Routinen des Informationshandelns

Wer zur Meinungsbildung Jugendlicher arbeitet, begegnet einer zentralen Diskrepanz immer wieder: Junge Menschen schätzen zwar journalistische Medien und insbesondere Qualitätsmedien als besonders vertrauenswürdig ein, nutzen diese aber wesentlich seltener als diejenigen Medien, die von ihnen als weniger vertrauenswürdig eingestuft werden (vgl. Griese et al. 2020, S. 29). Das zeigt sich auch, wenn mit jungen Menschen darüber gesprochen wird, wie sie sich informieren. Auf die direkte Frage, wie sie sich informieren, nennen sie Recherchestrategien, die sie über Suchmaschinen zu Angeboten führen, bei denen sie dann diejenigen aussuchen, die sie als „seriös“, „neutral“, „objektiv“ oder „sachlich“ einstufen. Wer jedoch mit ihnen darüber spricht, welche Medien sie gewohnheitsmäßig nutzen, um sich mit einem bestimmten Thema auseinanderzusetzen, wird gemeinhin in Nutzungsroutinen eingeweiht, bei denen die Seriosität der Quellen und Formate hinter ihrer Unterhaltungsorientierung, Personalisierung und Emotionalisierung zurücksteht. Um diesen beiden Tendenzen des „Informierens“ gerecht zu werden, thematisiert dieses Unterkapitel zwei Strategien des Informierens bei jungen Menschen: zum einen das, was als „Browsen“ bezeichnet werden soll, und zum anderen das „Recherchieren“ nach spezifischen Informationen.  

Adina, 24, weiblich, mit Abitur, wurde im Jugendtreff in einer süddeutschen Großstadt interviewt. In der Woche des Interviews hatte sie Urlaub. Sie beschrieb sich als Person, die ungern über Messengerdienste in den Austausch geht. Sie freue sich über Kontakt mit ihren Peers, sei aber auch gerne mal alleine. Ihr Handy nutze sie häufig, vor allem TikTok und Instagram. Besonders abends nutze sie Bewegtbildformate zur Unterhaltung, sie liege dann im Bett und schaue ein Video nach dem nächsten, vor allem auf TikTok. Am Tag des Interviews hatte sie gegen 20 Uhr bereits acht Stunden mit dem Handy verbracht. Auf die Frage, was es für sie heiße, sich zu informieren, antwortete sie:  

„[I]ch muss sagen, ich informiere mich nicht gezielt über irgendwelche Sachen. Ich sage: ‚Jetzt google ich mal das und das.‘ Sondern ich bin jetzt zum Beispiel oft auf TikTok unterwegs und da kommt jetzt irgendwie: ‚Das und das ist passiert.‘ Und dann google ich dann das, was da in diesem TikTok vorkam. Wie mit Bibi und Julian zum Beispiel, da informiere ich mich halt schon eher unabhängig und warte dann auf ein Statement von denen persönlich, anstatt irgendwie über andere Quellen das zu beziehen. Ja, das mit dem Ukrainekonflikt ist jetzt auch so eine Sache. Man weiß ja nicht, wie, wo man gucken soll. Wer lügt, wer sagt die Wahrheit da? Die machen Propaganda. Das ist wieder. Keine Ahnung. Es ist schon schwierig“ (Adina, 04:39ff.). 

Adina spricht in diesem Abschnitt drei unterschiedliche Punkte an, die zum Verständnis der Art und Weise, sich zu informieren, wichtig sind: (a) Informieren geschieht in Routinen, (b) Browsen wird durch gezielte Recherche unterbrochen, (c) die Auswahl der Rechercheergebnisse ist je nach Thema unterschiedlich herausfordernd. Adina nutzt die Medien, die ihre Bedürfnisse bedienen, und bekommt dort interessante und unterhaltsame Informationen. Mit Adina sprachen wir zum Thema Klimawandel und Rassismus, bei beiden Themen waren TikTok und Instagram die Ausgangspunkte der Themenbeschäftigung. Beide Themen sind ihr wichtig, sie muss diese aber nicht extra suchen, sondern sie begegnen ihr während des Browsens im Feed. Erst wenn ein spezifischer Inhalt bei ihr größeres Interesse weckt, bricht sie mit der Medienroutine des Browsens und geht im Rahmen einer (ebenso routinisierten) Recherchestrategie auf eine Suchmaschine, um dort weitere Informationen zu bekommen. Dass diese Form der Recherche auch von anderen jungen Menschen Teil des „Sich-Informierens“ ist, zeigen bspw. die folgenden Aussagen von Antje, Sebastian und Idris:  

„[A]lso ich google immer, ist ja das Offensichtlichste, wenn ich Informationen haben will“ (Antje, 16:13ff.). „Für mich ist es eigentlich immer googeln, wenn ich halt eine Information haben möchte“ (Sebastian, 01:12:20ff.). „Google halt, Google ist das Tor zu allem“ (Idris, 33:35ff.). 

Andere Suchmaschinen wie Ecosia oder Bing wurden nur vereinzelt verwendet. Die Herausforderung im Umgang mit Suchmaschinen ist, die Qualität der Suchergebnisse einschätzen zu können. Dafür zeigten die Jugendlichen in den Interviews zwei unterschiedliche Strategien.21 Beide lassen sich voneinander unterscheiden, können aber auch zusammen genutzt werden. Oliver, 16 Jahre, männlich, Gymnasiast, beschrieb, dass er sich die verschiedenen Suchergebnisse anschaue und sich daraus insgesamt ein „Bild forme“:  

„Also ich gehe in der Regel dann erst mal auf Google und google das einfach, ganz banal. Und dann werden ja bei Google einem schon ganz viele Sachen vorgeschlagen und dann gucke ich, belese ich mich einfach bei ganz vielen, klicke ich viele Links an und belese mich überall mal ein bisschen, um dann so meine Schlüsse daraus zu ziehen, um einfach so ein allgemeines Bild dann einfach zu formen“ (Oliver, 49:31ff.). 

Eine andere Strategie nutzte Adina. Sie schaute nicht auf das Gesamt der Suchergebnisse, sondern versuchte, die für sie passendsten Ergebnisse rauszusuchen. Das war jedoch herausfordernd. Im Interview schauten wir beim Media go-along gemeinsam auf die Ergebnisse ihrer Suche zu Neuigkeiten um Bibi und Julian22: 

„Ich schau immer wieder. Das würde ich jetzt zum Beispiel nicht anklicken: „ok! Magazin“. Genau. Keine Ahnung. Weil das ein Magazin ist. Ich weiß nicht. Das ist für mich kein. Das spricht mich nicht an! Aber meistens, wenn ich dann nichts finde, dann gehe ich auf YouTube“ (Adina, 14:13ff.). 

Adina konnte die Ergebnisse ihrer Suche nur schwer einordnen. Sie kannte die einzelnen medialen Angebote nicht und versuchte, sie anhand von Ästhetik und Titelbegriffen zu bewerten. Im Endeffekt entschied sie sich, auf YouTube zu suchen und dort beim Influencer „Herr Anwalt“ zu schauen, bei dem sie wusste, dass er sich auch dazu geäußert hatte. Dass Adina an dieser Stelle die Komplexität des Angebots reduziert, indem sie gezielt Inhalte aufruft, deren Quelle sie vertraut, weist auf eine allgemeine Herausforderung hin: Welche Kriterien besitzen junge Menschen, um die Diversität des Informationsangebots im digitalen Raum zu ordnen?