Verdichtung des Informationsraumes

Eine Form der Verdichtung des Informationsraumes zeigte sich bei Antje, 18 Jahre, die nach dem Abitur zum Zeitpunkt des Interviews einem Praktikum im sozialen Bereich nachging. Antje setzte für ihr Interview das Thema, dass LGBTQI+-Influencer*innen für viele junge Menschen ihrer Meinung nach als Vorbilder dienen. Im Interview selbst ging es Antje jedoch weniger um Influencer*innen, sondern eher darum, LGBTQI+-Themen kritisch zu hinterfragen, und vor allem um die Relevanz von gendersensibler Sprache. Antje identifiziert sich als Frau und heterosexuell. Sie erlebt jedoch diesbezüglich Verunsicherung im Kontext ihrer Freiwilligenarbeit, weil sie viel mit Personen in Kontakt kommt, die sich stark mit gesellschaftspolitischen Fragen zu LGBTQI+ auseinandersetzten.14 Als wichtig für die Auseinandersetzung gibt sie u. a. ihren Arbeitsort, Instagram und auch das Fernsehen an:  

„Bei den LGBTQ-Personen ist es halt so, dass mir das eher in [Arbeitsort] begegnet ist, weil man redet und redet und redet, aber auch in den Nachrichten ist es halt so ein großes Thema, worüber sie reden und da muss ich kurz mal gucken, was es gibt. Muss ich kurz mal nachdenken. Also ich würde wirklich erst [Arbeitsort] sagen. […] Also ich glaube, es ist beides sehr wichtig. Bei Instagram hat man halt die Information, sag ich jetzt mal, aber man spricht auch in [Arbeitsort] darüber, über diese Themen mit verschiedenen Leuten“ (Antje, 23:54ff.). 

„Also bei Filmen in Sat. 1 zum Beispiel oder irgendwo keine Ahnung. In Filmen sieht man jetzt viel mehr, die zum Beispiel der LGBTQ-Gemeinde angehören, sag ich jetzt mal. In Filmen, keine Ahnung, da wird es jetzt normalisiert. Früher war es ja nicht normal und jetzt ist es sehr normalisiert“ (Antje, 34:02ff.). 

Antje ist eine cis Frau. Sie entspricht damit dem, was ‚früher mal normal‘ gewesen ist. LGBTQI+-Themen begegnen ihr vor allem am Arbeitsplatz, auf Instagram und im Fernsehen, was früher weniger „normal“ war und sich aktuell „normalisiert“. Die Auseinandersetzung mit daraus entstehenden Thematiken fällt ihr jedoch nicht leicht. Mit Menschen aus der „LGBTQ-Gemeinde“ zu sprechen, führt bei Antje zu Verunsicherung. Sie weiß nicht immer, wie sie die Personen ansprechen soll: das sei „sehr intensiv, weil sich Personen davon verletzt fühlen können, wenn man nicht gleich [die richtigen Begriffe] gelernt hat“ (Antje, 25:55ff.). Um diese Erfahrungen zu bearbeiten, tauscht sie sich mit ihren Peers aus, die in den meisten Fällen cis Männer und cis Frauen sind. Dieser Austausch findet teilweise auch über WhatsApp statt:  

„[D]as sind die Personen [cis Freund*innen], mit denen ich mich auch unterhalte, weil man da halt auch irgendwie nicht so eingegrenzt ist. Bei den anderen Personen [LGBTQI+-Spektrum] fühlt man sich gleich schlecht, wenn man was Falsches sagt und deswegen unterhält man sich lieber mit den anderen Leuten [cis Freund*innen] darüber“ (Antje, 30:46ff.). „[M]an fühlt sich halt sehr unsicher in dem Bereich“ (Antje, 42:42ff.). 

Die von ihr erfahrene Verunsicherung in Bezug auf LGBTQI+-Themen bearbeitet Antje in ihrem Informationsraum, in dem sie verstärkt Austausch mit ihren Freund*innen sucht, die in Bezug auf ihre Einstellung und die Relevanz des Themas Antje stärker ähneln als die jungen Menschen, mit denen sie in ihrem Freiwilligendienst arbeitet. Ihre Unsicherheit bearbeitet Antje mit einer Verdichtung von Austausch und Informationen, durch die sie in ihrer Meinung bestätigt wird. Sozialpsychologisch ausgedrückt erlebt die junge Frau Momente von kognitiver Dissonanz (Burkart 2002, S. 204ff.) und beabsichtigt, diese aufzulösen, indem sie Informationsquellen nutzt, die ihre bestehenden Einstellungen bestärken. Das ist eine Form der Verdichtung innerhalb eines Informationsraumes, in der die Zahl an Informationen zu einem Thema gezielt erhöht wird, um Verunsicherung abzubauen. Verdichtung als Form des Informationsraumes ähnelt dem Phänomen der Filterblase, darf aber damit nicht gleichgesetzt werden. Denn auch wenn Antje letztendlich eine Homogenisierung ihres Informationsraumes anstrebt, zeigt sich in ihrer Lebenswelt ziemlich deutlich, wie unterschiedlich die Informationen sind, die sie zu dem Thema bekommt, und wie schwierig es für sie ist, sie als Irritationsmomente von sich fernzuhalten (vgl. Materna 2023).