Be yourself, love yourself

Die Vorstellung, dass wir alle ein einzigartiges Selbst besitzen, mit dessen Hilfe wir die Welt um uns herum gestalten, ist eine zentrale Idee der Individualisierung. Individualisierung bezeichnet einen Prozess, der sich in den letzten Jahrhunderten verstärkt hat. Der Begriff beschreibt den schleichenden Bedeutungsverlust von traditionellen Gemeinschaften wie Stand, Familie oder Religion. Verstärkt wird dies zum Beispiel dadurch, dass Menschen heute häufiger als früher umziehen und dabei neue Menschen und Ideen kennenlernen. Selbst die Vorstellung davon, was es heißt, ein Mann oder eine Frau zu sein, lässt sich nicht mehr eindeutig beantworten. Individualisierung bietet damit neue Freiheiten, zum Beispiel selbst zu entscheiden, was für einen richtig oder falsch ist.

Abb. 2, Was passt zu mir? Quelle

Die gewonnenen Freiheiten gehen aber auch mit neuen Abhängigkeiten einher. Statt von der Familie werden die Menschen zum Beispiel davon abhängig, auf dem Arbeitsmarkt Erfolg zu haben und ein eigenes Einkommen zu verdienen. Im Notfall sind es nicht mehr Verwandte und Freund*innen, von denen man Hilfe erfährt, sondern man ist auf eigenes Einkommen, den Staat und Versicherungen angewiesen. Individualisierung kann sich auf diese Weise schnell einsam und verlassen anfühlen. Denn man selbst zu sein bedeutet nicht automatisch, dass man gute Freund*innen hat.

Ganz alleine man selbst sein?

Dass es deutlich weniger Spaß macht, alleine man selbst zu sein als in Gemeinschaft, haben viele Menschen erkannt. Ihre Reaktion darauf ist jedoch unterschiedlich, denn unsere Gesellschaft bietet viele Wege, nicht allein sein zu müssen. Drei Beispiele: Der vielleicht anerkannteste Weg ist, eine Karriere zu machen. Eine Karriere geht damit einher, dass man Geld verdient und dass einen andere Menschen bewundern. Wer Geld verdient, kann sich vieles leisten und wer bewundert wird, hat meistens auch andere Menschen um sich. Allerdings kann oder will auch nicht jeder Karriere machen. Ein anderer Weg wäre, dass man in eine Szene abtaucht: Hip-Hop, Cosplay, Skateboarding, Sportklettern und  viele andere. In Szenen kann man Gleichgesinnte treffen, Leute, die ihr Selbst ähnlich gestalten. In Szenen zu bleiben kostet aber meistens auch Geld und Zeit. Es braucht angesagte Klamotten, die richtige Musik oder Eintrittskarten für Konzerte.

Abb. 3, Ich bin viele, viele sind ich Quelle

Ein weiterer Weg, nicht alleine man selbst sein zu müssen, sind religiöse Gemeinschaften. Das mag seltsam klingen, weil lange angenommen wurde, dass religiöse Gemeinschaften in individualisierten Gesellschaften an Bedeutung verlieren würden. Aber Religionen sind anpassungsfähig. So haben es beispielsweise buddhistische Gruppierungen, viele christliche Kirchen und muslimische Gemeinschaften geschafft, mit der Individualisierung ihrer Gläubigen umzugehen. Auch wenn sich nicht alle theologischen Inhalte verändert haben, wurden Wege gefunden, Angebote für sehr unterschiedliche Lebenswege zu bieten. Zum Beispiel wurden Scheidungen möglich gemacht, Rollenbilder von Mann und Frau flexibler oder religiöse Pflichten teilweise weniger verpflichtend.

Komm zu uns und alles wird gut!

Während viele religiöse Gemeinschaften ihren Gläubigen helfen, mit den Herausforderungen der Individualisierung umzugehen, gibt es auch solche, die sich radikal gegen sie stellen. Für diese Gruppierungen sind Kompromisse mit den Veränderungen der Gegenwart Teufelswerk. Religiöse Gebote sind für sie Gesetze, die nicht an die Erfordernisse der Zeit angepasst werden dürfen. Wer ihren Gesetzen nicht folgt, bricht mit dem angeblich richtigen Glauben und wird abgewertet, vielleicht sogar bekämpft. Diese religiösen Gruppierungen gibt es in allen Religionen. Sie werden Sekten genannt oder als fundamentalistisch oder extremistisch bezeichnet.

Abb. 4, An Ratgebern mangelt es nicht, Quelle: pierrevogeldawa

Ein Beispiel dafür sind manche  salafistische Gruppierungen. Diese behaupten von sich, den Islam so zu leben, wie es die Nachfolger des Propheten Mohammed taten. Sie stellen sich gegen individuelle Auslegungen der Schriften und Gebote des Islams. Extremistische salafistische Strömungen bekämpfen mitunter Abweichungen von dem Ideal, das sie als richtig bezeichnen, indem sie Andersgläubigen ihre Religion absprechen oder sogar Gewalt gegen sie ausüben. Ihre Positionen hören sich manchmal an, als ob sie aus einer anderen Zeit stammen. Dabei sind auch salafistische Gruppen tief in der Gegenwart verankert. Wer den Lebensweg heute bekannter Salafist*innen anschaut, sieht, dass dieser auch für sie sehr individuelle Herausforderungen enthalten hat. Ihre Lösung war es, sich zurückzuziehen und die Gegenwart abzulehnen. Ihr Versprechen ist es, dass alle, die es so machen wie sie – wohlgemerkt: nur so wie sie – die richtigen Wege an den Kreuzungen des Lebens nehmen.

Kreuzungen auf dem Weg zum Selbst

Man selbst zu sein kann wirklich ganz schön schwierig werden. Es gibt sehr viele Personen, die einem dabei helfen wollen, und jede hat mindestens zwei Angebote. Und egal wie viele Leute einem Ratschläge geben, am Ende entscheidet immer man selbst. Das kann sich super anfühlen oder auch zu richtigen Problemen führen. Das Gute daran ist, dass wir uns alle (ungefähr) in derselben Situation befinden. Wir müssen lernen, Entscheidungen zu treffen und mit ihren Konsequenzen umzugehen. Weil es uns allen so geht, kann es sehr hilfreich sein, sich darüber mit anderen auszutauschen. Fragt eure Verwandten und Freund*innen oder auch euch selbst doch mal:

  • Was ist dir so wichtig, dass es dich ausmacht?
  • Wie wichtig ist es dir, anders zu sein? Von wem willst du dich unterscheiden?
  • Wie gehst du mit Leuten um, die anders sind als du? Wann findest du Unterschiede gut? Wann nerven sie dich?
  • Was tust du, wenn du etwas, das andere für richtig halten, total falsch findest? Was könnten andere Leute an deinem Verhalten falsch finden?

veröffentlicht am 29.06.2020