Wie Desinformationen erkannt werden

Die meisten Jugendlichen berichteten davon, dass ihnen Desinformationen bereits begegnet seien. Sie unterschieden sich aber darin, inwiefern sie das Erkennen von Desinformationen als Herausforderung beschrieben. Vier Tendenzen taten sich hervor: (a) Einige junge Menschen glaubten, dass sie in ihren Informationsräumen auf wenige Desinformationen stoßen, (b) andere waren sich relativ sicher, Desinformationen leicht erkennen zu können, (c) sehr wenige Jugendliche berichteten darüber, dass sie aktiv zu einem Thema recherchiert hatten, um Desinformationen zu entkräften, und (d) eine vierte Tendenz zeigte jene, die sich nicht selbst zutrauten, Desinformationen zu benennen, sondern ihre Unsicherheit thematisierten. 

Sina war sich unter allen Interviewten augenscheinlich am sichersten, dass Desinformationen in ihrem Informationsraum keine große Rolle spielten. Sie nutzte – wie die anderen jungen Menschen auch – u. a. soziale Medien (Instagram und YouTube) als Hauptnachrichtenquellen, hatte auf diesen aber vor allem journalistische Quellen bzw. solche mit für sie hoher Vertrauenswürdigkeit abonniert. Gleichzeitig bezog sie auch journalistische Massenmedien in ihre Informationsräume mit ein (vgl. XY). 

Diese Auswahl an Kanälen und Quellen führte dazu, dass sie den Kontakt mit Desinformationen nicht für wahrscheinlich hielt und sich an einen bewussten Kontakt kaum erinnern konnte. Außerdem schaute sie bei den Informationen in ihrem Feed stark auf die Quellen von Informationen und sortierte diejenigen aus, denen sie nicht vertraute.  

Interviewer: „[S]ind dir hier [im Informationsraum, vgl. Abb. XY] irgendwo schon mal so was wie Fake News oder Desinformationen begegnet?“ 

Sina: „Also, dass ich bewusst wahrgenommen hätte … nicht. Aber das ist, glaube ich, auch einfach, weil ich, also wenn ich irgendwie per Zufall so was erkenne. Ich würde sagen, ich erkenn es dann doch relativ schnell, einfach weil gerade bei Instagram und YouTube siehst du ja auch, welcher Kanal hat das gepostet und da sind wir dann eher bei den Intuitionen und dann scroll ich da drüber. Dementsprechend glaube ich, dass der Algorithmus mir wenig so was rein spült. Und wenn ich, wenn ich Informationen will, dann gehe ich halt gezielt auf mein Informationsnetzwerk zu, wo ich mir sicher bin, dass ich keine Fake News bekomme, weil ich halt einfach weiß, wer das ist und wer dahintersteckt und was sie bezwecken wollen. Ja.“ 

Interviewer: „Kannst du mir ein Beispiel nennen für, für eine Form von Fake News, wie sie dir schon mal begegnet ist?“ 

Sina: „Nee, also das finde ich schwierig, weil ich das wirklich nicht bewusst dann abgespeichert hab“ (Sina, 01:02:42-01:03:50). 

Sina (22 Jahre) hat großes Vertrauen in die von ihr ausgewählten Quellen und die algorithmische Sortierung. Sie bewertet Informationen stark danach, von welcher Quelle diese stammen. Informationen von Quellen, denen sie weniger vertraut, schenkt sie keine Aufmerksamkeit, weil sie von diesen eher schlechte Informationen oder Desinformationen erwartet. Sie swipt dann einfach weiter.  

Neben Vertrauen in Quellen zeigten die Interviewten teilweise auch großes Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten, Desinformationen zu erkennen. Dieses Vertrauen war zumeist auf Themenbereiche bezogen, bei denen sie sich gut auskannten und/oder Erfahrungen aus erster Hand gemacht hatten. Greta (16 Jahre) berichtete im Interview beispielsweise, dass sie der Fridays for Future-Gruppe aus ihrer Heimatregion folge. Diese organisiere Fahrrad-Korsos gegen den Klimawandel, das finde sie gut. Sie sehe aber auch, wie irreführende Informationen über Fridays for Future auf dem Instagram-Account der Gruppierung in den Kommentaren veröffentlicht werden. Ein Beispiel war, dass jemand behauptete, selbst Fridays for Future-Anhänger zu sein, und gleichzeitig schrieb, dass die Gruppe zu Demonstrationen mit „20 Dieselautos einmal durch Europa“ gefahren sei (Greta, 27:52). Wenn Greta so etwas lese, dann wisse sie: „Das ist jetzt eine Falschinformation“. Dafür kenne sie sich mit dem Thema gut genug aus. Ähnlich beschrieb es Jette. Sie hatte sich wiederholt mit LGBTQI+-Themen auseinandergesetzt und vertraute ihren Fähigkeiten, Informationen im Themenfeld bewerten zu können:  

