Medien mit einem sozialräumlichen Ansatz zu betrachten, ist eine relativ junge Perspektive innerhalb der (vor allem qualitativen) Medienforschung. Sie hat sich in den letzten zehn bis 15 Jahren aus unterschiedlichen theoretischen Einflüssen entwickelt. Grundlegend sind Arbeiten zur Mediatisierung der Lebenswelt (Hartmann/Hepp 2010; Krotz 2007) und solche, die aufzeigen, wie klassische Sender-Empfänger-Modelle durch den digitalen Wandel abgelöst werden. Statt nur Empfänger*innen von Informationen zu sein, bieten soziale Medien die Möglichkeit, dass jede*r auch Informationen sendet und die bisherigen Empfänger*innen miteinander interagieren (Bruns 2009). Hinzu kommen theoretische Arbeiten aus der Geografie, durch die neue Perspektiven auf Räumlichkeiten etabliert wurden: Bis in die 1990er-Jahre wurde Raum vielfach als gegeben vorausgesetzt. Erst mit dem spatial turn hat sich die Überzeugung durchgesetzt, dass Räume ihre Funktion und Bedeutung durch soziale Handlungen verliehen bekommen. Räume sind dadurch immer auch Ausdruck sozialer Beziehung. Zur sozialräumlichen Perspektive ist es dann nicht mehr weit. Kessl und Reutlinger schreiben:  

„Räume sind keine absoluten Einheiten, sondern ständig (re-)produzierte Gewebe sozialer Praktiken. Entscheidend dabei ist, dass Raum weder als physische Einheit vorausgesetzt wird, die quasi von außen auf soziale Zusammenhänge einwirkt, noch Raum zum Handlungsraum verkürzt wird, sondern als ein durchaus stabiles Gewebe verstanden wird – und als solches Gewebe prägen sozialräumliche Konstellationen die alltägliche menschliche Praxis“ (Kessl/Reutlinger 2022, S. 29). 

Der Raumbegriff beschreibt somit gleichermaßen den Bezugsrahmen und die Projektionsfläche sozialen Handelns. Ein Raum enthält das Potenzial für Handlungsmöglichkeiten und Bedeutungen, wird aber in Bezug auf seine Funktionen und Bedeutungen erst durch soziales Handeln definiert und behält seine Funktion und Bedeutung auch nur so lange, wie menschliches Handeln sie (re-)produzieren. Eike Rösch fasst die verschiedenen Arbeiten dazu als relationalen Raumbegriff zusammen (Rösch 2017, S. 106f.). Sein Buch zur Jugendarbeit in mediatisierten Lebenswelten ist eines der ersten, in dem die Konsequenzen digitaler Räumlichkeiten für die medienpädagogische Bildungsarbeit systematisch aufgearbeitet werden. 

Relationale Räumlichkeit ist gut vorstellbar für Kirchen, Schulen oder Shopping-Center, die zu solchen jeweils erst durch spezifische Praktiken werden. Inwiefern soziale Medien aber Räume sein können, das ist eine weniger vertraute Vorstellung. Anregend sind in diesem Kontext die Ausführungen von Felix Stalder zur „Kultur der Digitalität“, mit denen sich das Potenzial für Handlungsmöglichkeiten im digitalen Raum gut fassen lässt. Stalder beschreibt „drei Formen des Ordnens […], die dieser Kultur [der Digitalität] ihren spezifischen, einheitlichen Charakter verleihen: Referentialität, Gemeinschaftlichkeit und Algorithmizität“ (Stalder 2017, o. S.) 

Algorithmizität bezieht sich darauf, dass die Fülle an verfügbaren Informationen im Netz durch den Anbieter vorsortiert wird und die Auswirkungen der eigenen Handlungen im Netz den programmierten Logiken der jeweiligen Plattformen unterliegen. Der Rahmen des eigenen Handelns in digitalen Räumen wird durch Algorithmen auf diese Weise mitbestimmt.  

Mit Referentialität und Gemeinschaftlichkeit nutzt Stalder darüber hinaus zwei Begriffe, die den Charakter und die Eigenheiten sozialen Handelns im digitalen Raum beschreiben. Referentialität geht darauf ein, dass Informationen, denen wir in digitalen Räumen begegnen, immer auch Verbindungen und Bezüge beinhalten: Eine Information verlinkt weitere, eine Absenderin addet andere Empfänger*innen, eine Handlung ist Teil einer Challenge und Aufnahmen davon werden zum Meme. Es entstehen Referenzen zwischen Inhalten, Accounts und Personen und diese werden zu Handlungsmöglichkeiten sozialer Interaktion.  

