Konkrete Anregungen für die pädagogische Arbeit und Materialien

Weitere pädagogische Anregungen ergeben sich aus den in Kapitel II. angesprochenen Themen. Sich hier zu Fragen der Religionsfreiheit, Diskriminierung, Gleichberechtigung, des Leistungsdrucks in Bezug auf „männliches“ oder „weibliches“ Verhalten, der Schönheitsideale, Sexualität u. v. m. auszutauschen bzw. Jugendlichen Angebote zu machen, in denen sie diese Themen verhandeln können, sollte ein wesentlicher Bestandteil nicht nur von Prävention, sondern von Jugendarbeit prinzipiell sein.

Auseinandersetzung zu Diskriminierungen von Muslim*innen und Menschen mit Migrationshintergrund
Wichtig ist es, die Diskriminierungen von Muslim*innen und Menschen mit Migrationshintergrund offen zu thematisieren und dabei persönliche Fragen zu Freiheit und Selbstbestimmung von Jugendlichen zu diskutieren. Hierzu bieten sich offen-narrative Gesprächsgruppen an oder Methoden, die die Teilnehmer*innen von Gruppenangeboten anregen, darüber nachzudenken, wie sie leben wollen hinsichtlich beruflicher Perspektiven, Liebe und Partnerschaft und gesellschaftlicher Einbindung.

Perspektivwechsel „Kopftuch“
Um auf die Rolle von jungen Frauen, die sich für das Kopftuch entscheiden, einzugehen, kann eine kleine Selbstübung hilfreich sein. „Feel the difference“[1]: Ob als Fortbildnerin mit Erwachsenen oder in der pädagogischen Gruppenarbeit mit Jugendlichen oder auch im öffentlichen Raum, werfen Sie sich während eines Vortrags oder einer Moderation ein Kopftuch über oder lassen sie die Mädchen einer Jugendgruppe ein Kopftuch während eines Stadtspaziergangs tragen und reflektieren mit der Gruppe und den „Kopftuchträgerinnen“ anschließend, was sich für sie dadurch in der Selbst- und Außenwahrnehmung geändert hat. Auch lassen sich zur Diskussion über das Kopftuch alternative Bilder gut einsetzen. Es gibt im Internet z. B. einige Bilder, die das Tragen des Kopftuchs mit Frauenrechten und Selbstbestimmung zusammenbringen. Suchen Sie unter dem Eintrag: „I’m a hijab-wearing Muslim, and I am a FEMINIST“.

Männer und Frauen sind gleichberechtigt
In der Extremismusprävention ist die Diskussion zu gesetzlich verbrieften Rechten und ggf. (noch) nicht Erreichtem unerlässlich. Das betrifft in Bezug auf Genderaspekte die Frage der in Artikel 3, Absatz 2, geregelten Gleichberechtigung von Männern und Frauen. Gerade in der Arbeit mit Jugendlichen bietet es sich an, über die ungleiche Behandlung von Mädchen und Jungen in der Familie, der Schule oder im öffentlichen Raum zu sprechen. Hier gibt es viele spannende Fragestellungen für die Jugendarbeit. Wie fühlen sich Jungen von Pädagog*innen behandelt? Inwieweit werden Mädchen, die Gewalt ausüben, fortwährend übersehen? Wie könnte man dafür sorgen, dass sich Mädchen wie Jungen sicherer im öffentlichen Raum bewegen? Was braucht es dafür? Wie lassen sich Jugendeinrichtungen so gestalten, dass sie für Jungen und Mädchen gleichermaßen interessant sind. Ein wichtiger Ansatzpunkt sind auch Einrichtungen für Mädchen und die Stärkung von Ansätzen der Mädchenarbeit. Denn in der Prävention von religiös begründeten Extremismus lässt sich anders als in der Rechtsextremismusprävention sehr gut geschlechtsspezifisch arbeiten.
Aber auch zu nicht erreichter Gleichberechtigung in Einkommen, zur Repräsentanz von Frauen in Machtpositionen, zu ungleicher Verteilung bei Care-Tätigkeiten usw. lässt sich gut mit Jugendlichen diskutieren. Die Fragen nach Gerechtigkeit bewegt die meisten. Über soziometrische Aufstellungen im Raum und Einstiegsfragen kann eine Diskussion interaktiv begonnen werden. Beispielfragen sind etwa: „Was glaubt ihr, wie viel Prozent verdienen Frauen weniger als Männer. Stellt euch auf. Hier sind 0%, in der Mitte des Raums 50%, am anderen Ende des Raums 100%“. Und weiter: „Was denkt ihr zu folgender Aussage: Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Stimmt absolut, zur Hälfte oder gar nicht?“

