Kritik an pluralen Gender-/Geschlechterrollen

Die im Westen erkämpften Rechte emanzipativer Bewegungen sind ein wesentliches Ziel islamistischer Gesellschaftskritik. Vor allem werden in diesem Zusammenhang die Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern sowie die Infragestellung heteronormativer Werte kritisiert. Der islamistischen Erzählung nach gibt es eine gottgewollte biologische Ungleichheit zwischen Männern und Frauen, die eine unterschiedliche Stellung innerhalb der Gesellschaft begründet. Wie in allen patriarchalen Gesellschaftsvorstellungen ist die Frau dem Mann innerhalb dieses Denksystems nachgeordnet.

Exemplarisch steht dafür die Antwort Abul Baraas auf die Frage, welche Aufgabe eine Frau einem Mann gegenüber zu erfüllen hat. Abul Baraas Auslegung des Koran und der Sunna zufolge, also der Erzählungen aus dem Leben des Propheten Mohammeds, ist es die Aufgabe der Frau, dem Mann zu gehorchen.[1] Eine Gleichstellung von Geschlechtern sowie die Anerkennung von pluralen Geschlechtsidentitäten stehen aus islamistischer Perspektive im Widerspruch zur gottgewollten menschlichen Natur und bilden damit eine Gefahr für die Gesellschaft. Sie führten zum Rückgang der Geburtenrate und letztlich zum Aussterben ganzer Gesellschaften.

Antifeministische und homo-, bi-, queer-, inter- und transphobe Erzählungen sind auch ein großer Teil rechtsextremer Gesellschaftskritik. Konkret wird gegen das Gender Mainstreaming, also die Förderung der Gleichstellung aller Geschlechter sowie pluralisierte sexuelle Lebens- und Familienformen, agitiert.

Abbildung 4: Gender-Mainstreaming, für Rechtsextreme eine Verschwörung der Gesellschaft gegen sie. Quelle: Identitäre Bewegung

Auch hier wird auf ein biologistisch begründetes patriarchales Gesellschaftsbild rekurriert, das die hierarchischen Positionen innerhalb einer Gesellschaft, klassische Rollenzuteilungen und die vermeintlich natürlichen Geschlechterbeziehungen legitimiert. Gegen dieses, so die Erzählung, wolle der linke Mainstream mittels Indoktrinierung vorgehen: Unter dem Titel „Genderterror aus den Köpfen“ berichtet die IB am 22.06.2015 über eine Demonstration (siehe Abbildung 4): „Wie auch in anderen Bundesländern versucht die Gender- und Homo-Lobby ihre Agenda voranzutreiben. Überall im Land soll die verbindliche Thematisierung von Homo-, Bi-, Trans- und Intersexualität in den Schulen umgesetzt werden. Gegen dieses Vorhaben einer Indoktrinierung unserer Kinder formiert sich jedoch starker Widerstand, denn man hat die perfide Absicht hinter der Fassade der „Toleranz“ erkannt.“[2]

Mit diesen und ähnlichen Formulierungen wird suggeriert, dass Menschen die heteronormative Geschlechterordnungen und -beziehungen ausleben, benachteiligt und ausgegrenzt würden. In Abgrenzung zum vermeintlichen „linken Mainstream“ wird zudem ein Leben entsprechend der vorgeblich naturgegebenen Rollenvorstellungen als das wirklich „Radikale“ inszeniert und damit an jugendliche Bedürfnisse nach Abgrenzung angeknüpft.