Die hier dargestellten Ergebnisse der qualitativen, empirischen Exploration zu den Informationsräumen junger Menschen wurden im Projekt Isso! Jugendliche gegen Desinformation eruiert. Als wissenschaftliche Vertiefung der medienpädagogischen Projektpraxis fokussierten die Erhebung und der Praxisteil des Projekts dieselbe Zielgruppe. Das Sampling hatte zum Ziel, schwer erreichbare Jugendliche in die Erhebung mit einzubeziehen, das heißt Personen, die unter sozial- und bildungsbenachteiligten Bedingungen aufwachsen und potenziell von Ausgrenzungserfahrungen durch die Mehrheitsgesellschaft betroffen sind. Für das Sample rekrutiert wurde vor allem in Jugendtreffs in zwei süddeutschen Großstädten und einer ostdeutschen Mittelstadt. Insgesamt konnten 14 Personen für eine Teilnahme an der Studie gewonnen werden. Da eine Person jedoch nach dem Interview keine Einverständniserklärung der Eltern beibringen konnte, wurden nur die Daten von 13 Personen ausgewertet. Neun Personen wurden über Jugendtreffs in Süd- und Ostdeutschland erreicht, zwei Personen über die Zusammenarbeit mit einer Schule und zwei Personen über persönliche Kontakte der Interviewer*innen in der ostdeutschen Mittelstadt.  

Die Altersstruktur des Samples weist ein breites Spektrum auf. Interviewt wurden Personen zwischen 14 und 24 Jahren. Insgesamt sieben Personen waren 19 Jahre und jünger, sechs Personen zwischen 21 und 24 Jahre alt. Acht Personen identifizierten sich als weiblich, fünf als männlich. Der Altersdurchschnitt der Teilnehmenden liegt bei 19 Jahren, der Median ebenso. Die Bildungsbenachteiligung wird im Sample nur teilweise abgebildet. Eine Person hat einen Hauptschulabschluss, vier Personen die Mittlere Reife. Mit diesen fünf Personen wurde im süddeutschen Raum zusammengearbeitet, drei von ihnen hatten einen Migrationshintergrund. Die acht Personen, mit denen in Ostdeutschland zusammengearbeitet wurde, waren entweder auf dem Gymnasium oder hatten Abitur. Gezielt für die Rekrutierung einbezogen wurde die ostdeutsche Mittelstadt jedoch, um in einem weniger strukturstarken Umfeld und in Bezug auf eine Bevölkerungsgruppe zu erheben, deren Zugehörigkeit zur (westdeutsch geprägten) Mehrheitsgesellschaft teilweise umstritten ist (Foroutan/Hensel 2020) 

Das Vorgehen der Arbeit orientiert sich an den Prämissen qualitativer Jugendmedienforschung (Meyen et al. 2019; Schorb 1995; Schorb/Theunert 2000): Das heißt, dass die Forschenden Erhebungsmethoden entwickeln, die sich sinnvoll auf die in der Erhebung thematisierten Medienphänomene beziehen (Gegenstandsadäquatheit), die Befragten in ihren Aussagen ernst nehmen und die von ihnen beschriebenen Zusammenhänge verstehen wollen (Subjektstatus, Sinnbewahrung) und die Forschungssituation so gestalten, dass sich die Befragten wohlfühlen und die Erhebung ihren Kommunikationsgewohnheiten nahekommt (Adressat*innenorientierung). Eine zentrale Methode der Erhebung war inspiriert von den Arbeiten zum Medien- und Informationsrepertoire. Diese haben zum Ziel, „individuelle wie auch gesellschaftliche Informationsrepertoires im Hinblick auf ihr grundlegende Orientierung und die dabei im Vordergrund stehenden Medien- und Kommunikationsdienste [zu] beschreiben. [Und] [d]amit die Rekonstruktion des mediatisierten Alltags und seiner Konsequenzen für die kommunikativen Grundlagen der Gesellschaft konzeptionell und empirisch greifbarer“ (Hasebrink/Domeyer 2010, S. 63) zu machen. Aus diesen Arbeiten entlehnen wir vor allem, wie Hasebrink und andere methodisch zu Medienrepertoires gearbeitet haben.  