Let’s talk about sex
Das Bedürfnis, mit externen Fachpersonen über Fragen der Sexualität zu reden, ist bei Jugendlichen groß. Dazu braucht es einen vertraulichen Rahmen und nach Bedarf mädchen- oder jungenspezifische Gruppen. Auch sind die zu behandelnden Fragen und Zugänge je nach Alter unterschiedlich. Über Bilder oder Aussagen, die die Heranwachsenden selbst einbringen, kann man ins Gespräch kommen. Dabei lässt sich auch der ganze „Leistungsdruck“ um das Thema Sexualität und Partnerschaft thematisieren, in Bezug auf Attraktivität, Coolness usw., und natürlich die Frage der persönlichen und religiösen Grenzen, die jeder Mensch hat. Das Video „Ich bin Jana. Und ich breche mit euch das Schweigen!“ von Turn e.V. (siehe Materialien) kann ein guter Einstieg zur Diskussion sein.

Klare Positionierung gegen Abwertungen von LSBITQ-Menschen
Die Ablehnung von allen nicht-heterosexuellen Lebensweisen ist Bestandteil radikal islamistischer Ideologien, die der westlichen Liberalität den Kampf ansagen. Auch hier bestehen deutliche Parallelen zum Rechtsextremismus, der Homosexualität als unwertes Leben klassifiziert. Umso wichtiger ist es, gesamtgesellschaftlich für die Gleichberechtigung von LSBITQ-Menschen einzustehen. Und dabei lässt sich gut mit Beispielen und Meinungen von muslimischen Jugendlichen arbeiten. In einem YouTube-Video[2] erzählt Tugay Sarac[3], wie seine widerstreitenden Gefühle, weil er Muslim und schwul ist, erst einmal dazu geführt haben, sich zu radikalisieren. Schließlich aber outete er sich. Dabei habe er sehr viel Abwertung erfahren und Freunde verloren, so seine Schilderung. Zu diesem Video gibt es z. B. einen Kommentar, der sich auch zur Diskussion eignet: „Schön zu sehen, dass wir Leute wie ihn in unserer muslimischen Community haben. Ich bin sehr enttäuscht und entschuldige mich (für) diejenigen, die den Kontakt mit dir abgebrochen haben. Die schlechten Muslime sind leider immer die lautesten, deshalb ist es wichtig, dass wir Probleme in unserer Gemeinschaft ansprechen und Intoleranz nicht akzeptieren.“

Jede Jugendeinrichtung und Schule kann dazu beitragen, dass sich abwertende Haltungen gegenüber LSBITQ-Menschen verändern, indem sie dafür sorgt, dass alternative, nicht-heterosexuelle Repräsentationen in ihren Räumen sichtbar sind und damit als etwas Selbstverständliches dargestellt werden. Wenn man Begriffe wie „Homosexualität“, „schwul“, „lesbisch“, „Transjugend“ usw. in Kombination mit „Islam“ oder „muslimisch“ in Suchmaschinen im Internet eingibt, lassen sich vielfach Bilder mit Muslim*innen finden, die für Schwul- oder Lesbisch-Sein einstehen oder Transjugendliche unterstützen. Diese können aufgehängt und/oder in Gruppendiskussionen als Impuls genutzt werden.