Inmitten der Referenzen entstehen soziale Bezüge – Gemeinschaftlichkeit bei Stalder. Und aus der Gemeinschaftlichkeit entstehen wiederum neue Referenzen. Digitale Medien werden auf diese Weise zu Räumen, in denen Beziehungen gepflegt, Sozialität gepflegt und Informationen geteilt und verhandelt werden können (Stalder 2017) 

Empirisch herausgearbeitet haben diese Qualität digitaler Räume unter anderem Brüggen und Schemmerling. Auf Basis qualitativer Interviews zum Medienhandeln mit Facebook konnten sie zeigen, wie sozialräumliche Bezüge junger Menschen in digitalen Räumen abgebildet, ausgebaut oder bewusst eingeschränkt werden. So erweiterten einige Jugendliche ihren Bekanntenkreis im digitalen Raum gezielt, um Themeninteressen zu bedienen, für die sie bisher keine Interaktionspartner*innen hatten. Andere Jugendliche schränkten ausgewählte Kontakte im digitalen Raum gezielt dahingehend ein, dass ihnen bestimmte Informationen nicht angezeigt wurden. Auf diese Weise entwickelten die Jugendlichen auf Facebook verschiedene Räume mit unterschiedlichen Personen, die unterschiedlichen Graden sozialer Nähe entsprachen und in denen verschiedene Informationen geteilt wurden (Brüggen/Schemmerling 2013). In einer jüngeren Publikation schlussfolgern Brüggen et al:  

„Angesichts der dargestellten Entwicklungen ist ein reflektierter Einbezug der medialen Dimensionen von Sozialräumen in sozialräumliche Ansätze unumgänglich, wenn man die Lebenswelt der Adressat*innen adäquat verstehen und bearbeiten will“ (Brüggen et al. 2022, S. 591). 

Brüggen et al. beschreiben, wie digitale Medien selbstverständliche Teile der Lebenswelt junger Menschen geworden sind und wie ihre Möglichkeiten für die unterschiedlichsten Zwecke genutzt werden. Im Rahmen der vorliegenden Arbeit wollen wir, ausgehend vom skizzierten Stand der Medien- und Kommunikationsforschung, darauf fokussieren, wie sich junge Menschen unter diesen Bedingungen zu unterschiedlichen Themen informieren und welche Rolle der Kontakt mit Desinformationen dafür spielt. Wir gehen davon aus, dass Medien nicht nur dafür genutzt werden, Informationen zu suchen und zu rezipieren. Medien sind gleichzeitig auch Orte, in denen junge Menschen Informationen verhandeln, sie weiterverbreiten und auf verschiedene Arten bearbeiten. Welche Medien und Informationen sie nutzen, hängt nicht nur von ihnen selbst ab, sondern auch von den Menschen, die für sie in ihrem Sozialraum eine Rolle spielen. Manche Menschen und Informationen sind nur über Medien zugänglich und manche Medien wiederum nur über bestimmte Menschen. Um diese komplexen soziomedialen Verbindungen in Bezug auf die Ebene zu beschreiben, bei der es um den Umgang mit Informationen geht, nutzen wir den Begriff des Informationsraumes 

Der Begriff Informationsraum beschreibt die Ebenen mediatisierter Sozialräume, über die sich junge Menschen zu für sie relevanten Fragestellungen informieren. Im Rahmen dieser Arbeit grenzen wir für die empirische Arbeit weder die Themen noch den Informationsbegriff ein. Als Information gilt für uns alles, was die jungen Menschen, die wir befragt haben, als relevant für ein spezifisches Thema markieren. Wie sie die Informationen in ihren Informationsräumen suchen, bewerten, bearbeiten und verhandeln, das fassen wir allgemein mit dem Begriff des Informationshandelns.6 Im Rahmen dieses Informationshandelns kommen sie auch mit Desinformation in Berührung. Wir gehen davon aus, dass der Umgang mit Desinformation nicht losgelöst vom Informationshandeln betrachtet werden kann. Handlungsweisen, Wissensbestände und normative Orientierungen, mit denen Informationen gesucht und verarbeitet werden, sind auch für den Umgang mit Desinformationen relevant.  

Mit Blick auf die Relevanz des Themas Desinformation während der Corona-Pandemie und des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine ist es relativ überraschend, dass es bisher kaum Untersuchungen gibt, die aus einer sozialräumlichen Perspektive im Detail beschreiben, wie sich junge Menschen in ihren mediatisierten Sozialräumen informieren und wie sie dabei mit Desinformationen umgehen. Unsere Arbeit soll dazu beitragen, diese Leerstelle ein Stück weit zu schließen. Für die Datenerhebung haben wir dafür Forschungsfragen in Bezug auf drei Themenbereiche gestellt:  

  1. Um mehr über die Meinungsbildung junger Menschen zu erfahren, fragen wir: Welche Medien und Personen sind für das Subjekt wichtig, um sich eine Meinung zu einem für es wichtigen Thema zu bilden?  
  2. Um mehr darüber zu erfahren, wie sich junge Menschen informieren, fragen wir: Was heißt es für junge Menschen, sich zu informieren? Wie und anhand welcher Kriterien werden die (Des-)Informationen bewertet? Mit welchen (Des-)Informationen (Themen, Quellen, Akteur*innen) kommt das Subjekt wo (digitale und analoge Räume) und ggf. durch wen (soziomediale Kontaktpunkte) in Berührung? Woran macht die Person Desinformationen fest? Wie geht sie mit Desinformationen um? 
  3. Um mehr über die Raumqualitäten von Informationsräumen zu erfahren, fragen wir gezielt nach Interaktionsmöglichkeiten in Bezug auf den Umgang mit einzelnen Informationen: Über welche Möglichkeiten der Kommunikation und Verhandlung von Informationen verfügt das Subjekt? Welche individuellen und sozialräumlichen Ressourcen kann das Subjekt hierfür mobilisieren bzw. auf welche kann es zurückgreifen? 

Beantwortet werden diese Fragen in den Kapiteln 4–6. Vorher wird im nächsten Kapitel beschrieben, mit welchen Methoden die Daten erhoben und mit wem für die Datenerhebung zusammengearbeitet wurde.