Freie Entfaltung, Sexualität und sexuelle Orientierung

Das Thema Sexualität und sexuelle Orientierung hat in der Pubertät einen hohen Stellenwert. Vieles wird explizit oder implizit dazu unter Jugendlichen verhandelt. Dabei herrschen teilweise ein starker normativer Druck und Regeln, die sich aus verschiedenen gesellschaftlichen Vorstellungen zusammensetzen, aber selten klar thematisiert werden. Es geht um (vermeintlich) sexuelle Kontakte von Jungen und Mädchen, die wahlweise zu häufig oder zu selten stattfinden oder geschlechtsspezifisch sehr unterschiedlich bewertet werden. Jungen, die mit vielen Mädchen „etwas haben“, sind nach wie vor eher „cool“, wohingegen Mädchen, die mit mehreren Jungen etwas haben, zum Teil vernichtend abgewertet werden – von den Jungen ebenso wie von den Geschlechtsgenossinnen. Das bezieht sich auch auf die Kleidung. Der Balanceakt zwischen dem, was als zu viel oder zu wenig „sexy“ angesehen wird, ist teils recht unverständlich und willkürlich und folgt je nach individueller „Mädchengruppe“ eigenen Regeln. Da ist es nicht einfach, sich zurechtzufinden.

Strenge Kleiderordnung als „Exit-Strategie“

Das ist für den Themenkomplex des religiös begründeten Extremismus von daher interessant, weil es einige Aussagen von Mädchen und jungen Frauen etwa aus dem salafistischen Spektrum gibt, die die dort herrschende eindeutige Kleiderordnung als Entlastung wahrnehmen. Sie müssen nicht mehr nachdenken, was sie anziehen dürfen, um „cool“ und doch „keine Schlampe“ zu sein. Sie sind nicht mehr den andauernden vergleichenden und bewertenden Blicken auch der Mädchen untereinander ausgesetzt. Sie folgen ihren eigenen Regeln des Salafismus, in dem innere Werte zählen und sich Schönheit vor allem an gottgefälligem Verhalten ablesen lässt. Um der Verführung des körperlichen Vergleichs (wer ist schöner, schlanker, sportlicher) auch untereinander widerstehen zu können, hilft nach Aussagen der Salafistinnen die Verhüllung des Körpers durch Hijab und Niqab.[1]

Strenge Sexualitätsnormen gegen schwer Einzuordnendes

Was sich geändert hat, ist der kaum gebremste Zugang von Kindern und Jugendlichen auf pornografische Bilder und Filme durch das Internet. Abgesehen von den Überforderungen, die sich dadurch für Heranwachsende ergeben können, wird immer wieder festgestellt, dass viele junge Menschen dennoch recht wenig über ihren eigenen Körper, den der Partner*innen und über empfehlenswerte Gesundheits- und Verhütungsvorsorgemaßnahmen wissen. Das betrifft alle Kinder und Jugendliche. Wichtig ist es, hier Gesprächsangebote zu machen und Heranwachsende darin zu unterstützen, Bilder einzuordnen und ihre Fragen zu Sexualität und Partnerschaft zu beantworten.

In streng religiösen muslimischen (wie auch anderen konfessionellen) Kontexten bestimmen strikte Normen den Umgang mit dem Thema Sexualität. Außerehelicher Geschlechtsverkehr wird ebenso abgelehnt wie nicht-heterosexuelle Orientierungen. Der Wiener Imam Tarafa Baghajati dazu: „Prinzipiell hat der Islam eine äußerst positive Einstellung zur Sexualität zwischen Mann und Frau. Dies ist in unzähligen Stellen aus dem Koran, Hadithe des Propheten und der islamischen Tradition und Literatur belegt. Sex gehört aber eindeutig in die Ehe.“[2]Das hat zur Folge, dass Jugendliche aus diesem Umfeld nicht die Gelegenheit haben, sich offen zu Sexualität, eigenen Wünschen und Vorstellungen zu äußern. Solange sie noch keine Ehe anstreben, hat Sexualität für sie kein Thema zu sein. Ihre Ansprechpartner etwa in Familie und der Moschee vertreten Normen, die manchmal sehr weit entfernt von dem sind, was sie in den Medien sehen oder im Umgang mit Gleichaltrigen erleben.

Das kann die ohnehin hohe Verunsicherung in Zeiten der Pubertät verstärken und auch sehr frustrierend sein. Die Frustration über nicht ausgelebte Sexualität ist ein Feld, das in der Präventionsarbeit – mit Jungen und Mädchen gleichermaßen – Beachtung finden sollte. Wie ist das, wenn das Gros der Gleichaltrigen herum Erfahrungen in temporären Partnerschaften machen kann und man selbst nicht? Weil man vom Verständnis der Eltern und des familiären Umfelds her nicht darf oder auch niemanden geeigneten findet? Und welche vermeintlichen Lösungen bieten radikal islamistische Gruppierungen an?

Sexuelle Erfüllung als Belohnung für Schamhaftigkeit und Keuschheit

Für radikal islamistische Gruppierungen gelten jegliche Liberalisierungen in Bezug auf Sexualität, sexuelle Orientierungen und geschlechtliche Identitäten als nicht akzeptabel. Das voreheliche keusche Leben wird als heldenhaft dargestellt. Die Belohnung für die Entbehrungen erfolgt, wenn er/sie erst einmal die/den Richtige/n kennengelernt hat und dann die wahre Vereinigung erlebt. Allerdings stellen sich die Prediger im Netz und anderswo als aufgeklärte Ansprechpartner dar. Anders als Jugendliche es häufig in ihrem Umfeld erleben, sprechen selbst ernannte Prediger offen über Verführungen, Wünsche und auch begangene Verfehlungen. Sie stellen ein auch in sexueller Hinsicht erfülltes Leben in Aussicht, versprechen gute Ehepartner, die sich durch den Kampf für den „wahren Islam“ quasi als Belohnung Gottes von ganz alleine finden.