Die methodische Herangehensweise an das Thema war ein qualitatives Leitfadeninterview, dessen Dramaturgie wir mit verschiedenen Elementen gestalteten. Der Einstieg ins Thema geschah über die Frage nach den Interessen der jungen Menschen. Angeregt wurde der Austausch darüber mithilfe von visuellen Elicitation-Strategien (visual/photo elicitation) (Reißmann/Hoffmann 2019, S. 10, 17). Das heißt, den Befragten wurden insgesamt zwölf Bilder vorgelegt, die jeweils für unterschiedliche Themen standen. Die Themen waren so ausgewählt, dass sie die Interessen der Altersgruppe bedienen sollten.7 Am Anfang des Interviews wurden die Themen mithilfe der Bilder vorgestellt, dann wurden die Befragten gebeten, für sie interessante Themen auszuwählen. Anschließend hatten die Befragten die Möglichkeit, eigene Themen zu ergänzen. Acht der 13 Befragten ergänzten eigene Themen. Dazu gehörte mehrmals psychische Gesundheit (in den Interviews „Mental Health“), teilweise wurden vorgeschlagene Themen zusammengezogen, z. B. eine Kombination aus Influencer*innen und LGBTQI+-Themen, vereinzelt wurden auch popkulturelle Themen ergänzt, wie z. B. Star Wars. Im Anschluss an die Themenorientierung suchten sich die Befragten ein Thema aus, das für sie besonders wichtig war und das in ihrem Medienkonsum eine wichtige Rolle spielte.8 Am häufigsten gewählt wurden von den Befragten Themen, die sich mit Gender und LGBTQI+ im weiteren Sinne beschäftigten. Mehrmals als Themen ausgesucht wurden außerdem Rassismus, Politik und der russische Angriffskrieg auf die Ukraine. 

Nachdem der oder die Befragte sich auf ein Thema festgelegt hatte, wurden ihm oder ihr Symbolbildchen für Medienmarken (TV, Presse, Radio und Social Media) und Interaktionspartner*innen sowie ein Blatt (DIN A3) mit konzentrischen Kreisen vorgelegt. Aufgabe war es, in Bezug auf das ausgesuchte Thema ausgehend vom Zentrum des Blattes, das das Ego symbolisierte, die relevantesten Medienmarken und Interaktionspartner*innen auf dem Blatt Papier anzuordnen. Je dichter am Zentrum diese platziert wurden, desto wichtiger waren sie. Je weiter außen sie lagen, desto weniger wichtig waren sie. Für das Informationshandeln irrelevante Medienmarken und Interaktionspartner*innen sollten nicht genutzt werden. Während des Anordnens der Bilder wurden die Befragten aufgefordert, ihre Entscheidungen für eine Position auf den konzentrischen Kreisen zu erläutern. Teilweise wurde von den Forschenden gezielt nachgefragt (Merten 2020) 

Im Anschluss daran wurden Fragen nach Quellen, Kriterien für Informationen, dem Kontakt und Umgang mit Desinformationen und den Einstellungen gegenüber einzelnen Plattformen vertieft. Um das Gespräch hier auch auf das alltägliche Medienhandeln beziehen zu können, wurde den Befragten vorgeschlagen, auf ihren Endgeräten zu zeigen, wie sie auf den für sie wichtigsten Plattformen mit dem vorher beschriebenen Thema in Kontakt kommen und welche Inhalte dabei für sie besonders interessant sind. Dieses sogenannte media go-along (Jørgensen 2016) war jedoch nicht verpflichtend. Den Befragten wurde immer auch angeboten, den Vorschlag abzulehnen, wovon einige Jugendliche Gebrauch machten. Ziel des media go-alongs war ein lebensweltnaher Einblick in das Medienhandeln und ein Gespräch am konkreten Beispiel. Außerdem wurden die Befragten gebeten, für sie typische Content-Beispiele den Forschenden per Screenshot zur Verfügung zu stellen. Alle Interviews wurden audiografiert. Um mehr über den Kontext der Befragten zu erfahren, wurden soziodemografische Daten der Befragten mithilfe eines Kontextfragebogens erhoben. Diese helfen zur Beschreibung des Samples und fließen an unterschiedlichen Stellen in die Auswertung ein. 

Auch die Auswertung orientierte sich an den Prämissen qualitativer Jugendmedienforschung (Meyen et al. 2019; Schorb/Theunert 2000). Die Kontextfragebögen wurden in Bezug auf die Einzelfälle und zur Beschreibung des Samples ausgewertet. Die Audiografien der Interviews wurden transkribiert und im Projektteam in Bezug auf Kategorien codiert, die aus den Forschungsfragen abgeleitet werden konnten. Der Codierungsprozess war gleichzeitig so offen, dass Kategorien für die Auswertung im Laufe der Codierung ergänzt werden konnten. Um die Intersubjektivität des Prozesses sicherzustellen, wurden die Codierungen im Team besprochen und auf Grundlage der Diskussion geändert, erweitert oder verworfen (intersubjektive Validierung). Nach der Codierung wurden die einzelnen Fälle deskribiert und Besonderheiten herausgearbeitet. Anschließend wurde fallübergreifend mithilfe der Deskriptionen an allgemeinen Aussagen zu den Ergebnissen der Erhebungen gearbeitet. Die in den folgenden Kapiteln dargestellten Ergebnisse verstehen sich als Deskriptionen und Analysen, die in Bezug auf das untersuchte Sample Gültigkeit beanspruchen können. Ergebnisse, die auf Basis der vorliegenden Daten als besonders typisch für das Informationshandeln junger Menschen gelten könnten, werden als weiter empirisch zu überprüfende Tendenzen kenntlich gemacht.