Sozio-kulturelle Variationen zwischen Informationsräumen

Während Unterschiede zwischen Informationsräumen in der Kapiteln 4.1–4.4 vor allem im Hinblick auf Nutzungsmotive beschrieben wurden (Ausweitung, Ergänzung, Abgrenzung, Verdichtung), soll dieses Kapitel Unterschiede zwischen Informationsräumen beschreiben, die stärker durch sozio-kulturelle Kontexte beeinflusst werden. In der Folge wird daher auf Unterschiede eingegangen, die vor allem durch die Wohnsituation und die lebensweltliche Einbettung der Subjekte zu erklären sind. Relevanz gewinnt diese Darstellung auch durch den teils widersprüchlichen Forschungsstand zum Thema.  

Es gibt verschiedene Erhebungen darüber, welche Plattformen für junge Menschen wie wichtig sind, um sich zu informieren. Die Ergebnisse sind jedoch auch bei repräsentativen Studien überraschend widersprüchlich. Im Reuters Institute Digital News Report steht bei den 18- bis 24-Jährigen das Internet klar an der Spitze (72 Prozent) und nehmen Social Media (35 Prozent) eine sehr wichtige Rolle ein, das Fernsehen kommt auf vergleichsweise niedrige 15 Prozent, das Radio auf 5 Prozent (Behre et al. 2023, S. 24). In der JIM-Studie 202115 und auch bei einer aktuellen Erhebung von Ackermann et al. zeigt sich ein anderes Bild. Die wichtigsten Nachrichtenquellen laut JIM-Studie 2021 sind für 12- bis 19-Jährige das Fernsehen (32 Prozent) und das Radio (22 Prozent), erst danach kommt das Internet allgemein (21 Prozent) (Feierabend et al. 2021, S. 52).16 Die im Gegensatz zu Reuters und JIM-Studie nicht repräsentativen Daten von Ackermann et al. gehen in eine ähnliche Richtung wie die der JIM-Studie. Auf Basis einer quantitativen Online-Befragung (n = 776) zur Nachrichtenaneignung in Zeiten sozialer Medien bei 14- bis 19-Jährigen kamen die Autor*innen zu dem Ergebnis, dass für 29 Prozent der Personen in dieser Altersgruppe das Fernsehen die wichtigste Nachrichtenquelle sei, dicht gefolgt von sozialen Medien (28 Prozent) und dem Radio (22 Prozent) (Ackermann et al. 2020). Wie lassen sich diese Unterschiede erklären?17 Und was sagen sie über die Informationsräume junger Menschen aus? 

Nach der wichtigsten Nachrichtenquelle zu fragen, steht zum einen der Schwierigkeit gegenüber, dass die Relevanz der Nachrichtenquellen und somit auch ihre Rangreihe abhängig vom Thema ist. Zum anderen sind die Antworten im Detail schwer interpretierbar, wenn der soziale Kontext der Antwortenden unberücksichtigt bleibt. Dazu gehört in Bezug auf junge Menschen insbesondere, inwieweit ihre Mediennutzung dadurch geprägt wird, dass sie gemeinsam mit ihren Eltern einen Haushalt teilen. Hier kann auch einer der Hauptunterschiede zwischen den Altersgruppen zwölf bis 19 Jahre (JIM-Studie, Ackermann et al.) und 18–24 Jahre (Reuters) vermutet werden. Beide Punkte (Einbezug der Eltern und des Sozialraumes) sollen in der Folge genauer betrachtet werden.  

Marios Informationsraum in Bezug auf Gaming war weiter oben bereits Thema (vgl. Kap. 4.1). Im Mittelpunkt seines Informationsraumes zu Gaming stand das „heilige Trio“: Freund*innen, YouTube und Discord. Weiter außen kamen weitere soziale Medien, dann seine Eltern und ganz am Rand vereinzelte Beiträge zu Gaming in den Massenmedien, wofür er das Beispiel einer Berichterstattung in der ARD nannte. Das zweite Thema, das sich Mario für das Interview aussuchte, war Corona. Die Einschränkungen und Regulierungen während der Coronapandemie waren für ihn, seine Peers und seine Familie ein wichtiges Thema. Beim Informationsraum zu Corona stand erneut das „heilige Trio“ im Zentrum.  

