Ergänzungen der Informationsräume

Einige junge Menschen werden vor Entwicklungsaufgaben gestellt, für die sie in ihrer unmittelbaren Umwelt wenige Informationen und kaum Vorbilder finden. Für diese jungen Menschen bietet der Einbezug sozialer Medien in ihren Informationsraum die Möglichkeit, Medien und Personen gezielt zu ergänzen und damit Orientierung besser zu ermöglichen. Beispielhaft ausgeführt werden sollen hier die Aussagen von Sebastian und Jette. Beide beziehen sich auf LGBTQI+-Themen und bei beiden wird deutlich, dass besonders Personen mit marginalisierten Perspektiven in mediatisierten Informationsräumen wichtige Ressourcen finden können. Jette, weiblich, 16 Jahre, und Sebastian, männlich, 18 Jahre, besuchen beide ein Gymnasium. Im Interview erzählten sie davon, dass sie sich intensiv mit ihrem Gender und ihrer Sexualität auseinandergesetzt haben. Sebastian hat sich in den letzten Jahren stark mit seiner Transgeschlechtlichkeit beschäftigt, Jette hat nach ihrer letzten Beziehung die an sie gesellschaftlich herangetragene Erwartungshaltung hinterfragt, eine heterosexuelle Beziehung führen zu sollen (compulsory heterosexuality). Bei beiden stehen Instagram, YouTube und ihre Freund*innen im Zentrum des Informationsraumes. Bei Sebastian kommt im Zentrum das alternative Wohnprojekt hinzu, in dem er wohnt; bei Jette noch TikTok und Signal.  

Auffällig bei beiden ist, dass sie Inhalte aus sozialen Medien für die Bearbeitung ihrer Themen als wesentlich wichtiger beschreiben als massenmediale Darstellungen. Der Grund für die Priorisierung von sozialen Medien in ihrem Informationsraum ist für beide jungen Menschen eine problematische Darstellung von LGBTQI+-Themen in Massenmedien. Sebastian nennt die Zeitung Die Welt als Beispiel, in der Transgeschlechtlichkeit auf eine für ihn abschätzige Weise behandelt wurde:  

„Das war entweder dieses Jahr oder letztes Jahr. Dann kam ein Artikel raus über, ja, Trans-Indoktrination. Da wurde natürlich gesagt, so, ja, kleinen Kindern wird gezeigt, dass es trans* Leute gibt und das heißt, dass die Kinder dann auch trans* werden, was natürlich kompletter Bullshit ist, weil es wurde bewiesen, dass, wenn du ’ne trans* Person siehst, nicht trans* wirst, genauso, als würdest du eine schwule Person sehen und du wirst nicht direkt schwul. Aber das ist so ein Beispiel gewesen, dass einige Artikel von der Welt sehr, sehr, also, sehr viele Misinformationen12 nach außen geben“ (Sebastian, 01:01:25ff.). 

Jette ging es mit massenmedialen Inhalten ähnlich. Sie fühlte sich in Bezug auf ihr Thema in diesen nicht adressiert. Ihr waren deutsche Massenmedien zu konservativ und für die Auseinandersetzung mit dem Thema ihrer eigenen Sexualität nicht hilfreich. Soziale Medien sind für sie an dieser Stelle wesentlich wichtiger. 

Jette: „Das ist so ziemlich einer der Hauptpunkte, wenn es zu diesem Thema kommt. Und dann halt, wenn man sich so damit auseinandersetzt, kriegt man halt auch – ich kriege den Großteil meiner Informationen über TikTok und Instagram. Oder wenn man sich mal so in der ein oder anderen sexuality crisis befindet, dann gibt es ja manchmal YouTube, ist auch sehr informativ, was halt in Bezug auf Queer Community und so ist. […] Also übers Fernsehen oder so krieg ich persönlich, habe ich persönlich keinen Kontakt zur queeren Community oder Zeitungen oder irgendwas. Es gibt nämlich kaum Repräsentation oder so in den aktuellen Medien oder Fernsehsendungen oder was auch immer.“ 

Interviewer: „Was meinst du, da hast du kaum Kontakt zur queeren Community?“ 

Jette: „Damit meine ich, dass, wenn ich mich da mit dem Thema auseinandersetzen möchte oder so, oder wenn ich einfach Repräsentationen von Menschen sehen möchte, die so ähnlich sind wie ich oder die verstehen, worum es mir geht, dann findet man das bei deutschen Fernsehsendern oder deutschen Zeitungen einfach nicht. Also die deutsche öffentliche Medienwelt, also halt nicht Social Media, sondern Fernsehen, Zeitungen etc. sind sehr, größtenteils konservativ gehalten. Auf jeden Fall die, die ich kenne“ (Jette, 11:13ff.). 