Jette: „Ja, die gezielte Falschinformation, die aber auffällig ist, ist auf YouTube. Also da sieht man, wenn die Informationen definitiv nicht stimmen.“ 

Interviewer: „Woran erkennst du das?“ 

Jette: „Allein an den Aussagen. Ich bin, was das Thema – vor allem Queer-Community – betrifft, ziemlich gut informiert, also meines Erachtens. Und da ist es relativ, inzwischen relativ leicht zu sehen, wenn jemand so komplett falsche Sachen verbreitet.“ 

Interviewer: „Weil du, einfach weil du dich auskennst.“ 

Jette: „Ja, aber ich kenne mich nicht nur über Social Media daraus aus. Ich war auf verschiedenen CSDs [Christopher Street Days] und habe mir verschiedene Reden angehört und habe mich mit Stonewall [Ausgangspunkt der CSDs] auseinandergesetzt“ (Jette, 49:42-50:20ff.). 

Greta (16 Jahre) und Jette (16 Jahre) ziehen das Selbstvertrauen, gute von irreführenden Informationen zu unterscheiden, aus ihrer Beschäftigung mit dem jeweiligen Thema. Besonders für Jette, aber auch für Greta, sind die jeweils behandelten Themen (LGBTQI+ und Klimaschutz) lebensweltlich relevant und die diesbezüglich erworbenen Informationen in Prozesse von Bildung und Identitätsarbeit eingebettet. Eine lebensweltlich begründete Kompetenzzuschreibung nimmt auch Adina (24 Jahre) vor, allerdings weniger in Bezug auf ein Thema, mit dem sie sich mehr beschäftigt hätte als andere. Vielmehr kontrastiert sie ihr eigenes Informationshandeln in Bezug auf soziale Medien mit dem der Generation ihrer Eltern: 

Adina: „Wenn man Gleichaltrige hat. Wir haben ja auch dieselben Quellen, vor allem TikTok und Instagram. Und da tauscht man sich eher aus als mit den Eltern. Meine Eltern benutzen sehr viel Facebook und da ist es schon wieder schwierig, mit denen sich zu unterhalten. Als Corona war, da war’s schlimm, weil die haben jede Verschwörungstheorie geglaubt, weil die dachten, das sind seriöse Quellen. Da muss man sich mit denen zusammensetzen, denen erklären: ‚Nee, das geht so nicht, da musst du schon selber gucken und recherchieren und nicht alles glauben, was da steht.‘ Und dann hat sich das Gott sei Dank gebessert. Aber schon schwieriger mit Leuten, die keine Ahnung von der Technik haben.“ 

Interviewer: „Warum? Warum ist Facebook da besonders schwierig? Oder warum fallen die darauf rein?“ 

Adina: „Ich weiß nicht. Ich habe das Gefühl, das sind halt einfach mehr ältere Leute unterwegs, so Leute mittleren Alters. Und da sind sehr viele Radikale auch. Und ich hab das auf Facebook eigentlich am meisten gemerkt, dass da so richtige Verschwörungstheoretiker waren. Und Facebook hat glaube ich, nicht gut genug durchgegriffen, was Fake News angeht und es so rausgezogen und die Leute vielleicht auch gesperrt oder das ein bisschen bestraft. Da wurde das einfach drin gelassen und jeder hat den ganzen Scheiß geglaubt“ (Adina, 31:41-32:23ff.). 

Adina (24 Jahre) kontrastiert TikTok und Instagram als Plattformen ihrer „Gleichaltrigen“ mit Facebook, das vor allem von den „älteren Leuten“ und solchen „mittleren Alters“ wie ihren Eltern genutzt würde. Adinas Strategien der Informationsbewertung waren vor allem kontext- und formatbezogen, für sie spielte die Quelle einer Nachricht eine wichtige Rolle. Sie vertraute klassischen Nachrichtenmedien, aber bspw. auch Soft News von KuchenTV (vgl. Kap. 5.2.2). Mit Blick auf das ganze Interview lässt sich ihre Kritik an Facebook dahingehend verstehen, dass die „ältere Generation“ dort stark auf die Meinungsäußerungen anderer User*innen träfen und sie unkritisch übernähmen, während Adina sie jedoch nicht für vertrauenswürdig hält.25 Insgesamt schätzt sie sich durch ihr Informationshandeln mit TikTok und Instagram als kompetenter ein als die „älteren Leute“.26 

Dass sich die Interviewten inhaltlich mit Desinformationen auseinandersetzen, wurde nur sehr selten berichtet. Lediglich Oliver (16 Jahre) erzählte, dass er in Familie und Schule mit Desinformationen zu Corona und dem Ukrainekrieg in Kontakt kam. Er sagte, dass es in seiner Schule „ein paar Jungs“ gäbe, die sich in ihrem Informationshandeln sehr auf soziale Medien verlassen. „Und dann kommt da halt manchmal ein Blödsinn raus, was sie da erzählen“ (Oliver, 52:50):  

