wäre es verkehrt, stets ausschließlich politische Motive hinter Inhalten zu vermuten, die zurecht als diskriminierend wahrgenommen werden. Das Konzept sozialer reziproker Effekte erklärt nicht nur, warum sich Menschen diskriminiert fühlen, es ruft in der Öffentlichkeit präsente Akteure auch dazu auf, eine hinreichend differenzierte Sprache zu pflegen. Selbst pädagogische Fachkräfte sind nicht davor gefeit, allgegenwärtige mediale Stereotype zu übernehmen, können diese doch helfen, Kompliziertes vermeintlich verständlicher zu machen. Doch wer sich einer sozialen Gruppe zugehörig fühlt, reagiert auf unzulässige Vereinfachungen hochsensibel. Rassistische Untertöne hört besonders derjenige, der von ihnen im Alltag selbst betroffen ist. Im Sinne von Medienkompetenz gilt es daher zu vermitteln, dass negative mediale Darstellungen der eigenen Gruppe in ihrer negativen Wirkung auf die Gesellschaft eher überschätzt werden – gerade in einer Zeit, in der Menschen täglich eine nahezu unüberschaubare Vielfalt an inhaltlich keineswegs gleichförmigen Medienangeboten nutzen.

Auch Journalist*innen sollten sich reziproker Medieneffekte bewusst sein, den Austausch mit den von Medienwirkungen betroffenen Personen suchen – und vor diesem Hintergrund die Medienlogik kritisch reflektieren. Dabei gilt es auch individuelle handwerkliche Handlungsspielräume zu nutzen: So sollten Wortwahl und Bildmaterial von einer journalistischen Verantwortungsethik geprägt sein, die das Primat der Aufmerksamkeitsökonomie hinterfragt. Auch kann es hilfreich sein, die Diversität in Redaktionen zu erhöhen. Dennoch sollten die Handlungsspielräume einzelner Akteure nicht überschätzt werden: Strukturen der Medienfinanzierung zwängen Medienmacher*innen oftmals in ein ökonomisches Korsett, das wenig Platz lässt, Stereotypisierungen zu vermeiden. Umso wichtiger ist es dann, die Leidtragenden problematischer Medieninhalte über deren Ursachen aufzuklären.

Literaturverzeichnis

Ahmed, Saifuddin/Matthes, Jörg (2017). Media representation of Muslims and Islam from 2000 to 2015: A meta-analysis. In: International Communication Gazette, 79, pp. 219–244.

Baugut, Philip/Neumann, Katharina (2019). Online news media and propaganda influence on radicalized individuals: Findings from interviews with Islamist prisoners and former Islamists. In: New Media & Society, Advance online publication. DOI: 10.1177/1461444819879423.

Baugut, Philip/Neumann, Katharina (2020). Describing Perceptions of Media Influence among Radicalized Individuals: The Case of Jihadists and Non-Violent Islamists. In: Political Communication, 37, pp. 65–87.

Gerbner, George/Gross, Larry (1976). Living with Television: The Violence Profil. In: Journal of Communication, 26, pp. 173–199.

Hartmann, Tilo/Tanis, Martin (2013). Examining the Hostile Media Effect as an Intergroup Phenomenon: The Role of Ingroup Identification and Status. In: Journal of Communication, 63, pp. 535–555.

Karadas, Narin/Neumann, Katharina/Reinemann, Carsten (2017). Reziproke Effekte auf türkische Migranten. Eine Untersuchung zum Zusammenhang von sozialer Identität, Mediennutzung, Medienwahrnehmung und Medienwirkungen. In: SCM Studies in Communication and Media, 6, S. 128–159.

Karis, Tim (2013). Mediendiskurs Islam: Narrative in der Berichterstattung der Tagesthemen 1979-2010. Wiesbaden: Springer VS.

Luhmann, Niklas (1995). Die Realität der Massenmedien. Wiesbaden: VS Verlag.

Neumann, Katharina (2019). Medien und Islamismus. Der Einfluss von Medienberichterstattung und Propaganda auf islamistische Radikalisierungsprozesse. Wiesbaden: VS Verlag.

Neumann, Katharina/Baugut, Philip (2016). Neonazis im Scheinwerferlicht der Medien. Wiesbaden: VS Verlag.

Reinemann, Carsten (2010). Medialisierung ohne Ende? Zum Stand der Debatte um Medieneinflüsse auf die Politik. In: Zeitschrift für Politik, 57, S. 278–293.

Reinemann, Carsten/Stanyer, James/Scherr, Sebastian/Legnante, Guido (2012). Hard and soft news: A review of concepts, operationalizations and key findings. In: Journalism, 13 (2), pp. 221–239.

Schmitt, Josephine B./Rieger, Diana/Rutkowski, Olivia/Ernst, Julian (2018). Counter-Messages as Prevention or Promotion of Extremism?! The Potential Role of YouTube Recommendation Algorithms. In: Journal of communication, 68, pp. 780–808.

Vau.net (2020). VAUNET-Mediennutzungsanalyse. Mediennutzung in Deutschland 2019. https://www.vau.net/pressebilder/content/grafiken-publikation-mediennutzung-2019 [Zugriff: 13.05.2020]