Wie Desinformationen, Stimmungsmache und Populismus zusammengehören

Wer mit jungen Menschen über absichtlich irreführende Informationen spricht, landet nicht direkt bei Desinformationen oder Fake News. Vielmehr thematisieren sie auch andere Inhalte, die für sie ebenso für den Versuch stehen, sie manipulieren zu wollen. In den Interviews wurden diese zum Beispiel beschrieben als „Promo“, „Clickbait“, „Challenges“, „Promidrama“ oder „die machen auf TikTok so oft Netflix“ (Suzanna, 46:53ff.). Thematisiert wird mit diesen Begriffen und Redewendungen, wie einzelne Akteur*innen in sozialen Medien versuchen, Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Suzanna (weiblich, 17 Jahre) thematisierte dafür verschiedene Beispiele. Eines bezog sich auf Nader und Louisa Jindaoui, ein Influencerpärchen, das auf YouTube, TikTok und Instagram jeweils Millionen Follower*innen hat. Nader Jindaoui veröffentlichte 2022 in seiner Story auf Instagram einen Beitrag darüber, dass er und seine Frau in den letzten Monaten Beziehungsprobleme hatten und dass sie versuchten, diese zu überwinden. Diese Story wurde jedoch von anderen Influencer*innen auf TikTok mit der Frage aufgegriffen, ob sie sich getrennt hätten. Suzanna sagte dazu:  

Suzanna: „Das ist gerade auch im Trend, genauso wie Bibi und Julian: Also, es gibt Leute, die sagen, die sind noch zusammen. Es gibt Leute, die sagen, die sind nicht mehr zusammen. Die erstellen auch immer Seiten, dass die angeblich noch zusammen sind oder wie bei den Jindaouis auch gerade. Es gibt Leute, die einfach posten, dass sie getrennt sind, obwohl die nicht getrennt sind.“  

[…] 

Interviewer: […] „Und, und du hast gesagt, es gibt’s öfter, dass die irgendwie Trennung vortäuschen, oder?“ 

Suzanna: „Ja, weil die einfach Promo, die wollen einfach Likes generieren. Also, die machen auf TikTok so oft Netflix. Also langsam. Also man nennt es Netflix und es gibt schon so viele Paare dort, die verheiraten sich, dann trennen die sich und dies und das. Das ist einfach dieses ‚Netflix‘ in Anführungszeichen.“ 

Interviewer: „Netflix. Wieso Netflix?“ 

Suzanna: „Das betiteln die anderen, weil die einfach so eine Show abziehen“ (Suzanna, 41:55, 46:52-47:12ff.). 

Auf ‚TikTok Netflix machen‘ beschreibt in diesem Beispiel, wie versucht wird, über Gerüchte zur Beziehung eines prominenten Pärchens Aufmerksamkeit für die eigenen Beiträge zu generieren. Suzanna ergänzte, dass „Netflix“ dann sei, was manche User*innen unter solchen Beiträgen kommentieren, um darauf hinzuweisen, dass es sich hier um Inszenierungen („eine Show abziehen“) handele. In eine ähnliche Richtung ging Jette (16 Jahre). Sie nannte es allerdings nicht „Netflix“, sondern „Promidrama“, als sie über Beispiele für Desinformationen in ihrem Informationshandeln sprach. Auch bei ihr ging es um zwei bekannte Persönlichkeiten, über deren Handlungen mit deutlicher Tendenz zur Skandalisierung online gemutmaßt wurde. Jette sagte im Interview:  

„Aber ich glaube, das Schlimmste an Fake News war, was [auf] ein Promidrama sich bezogen hat. […] Also es war, das Gerücht ist im Internet rum gegangen, dass Harry Styles auf Chris Pine gespuckt hat bei einer Premiere. Er hat sich nur rüber gebeugt, kurz, als er sich hinsetzen wollte, hat er sich da rüber gebeugt und hat sich da hingesetzt – halt so über Chris Pine. Und wenn man jetzt nicht ganz so genau hinschaut, dann hätte es so aussehen können, als hätte er ihm in den Schoss gespuckt“ (Jette, 46:10ff.).  

Wer ein typisches Video zum beschriebenen „Promidrama“ schaut28 ‚Spitgate‘ sorgte im Anschluss für eine Menge spekulativen Content. Der Content, der um diesen Skandal, bei dem nicht sicher ist, ob er überhaupt einer war, produziert wurde, ist ein gutes Beispiel für die Aufmerksamkeitslogik in sozialen Medien. Influencer*innen wollen Reichweite, auch Filmpremieren brauchen Aufmerksamkeit.  