„Also das war jetzt zu Corona mit der Impfung, da gab es ja viele Impfkritiker und so was und da haben welche erzählt, dass da so: Donald Trump hat ja erzählt, dass man davon das Downsyndrom kriegt, glaube ich. Ich bin mir nicht ganz sicher, ich will jetzt auch keinen Blödsinn erzählen […]. […] Und das haben manche aus meiner Klasse geglaubt. Also zumindest haben die, haben die ein bisschen, ein bisschen dran geglaubt zumindest. Dann habe ich halt mit denen diskutiert. Da habe ich gesagt, also dann hab ich halt mich selber bisschen schlau gemacht – im Internet halt auch noch mal. Also jetzt nicht auf Social Media, jetzt überhaupt nicht, sondern einfach bei den Öffentlich-Rechtlichen, zum Beispiel ARD oder ZDF oder, oder auch bei der [lokalen Tageszeitung]. Die hat da auch mal einen Artikel drüber geschrieben, die will ja auch, man will ja die Leute auf dem Land auch ein bisschen erreichen. Und ja, und genau da habe ich mich dann auch ein bisschen schlau gemacht. Und dann, ja, ich habe dann Argumente vorgetragen, aber hat nicht viel gebracht“ (Oliver, 54:42). 

In der Beschreibung seines eigenen Informationshandelns grenzt er sich von nicht-journalistischen Inhalten in sozialen Medien als Informationsquellen ab – er will ja „keinen Blödsinn erzählen“. Oliver nutzt zwar auch soziale Medien in seinem Informationshandeln und sucht „im Internet halt auch noch mal“, konsultiert aber gezielt journalistische Quellen wie ARD, ZDF und die lokale Tageszeitung. Ziel seiner Recherche war es, in der Diskussion auf Informationen reagieren zu können, deren Wahrheitsgehalt er anders einschätzte als „ein paar Jungs“ in seiner Schule.  

Oliver nutzte die Recherche nach Informationen, um die Aussagen seines sozialen Umfeldes besser einordnen zu können und auf sie zu reagieren. Er verringerte damit seine Unsicherheit in Bezug auf das Thema Corona. Thematische Unsicherheit mit dem eigenen Informationshandeln zu bearbeiten, gelang den Interviewten unterschiedlich gut. Weniger gut schien es zum Zeitpunkt des Interviews Antje (18 Jahre) zu gelingen. Sie erlebte es als sehr herausfordernd, selbstständig Informationen als gut (hier im Sinne von richtig) oder potenziell irreführend zu bewerten. Antje erlebte Unsicherheit in Bezug auf unterschiedliche Themen: LGBTQI+, Corona und Ukraine. Während das LGTBQI-Thema für sie eines war, von dem sie versuchte, sich abzugrenzen (vgl. Kap. 4.4), waren Corona und Ukraine augenscheinlich weniger lebensweltrelevant: 

„Ich finde, Fake News ist immer schwer zu sagen: ‚Okay, das ist jetzt falsch.‘ Aber in der Corona-Krise gibt es ja immer zwei verschiedene Seiten. Und wenn man googelt – ‚okay, so und so ist es passiert‘ – weiß man ja im Prinzip nicht, ob es wirklich so passiert ist, wenn man nicht haargenau dabei gewesen ist. Also finde ich, dass es ansatzweise … Nein, nicht Fake ist, aber es ist schwer, weil wenn ich dabei gewesen bin, weiß ich ja, so und so ist es passiert. Aber wenn jemand anders mir das sagt, kann ja immer was dazu gedichtet sein oder nicht. Also kann ja auch bei einer ganz normalen oder bei einer guten Quelle wie ARD zum Beispiel, wenn die News da rüberbringen, kann’s ja auch mal. Also, klar recherchieren die und so, aber es kann ja auch mal falsch übertragen werden“ (Antje, 47:54ff.). 

Für Themen, die in der Lebenswelt junger Menschen nicht stark verankert sind, die sie aber dennoch beschäftigen, gibt es häufig auch weniger „Themen-Expert*innen“ im eigenen Umfeld, die bei der Orientierung helfen können. Diese Herausforderung kann über das Vertrauen in Quellen kompensiert werden. Wenn journalistischen Quellen oder ausgewählten Creator*innen besonders vertraut wird, dann helfen deren Informationen zur Orientierung. Für Antje war das in diesem Fall jedoch nicht ausreichend. Sie ging so weit zu sagen, dass nur ein ‚Dabeigewesensein‘ letztendlich helfen könne, gute von irreführenden Informationen zu unterscheiden. Eine solche Perspektive macht jedoch das Informationshandeln grundsätzlich problematisch, weil ein Großteil der Informationen über unsere Welt nur über mediale Öffentlichkeiten zugänglich ist.