Ambiguitäten aushalten lernen

Diskussionen um kontroverse Themen rund um religiöse, kulturelle und geschlechtliche Vielfalt erfordern ein hohes Maß an Offenheit und Flexibilität gegenüber komplexen Sachverhalten, Mehrdeutigkeiten und Widersprüchen. Neben Diskurskompetenz kann Ambiguitätstoleranz als Kernelement von Demokratie- und Diversitätskompetenz dabei helfen, ideologischen Deutungsangeboten, die endgültige Antworten versprechen, etwas entgegenzusetzen. Thomas Bauer definiert Ambiguitätstoleranz als „Vermögen einer Gesellschaft, verschiedene und einander sogar widersprechende Normen und Werte nebeneinander bestehen zu lassen, ohne auf die ausschließliche Geltung der eigenen Perspektive mit deren Werten oder Normen zu bestehen“ (Bauer 2011b, S. 2). Ambiguitätskompetenz kann also dabei helfen, Mehrdeutigkeiten und Widersprüche zu akzeptieren, ein Freund-Feind-Denken zu überwinden und mit Andersdenkenden, deren Perspektiven den eigenen vermeintlich oder tatsächlich widersprechen, im Gespräch zu bleiben.

Claudia Lenz erklärt in ihrem Artikel „Ambiguitätstoleranz – ein zentrales Konzept für Demokratiebildung in diversen Gesellschaften“ u. a. die unterschiedlichen Dimensionen von Ambiguitätstoleranz und zeigt auf, welchen Beitrag Demokratiebildung dazu leisten kann. Ambiguitätstoleranz versteht sie als Kernelement von Demokratie- und Diversitätskompetenz und plädiert für

  • die Anerkennung von und Offenheit für die divergierenden Sichtweisen, Interessen und Argumente von anderen,
  • die Kompromissbereitschaft als Modus der Entscheidungsfindung und Einigung,
  • die Bereitschaft zur Änderung eigener Standpunkte,
  • das Aushalten und Anerkennung des/der Verschiedenen als gleichwertig,
  • das Wertschätzen des Nichtverstehens als Ausgangspunkt für neue Einsicht,
  • die Bereitschaft zur Änderung bestehender Deutungsmuster und Einstellungen.

 

Letztlich ist auch die Medienkritikfähigkeit eine Voraussetzung, um antipluralistische Narrative als solche zu erkennen und zu hinterfragen. Was genau darunter verstanden wird, beschreibt Nadja Jennewein in ihrem Artikel Crossmedialer Extremismus zwischen digitalem Mainstream und Dark Social. Kompetenzanforderungen im Kontakt mit subtiler Online-Propaganda.