Auch bei Corona bekam er viele Informationen über YouTube, seine Freund*innen und Discord. Wesentlich wichtiger als bei Gaming waren beim Thema Corona aber Marios Eltern. Und mit der steigenden Relevanz der Eltern als Ansprechpersonen für Informationen und ihre Aushandlung kamen bei Mario auch verstärkt massenmediale Inhalte in den Fokus.18 Als wir uns über die Medien, die er nutzte, austauschen, sagte Mario:  

Mario: „Ich habe es mal so ein bisschen die Fernsehsender rausgesucht [aussortiert], weil ich tatsächlich kein Fernsehen schau, also so wirklich dieses klassische Fernsehen ist. Ich habe zwar den Fernseher in meinem Zimmer stehen, aber da ist einfach kein Fernsehen angeschlossen. […] Also praktisch komplett irrelevant.“ 

Interviewer: „Und Mediatheken oder so was?“ 

Mario: „Auf jeden Fall nicht von denen. Also, ne, ne, ne, ne, Mediatheken nicht so wirklich. Das Maximale, was ich halt ab und zu mal schau, weil meine Eltern das vielleicht grade mal schauen; ist hier die Nachrichten im Ersten, oder so. Oder, halt, allgemein im Ersten die Nachrichten, aber da hört es dann halt auch meistens wieder auf“ (Mario, 18:07ff.). 

Als er später im Interview gefragt wurde, inwiefern er in Bezug auf Corona die von ihm angegebenen massenmedialen Kanäle nutzt, konkretisierte Mario seine Aussagen:  

Interviewer: „Also, du hast jetzt gesagt, dass eher, dass du die ARD auch bei den Eltern gesehen hast. Gibt es noch andere Medien, die bei deinen Eltern laufen, wo dann auch zu Corona was kam?“ 

Mario: „Halt allgemein Fernsehsender und ich überlege gerade, welche Fernsehsender zum Beispiel da waren. Die zwei bekanntesten auf jeden Fall. Aber das sind halt die Nachrichtensendungen. Dann haben wir ab und zu noch so … Ach, meine Mutter schaut gern mal so Klatsch-Tratsch-Sender oder sonst was. Wenn ich jetzt noch wüsste, wie es heißt. Brisant“ (Mario, 43:31ff.).  

In Bezug auf die beiden Themen Gaming und Corona kamen Massenmedien vor allem über den Kontakt zu seinen Eltern in Marios Informationsraum. Um das zu unterstreichen: Es war jeweils nicht primär das Thema, zu dem sich Mario informieren wollte, durch das Massenmedien (in ihrer linearen Form) relevant waren. Er bekam Informationen zu Corona und vor allem auch zu Gaming auch innerhalb seines „heiligen Trios“, in dem vor allem Informationen von sozialen Medien geteilt wurden. Dass massenmediale Inhalte in Marios Informationsräumen relevant wurden, entstand beide Male primär durch den Kontakt zu seinen Eltern.19  

Was hier für Mario als Einzelfall herausgearbeitet wurde, zeigt sich in den meisten der anderen Interviews ebenso. Soziale Medien gehörten bei allen Themen zu den wichtigsten Informationszugängen der interviewten jungen Menschen, journalistische Formate in diesen mitinbegriffen. Massenmediale Zugänge hingegen waren in der überwiegenden Zahl vermittelt durch den Kontakt mit Eltern oder älteren Geschwistern. Das gilt bspw. für Greta, 16 Jahre, weiblich, Gymnasiastin, die sich als „ZDF-Kind“ (14:16ff.) beschrieb und für die das Fernsehen vor allem im Familienkontext wichtig wurde, z. B. wenn sie sonntags mit ihren Eltern Rosamunde-Pilcher-Filme schaut. Ähnlich war es bei Sina, 22 Jahre, weiblich, Studentin, die am Wochenende bei ihren Eltern die Süddeutsche Zeitung liest und Radio hört. Oder auch bei Suzanna, weiblich, 17 Jahre, Mittlere Reife, die Nachrichtenformate vor allem mit ihrer Mutter rezipiert. 