Sebastian und Jette fühlen sich beide von massenmedialen Inhalten nicht angesprochen, Jette bringt es auf den Punkt fehlender Repräsentation. Sie findet bei massenmedialen Inhalten keine Menschen, die so sind wie sie. Zur Orientierung nutzen beide stattdessen die (teilweise englischsprachigen) Accounts von Personen, die Themen durchlebt haben, mit denen sich auch Jette und Sebastian beschäftigen. Sebastian folgt einem trans* Mann, der auf Instagram Auskunft über seine Geschlechtsangleichung, das Einnehmen von Hormonen und die Rechtslage in den USA gibt. Jette hatte zufällig in einem TikTok gesehen, dass ihr Thema als compulsory heterosexuality beschrieben werden kann. Im Anschluss hat sie gezielt danach gesucht, auch mithilfe des Themen-Hashtags #comphet.  

Zum Beispiel, als ich jetzt meine letzte Sexuality-Krise, also als ich so alles hinterfragt hab. […] Und dann habe ich zufälligerweise auf TikTok eine gesehen, die meinte so: ‚Ja, wenn du dich so und so und so und so fühlst, ist es vielleicht ein Zeichen dafür, dass du compulsive heterosexuality [erlebst].‘ […] Und ich habe mich da, ich meinte halt so: Ja, das macht Sinn, so fühle ich mich auch. Und so fühlt man dann halt so eine Art Nähe. Also man fühlt sich verstanden. […] Ich habe die Person dann nicht angeschrieben oder so, also ich habe auch mit niemandem wirklich drübergeschrieben, aber dadurch, dass halt diese Videos veröffentlicht wurden, waren da halt Kommentare, bei denen man gesehen hat: Oh, denen geht es genauso. Da sind ganz viele, denen es genauso geht, da gibt es ganz viele, die so und so halt ähnlich denken und so. Und das fühlt sich halt einfach schön an, so zu wissen: Hey, ich denke nicht als einziger Mensch so“ (Jette, 15:12ff.).  

Jette beschreibt hier „eine Art Nähe“, die an Arbeiten zu parasozialen Beziehungen erinnert (Gleason et al. 2017). Parasoziale Beziehungen beschreiben die Beziehungen zwischen – oftmals prominenten – Medienfiguren und den Personen, die sie entweder in den Massenmedien sehen oder denen sie in sozialen Medien folgen. Als ein wichtiges Kriterium für glaubwürdige und „gute“ Selbstdarstellungen in sozialen Medien – sowohl von Peers als auch von Prominenten – wird häufig Authentizität genannt (vgl. Oberlinner et al. 2020, S. 13–15; Wagner et al. 2009, S. 94). Als „authentisch“ wahrgenommene Selbstdarstellungen können unterstützen, dass Jette, Sebastian oder andere junge Menschen „Nähe“ zu Personen empfinden, die sie nur aus den (sozialen) Medien kennen. Massenmediale Öffentlichkeiten bieten in den Augen von Jette und Sebastian für diese „Nähe“ zu marginalisierten Personen (z. B. trans* Männern) weniger Möglichkeiten, weil diese dort einerseits seltener sichtbar sind. Zum anderen aber auch, weil die dort sichtbaren Vertreter*innen marginalisierter Gruppen aufgrund der Darstellungsvorgaben und Interaktionsbeschränkungen der jeweiligen massenmedialen Formate als weniger authentisch wahrgenommen werden. Für Jette und Sebastian besitzen die massenmedialen Informationsquellen für die beschriebenen Themen deswegen weniger Bedeutung. Die Instagram- und YouTube-Accounts und der beschriebene Content der Influencer*innen werden für sie deswegen zu wichtigen Ergänzungen ihrer Informationsräume und bieten ihnen zur Bewältigung von Entwicklungsprozessen Ressourcen, die ihnen sonst gefehlt hätten bzw. für sie schwerer bis gar nicht zugänglich gewesen wären.