Formatbezogene Bewertungsstrategien

Zwei formatbezogene Kriterien, ob eine Information als gut eingeschätzt werden kann, wurden auf Basis der Interviews herausgearbeitet: (a) Wenn ein Content als hochwertig wahrgenommen wurde, hatte er eher die Chance, auch als gute und richtige Information bewertet zu werden, und (b) es gab spezifische Formate der Informationsaufbereitung, die besonders geschätzt wurden.  

Hochwertiger Content: Dass junge Menschen Inhalte als qualitativ hochwertig beschreiben, hängt von den Möglichkeiten der Gestaltung auf den einzelnen Plattformen ab. Die in den Interviews genannten Beispiele bezogen sich vor allem auf Bilder und Bewegtbilder auf Instagram, TikTok und YouTube. Thematisiert wurde einerseits, anhand welcher Kriterien die einzelnen Beiträge im Feed beurteilt werden. Anderseits gab es Beispiele dafür, welche Kriterien die Interviewten für die Bewertung von Videos und Accounts heranziehen. Clara beschrieb, wie sie in ihrem Feed durch die Inhalte browste und wie sie bestimmte, welche Inhalte ihren Qualitätsansprüchen nicht entsprechen:  

„Na, sobald ich irgendwie die Machart eines Beitrages zu einfach finde, heißt, sei es jetzt ein Bild, was schlecht bearbeitet wurde, wo irgendwie so ein Text drüber ist, scrolle ich meistens einfach gleich weiter. Heißt, ich filter innerhalb der ersten fünf Sekunden, wo man auf irgendwas raufguckt für mich. Nein, das will ich entweder nicht sehen oder das glaube ich nicht oder das interessiert mich auch nicht“ (Clara, 45:37). 

Interesse für eine Information zu entwickeln, hängt für Clara nicht allein davon ab, ob sie das Thema anspricht. Ebenso entscheidend ist, ob sie die Machart des Beitrages überzeugend findet. Deutlicher noch brachte diesen Punkt Jette zum Ausdruck. Außerdem verbindet sie die Qualität der Machart eines Inhalts auch mit seiner Glaubwürdigkeit bzw. mit seiner inhaltlichen Korrektheit: 

„Ähm, also eine Sache, die relativ wichtig ist, ist halt so, vor allem, wenn es so zu Informationen kommt. Dass da zum Beispiel halt Captions sind, also Untertitel, nicht Captions, sondern Untertitel. Dass man halt mitlesen kann, das ist eigentlich meistens ein Zeichen dafür, dass wer auch immer das macht, weiß, was er macht. Ähm, ob die jetzt manuell eingefügt sind oder automatisch von TikTok. Dann, dass der Kanal, halt der Account, der die Videos hochlädt, mehrere Fakten halt so aufzeigen kann. Also mehrere Videos von der gleichen Qualität, die alle vom gleichen, vom gleichen Ersteller her sind. Also es gibt zum Beispiel Accounts, die posten einfach, die posten einfach Videos von anderen und dann von ganz vielen unterschiedlichen. Also, es sind komische Accounts unterwegs und so und da muss man dann halt schauen, dass die Informationen größtenteils valid sind“ (Jette, 37:20). 

Ebenso wie Clara achtet auch Jette auf die Machart der Videos. Dass ein Video mit Untertiteln versehen ist, macht leichter, es zu rezipieren. Außerdem tragen solche Videos ihren Titel oft schon im Standbild, bevor sie abspielen, und vereinfachen dadurch die Entscheidung, ob man sie anschauen möchte. Jettes Aussage, auch hochwertigen Videos nicht sofort zu glauben, sondern den Kanal zu überprüfen, weist darauf hin, dass ein hochwertiger Content allein nicht in jedem Fall reicht, um von einer Information überzeugt zu werden.  