In diesen Ausführungen finden sich Hinweise für die scheinbare Widersprüchlichkeit zwischen den Ergebnissen zu den wichtigsten Nachrichtenquellen junger Menschen: Der Kontakt mit den Eltern oder älteren Geschwistern spielt eine wichtige Rolle für den Einbezug linearer Massenmedien wie TV und Radio in den Informationsraum junger Menschen. Wenn Massenmedien für die Eltern und ältere Geschwister eine wichtige Informationsfunktion besitzen und sie in der Lebenswelt junger Menschen wichtige Kontakte sind, dann werden sie auch in ihren Informationsräumen in Bezug auf Themen relevant, die für junge Menschen und ihre Familie von Bedeutung sind. Das zeigt sich in den Informationsräumen der jungen Menschen, mit denen wir gearbeitet haben.20 Selbst wenn Massenmedien durch ihre soziale Referenzialität und die spezifische Gemeinschaftlichkeit ihrer Rezeption von jungen Menschen, unabhängig vom Alter, als wichtige Nachrichtenquellen angegeben werden, ist die Relevanz sozialer Medien für das Informationshandeln bei allen jungen Menschen, mit denen wir gearbeitet haben, höher und besitzen soziale Medien (sowie Online-Suchmaschinen) auch für die Recherche zu den besprochenen Themen in den meisten Fällen eine wichtigere Funktion.  

Neben den Eltern oder anderen Bezugspersonen ist auch die Wohn- und Schulsituation für die konkrete Ausgestaltung der verschiedenen, themenspezifischen Informationsräume junger Menschen wichtig. Es spielt eine Rolle, ob das Subjekt über seine Peers offline regelmäßig und ohne großen Aufwand für gemeinsame Zeit in Ko-Präsenz verfügen kann oder ob es diese nur einige Stunden am Tag und unter der Woche in der Schule sieht, weil es im ländlichen Raum wohnt, keinen Führerschein hat und öffentliche Verkehrsmittel die nötige Strecke ungenügend bedienen. Als Mario beschrieb, wie er sich mit seinen verstreut lebenden Peers zum gemeinsamen Spielen über Discord verabredet, wurde hierfür bereits ein Beispiel gegeben.  

Abb. 3., Informationsraum Politik und Klimadebatte, Greta, 16 Jahre, weiblich, Gymnasiastin 

 

Ein weiteres Beispiel ist die 16-jährige Greta (siehe oben und Abb. 3). Sie geht in einer ostdeutschen Mittelstadt zur Schule, wohnt aber knapp 40 km entfernt. Sie legt den Weg täglich mit dem Bus zurück und bleibt bis zum Nachmittag in der Stadt, um Zeit mit ihren Freund*innen zu haben. Wieder zuhause, hält sie den Kontakt über Discord:  

„Ja, also ich habe ja schon erzählt, dass wir meistens abends telefonieren und dann zusammen die Hausaufgaben machen. Und meistens fällt dann irgendjemandem irgendwas ein, was derjenige oder diejenige dann gerade gelesen hat. Oder ich bin dann auch meistens auch so ‚Hey Leute, habt ihr schon gehört, oh mein Gott, irgendjemand ist gestorben, oder, ja, die Spritpreise, sie steigen wieder in die Höhe.‘ Ja, so was wird dann halt einfach gesprochen. […] Ich rede dann meistens über Sachen, die ich gelesen habe oder wir schicken halt auch irgendwelche Links, vielleicht auch von Instagram in die Gruppe rein und die beiden antworten mir dann meistens oder sagen so ‚Ja, ich bin irgendwie deiner Meinung‘ oder ‚Ich habe den Artikel auch gelesen und ich finde das gar nicht gut‘“ (24:25ff.). 

Greta beschreibt, wie sie über Entfernung Kontakt hält. Die Notwendigkeit dafür besteht aus ihrem Bedürfnis, den Austausch auch auf Entfernung aufrechtzuerhalten, einander von dem Tag zu berichten und sich gegenseitig bei den Hausaufgaben zu helfen, und gleichzeitig aus der tatsächlichen Entfernung, die nicht medial vermittelte Besuche verunmöglichen. Gretas Informationsraum überbrückt auf diese Weise Entfernungen, über die die Kommunikation ohne digitale Medien wesentlich schwerer gewesen wäre. Durch Plattformen wie Discord, Instagram und WhatsApp wird Gretas Informationsraum multilokal (Hepp et al. 2014, S. 199ff.), er weitet und verbindet die für sie relevanten, aber territorial getrennten Orte zu einem gemeinschaftlich erfahrbaren Raum.