Manche Parabeln im Internet machen zwar Andeutungen, dass man im Leben natürlich weiterhin mit Herausforderungen und Widrigkeiten zu rechnen hat, sei es, weil Eheleute etwa durch Kriegshandlungen getrennt sein müssen, sei es, weil die Schönheit einer Ehefrau sich nicht auf den ersten Blick erschließt. Aber es gibt immer ein Happy End. Darüber hinaus machen radikal islamistische Gruppierungen für jene, die bislang nicht enthaltsam, keusch und schamhaft im Sinne des Koran gelebt haben, ein hervorragendes Angebot: Sie können von Neuem – als unbeschriebenes Blatt sozusagen – beginnen. Und für Mädchen gibt es eine weitere Attraktion: Es wird (offiziell) nicht mit zweierlei Maß gemessen und Jungen haben sich genauso keusch und schamhaft zu verhalten wie sie als Frauen. Das ist in ihrem Leben oft anders.

Dass das wirkliche Zusammenleben zwischen Mann und Frau im religiös begründeten Extremismus sich mit Sicherheit nicht immer durch regelhaftes und respektvolles Leben auszeichnet, zeigen vor allem Schilderungen aus den Kriegsgebieten des sogenannten IS. Hierzu bedürfte es einer eigenen Abhandlung insbesondere auch zur Rolle von Ehefrauen im Verhältnis zu gefangenen Frauen, die als „Sklavinnen“ gehalten wurden und sexualisierter Gewalt ausgesetzt waren. Das Zusammenspiel von (Mit-)Täterschaft, Ideologien der Ungleichwertigkeit, Sadismus und persönlichen (sexuellen) Interessen muss nicht zuletzt für die Arbeit mit Rückkehrer*innen durch Sicherheitsbehörden und spezialisierte Fachträger der Distanzierungs- und Deradikalisierungsarbeit untersucht werden.

Zur Vielfalt sexueller Orientierungen und Geschlechtsidentitäten – LSBITQ[3]

Ein weiteres wichtiges Thema sind sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität. Hier lässt sich beobachten, dass in der Mehrheitsgesellschaft der Umgang und die Bewertung von Homo- oder Transsexualität bzw. Queerness in Jugendgruppen sehr unterschiedlich ausfallen können. In ein und derselben Schule kann sich in einer Klasse eine Kultur der Offenheit entwickelt haben, während in der Parallelklasse homophobe Anfeindungen prägend sind. Oft hat das tatsächlich damit zu tun, dass eine Gruppe schwule, lesbische, transsexuelle oder queere Menschen unter den ihren hat und das als selbstverständlich ansieht. Insgesamt zeigt sich: Je offener und konstruktiver Lehrpersonen und mehrere Mitschüler*innen mit dem Thema umgehen, umso positiver ist das für die Gesamtgruppe. Wenn in einer Gruppe jedoch mehrheitlich Personen sind, die keine (offenen) Erfahrungen mit Nicht-Heterosexuellen haben und deren Umfeld nur das intime Verhältnis zwischen Mann und Frau als legitim ansieht, ist es oft schwierig, Toleranz einzufordern. Wenn Abwertungen von LSBITQ-Menschen noch dazu religiös begründet werden, bedarf es besonderer pädagogischer Zugänge.

Sodom und die westliche Dekadenz

Heteronormative Positionen, die Homosexualität u. a. als Krankheit darstellen und die Sexualität insgesamt nur als innerehelichen Akt gutheißen, werden von fundamentalistischen Gruppen aller Religionen (Christentum, Judentum und Islam) vertreten. Im Islam werden von vielen  Rechtsgelehrten sexuelle Handlungen zwischen Männern ebenso als Sünde abgelehnt wie außerehelicher Geschlechtsverkehr und das Trinken von Alkohol.[4] In der Regel werden diese „Sünden“ jedoch als Privatsache angesehen. Das Video „Schwulsein im Islam: „Gott sollte mich heilen“[5] zeigt allerdings, wie schwierig ein Coming-out für einen religiösen Muslim sein kann und dass der Widerspruch, in dem er sich befindet, das Streben nach klarer Orientierung und Zugehörigkeit zunächst noch verstärken und tatsächlich auch ein Push-Faktor zur Radikalisierung sein kann.

Radikal islamistische Gruppierungen positionieren sich eindeutig gegen gleichgeschlechtliche Partnerschaften: YouTube-Videos von „Botschaft des Islam“ (vgl. etwa „Das Volk von Lut (as) und die Homosexualität“[6] ) vermitteln konkret Inhalte gegen Homosexualität und appellieren mehr oder weniger subtil an die Verantwortung der Muslim*innen, lasterhaftem Leben entgegenzuwirken, da etwa gleichgeschlechtliche Liebe zur Vernichtung der Welt führen würde. In verschwörungstheoretischer Manier weisen sie darauf hin, dass der Weltuntergang bereits begonnen habe, da die ganzen Naturkatastrophen eine Bestrafung der Engel Allahs für die Sünden und das allgemein herrschende sündhafte Leben der Menschen seien.