Favorisierte Formate: In den Interviews nannten die jungen Menschen an verschiedenen Stellen Formate medialer Informationspräsentation, die sie als besonders vertrauenswürdig empfanden bzw. denen sie viele hilfreiche Informationen entnehmen konnten. Teilweise wurden hier auch die Formate bekannter Medienmarken genannt. Ein gutes Beispiel dafür lieferte Adina:  

Adina: „Das ist ein YouTuber (KuchenTV) und der macht manchmal, der nennt es Cake News und da erzählt er auch immer wieder die neusten Sachen, die passiert sind. Aber man merkt schon, dass er sich richtig gut informiert und der benutzt immer Studien und keine Ahnung. Wissenschaftliche Arbeiten.“ 

Interviewer: „Und daran merkt man, dass der sich gut informiert?“ 

Adina: „Der tut doch die Quellen einfügen. Und da kann man sich auch selber noch mal informieren“ (Adina, 16:22-16:47). 

KuchenTV ist ein Format mit 1,1 Millionen Abonnent*innen auf YouTube (Stand September 2023), das auch auf Instagram und TikTok Accounts hat. Betrieben wird es vom Meinungsblogger Tim Heldt. Cake News ist ein Format im Format, in dem er Gerüchte, Skandale und Soft News („die neuesten Sachen“) aufbereitet und seine Perspektive darauf teilt. In diese Videos werden Ausschnitte aus anderen Videos eingebunden, teilweise werden diese auch in der Caption zum Beitrag verlinkt. Für Adina ist dieses Einbeziehen anderer Videos und Medienbeiträge als „Quellen“ sehr hilfreich. Dass Quellen in Beiträgen genannt werden, führten mehrere Interviewte als wichtiges Kriterium für gute Information an.  

Meinungsbasierte Formate waren auch bei anderen jungen Menschen beliebt. Es gab jedoch auch Interviewte, denen die fachliche Expertise bei den von ihnen genutzten Formaten besonders wichtig war. Beispiele dafür bezogen sich vor allem auf Talking Head-Formate oder auf die Mitschnitte von Vorträgen. Jette erklärt das wie folgt:  

„Also ich kann sagen, die meisten Accounts, denen man da vertrauen kann, das sind Menschen, die vor der Kamera sitzen, die das erklären und die irgendeine Art, also die halt – okay, das hört sich ein bisschen dumm an – die sagen, dass sie das und das studiert haben oder dass sie das und das gelernt haben oder die von vornherein sagen, das war nur meine Erfahrung. Da weiß man, dass sie selten lügen“ (Jette, 38:41ff.). 

Sebastian berichtet ähnliche Vorlieben, bringt aber Beispiele, die als noch weniger bearbeitet gelten können und eher typisch sind für das Bewegtbild-Angebot auf YouTube. Im Interview sagte Sebastian: „YouTube ist für mich wie so ein zweites Netflix“ (Sebastian, 23:45f.). Auf YouTube sucht Sebastian gezielt nach Informationen und schaut sich dann auch längere Videos an. Besonders interessant ist für ihn, was er als „Video-Essays“ bezeichnet:  

„Genau, so strukturierte Argumente, die stundenlang gehen. Und du kannst dir halt auch so auf YouTube einfach so Lektüren von Professoren angucken und da kannst du halt, ja, da weißt du, dass die Leute das wirklich gesagt haben und dass die Leute auch dahinterstehen. Als würdest du jetzt zum Beispiel einen Artikel durchlesen. Da kannst du halt so sehen, der Mensch hat das gesagt vor der Kamera. Ich glaube, mit AI [künstlicher Intelligenz] kannst du es noch nicht faken und die meisten Leute haben dann halt auch so ihre Ressourcen, also ihre Quellen entweder in den Kommentaren. Also in so einem gepinnten Kommentar von einem Creator oder halt in der Videobeschreibung oder haben halt irgendwie einen Link oder Artikel, den du halt einfach suchen kannst und einfach findest, haben die meisten Leute darin und deshalb finde ich für mich ist es so die, ja, sicherste Quelle“ (Sebastian, 01:19:51ff.). 

Sebastian erläutert seine Vorliebe für „stundenlange“ Videoaufnahmen mit der Expertise der Sprechenden und den Möglichkeiten, Quellen und Links anzugeben. Hinzu kommt jedoch ganz explizit, dass er die langen Videoaufnahmen für fälschungssicher hält und ihnen deswegen eine hohe Relevant dafür zuspricht, sich in einem Themenfeld zu orientieren.