Skandale, Tabubrüche und Gerüchte bedienen jedoch nicht nur die Logik sozialer Medien und von Marketingexpert*innen, sondern werden auch von Populist*innen genutzt, um mediale Reichweite zu bekommen. Denn auch journalistische Medien orientieren sich an Nachrichtenwerten wie Skandalisierung, Emotionalisierung oder Dramatisierung, die von Populist*innen gezielt bedient werden (Diehl 2012, S. 19). Soziale Medien haben also keine für mediale Öffentlichkeiten vollkommen neue Aufmerksamkeitslogik kreiert. Sondern sie verstärken eher die Freiheit, mit der auf mediale Aufmerksamkeit abzielende Akteur*innen – wie Influencer*innen und Populist*innen – die beschriebenen Aufmerksamkeitslogiken für sich einsetzen können (vgl. Dittrich et al. 2020; Gäbler 2017; Hillje 2017). Der Erfolg dieser ‚Aufmerksamkeitsunternehmer‘ hat jedoch nicht nur mit der steigenden Anzahl von Inhalten zu tun, die mit Skandalen und Tabubrüchen um Views und Likes werben, sondern vor allem auch damit, dass sie in sozialen Medien – neben den Community Standards und dem Geschmack der User*innen – kaum weiteren Qualitätskriterien unterworfen sind. An Qualitätsjournalismus wird u. a. der Anspruch erhoben, ihr Publikum zu orientieren und auf diese Weise eine gesamtgesellschaftliche Integrationsleistung im Kontext kontroverser politischer Aushandlungsprozesse zu erfüllen (Lünenborg 2012, S. 4). Für soziale Medien gilt dies nicht, auch wenn es vereinzelt Diskussionen darüber gibt, dass auch User Created Content ab einer bestimmten Reichweite und Relevanz für die Meinungsbildung journalistischen Sorgfaltspflichten unterliegen sollte (Dreyer et al. 2021, S. 41f.) 

Für die Auseinandersetzung damit, wie junge Menschen mit Desinformationen umgehen, ist das relevant, weil Manipulation und Irreführung mit Medien weiter reichen, als ein Fokus auf die Frage „Ist das wahr oder falsch?“ auf den ersten Blick nahelegt. Soziale Medien sind voll mit meinungsstarken Positionierungen, die gleichzeitig stark emotionalisiert argumentieren. Desinformationen gehören in diesen Kontext, decken aber nur einen Teil der Problematik ab. Sie treten neben andere mediale Inhalte, die mit ähnlichen Mitteln versuchen, Aufmerksamkeit zu generieren. Suzanna (17 Jahre) gab in ihrem Interview ein gutes Beispiel dafür, um welche Herausforderungen es für die medienpädagogische Bildungsarbeit in diesem Themenbereich geht. Suzanna ist eine Schwarze junge Frau. Sie lebt in einer süddeutschen Großstadt. Ihre Eltern sind aus einem afrikanischen Land nach Deutschland geflüchtet. Das Interview mit ihr wurde einige Monate nach Russlands Großangriff auf die Ukraine geführt. Viele Ukrainer*innen waren zu dieser Zeit bereits vor dem Krieg nach Deutschland geflüchtet. Das Thema Flucht und der Umgang mit den ukrainischen Geflüchteten war für sie zum Zeitpunkt des Interviews sehr aktuell. Sie hatte das Thema in der Schule, mit ihrer Familie und ihren Peers besprochen. Auf Basis ihrer persönlichen Erfahrungen mit Flucht und den Herausforderungen, denen sich ihre Eltern nach ihrer Ankunft in Deutschland gegenübersahen, empfand sie eine Ungleichbehandlung zwischen ukrainischen Kriegsgeflüchteten und den Geflüchteten aus ihrem afrikanischen Herkunftsland. Während des Interviews zeigte sie ein Video, das zwei zusammengeschnittene Ausschnitte von insgesamt 36 Sekunden aus einem knapp zweistündigen Talk mit Florian Schroeder und Serdar Somuncu beinhaltete.29 Neben den Ausschnitten ist das Video bearbeitet, da es in Schwarz-Weiß veröffentlicht und mit emotionaler Musik im Hintergrund hinterlegt wurde (vgl. Abb. XY). Im Video sagt Somuncu:   

„Ukrainer sind im Moment Edelflüchtlinge. Die kriegen alles, was sie wollen. Die kriegen Hartz IV, was weiß ich. Weißt du, wie oft ich ukrainische Kennzeichen an Porsches sehe? Wo ich mir denke: ‚Ah, da haben auch nur die Leute die Möglichkeit gehabt, die ein schnelles Auto haben, zu flüchten’. […] Hat man den Leuten aus Afrika eine Krankenversicherung gegeben? Hat man ihnen Hartz IV gegeben? Hat man ihnen eine Arbeitserlaubnis gegeben? Man hat diese Leute jahrelang auf Booten im Mittelmeer sterben lassen. Und hat sie einquartiert in Asylantenheimen und immer noch ist es so, jeden Tag. Ist das nicht ein Edelflüchtling, der nach Deutschland kommt und hofiert wird, als wäre er was Besonderes? Er ist genauso ein Flüchtling wie alle anderen auch. Und dann bitte kümmert euch auch um die anderen Flüchtlinge genauso! Das ist das, was ich sage!“ 

Abbildung XY, Serdar Somuncu im beschriebenen Video auf TikTok 

 

Für Suzanna drückte dieses Video sehr passend das Ungerechtigkeitsempfinden aus, das sie hatte, wenn sie die Fluchtgeschichte ihrer Familie und ihr Ankommen in Deutschland mit der Behandlung ukrainischer Kriegsgeflüchteter verglich. Unter dem Video hinterließ sie einen dankenden Kommentar, der insgesamt über 16.000-mal gelikt wurde – für sie eine wichtige Bestätigung, mit ihrer Ansicht nicht falsch zu liegen. Einen genaueren Eindruck davon, was Suzanna zu Desinformationen über den Krieg in der Ukraine und das beschriebene Video sagte, geben die folgenden Zitate aus dem Interview mit ihr:   

Interviewer: „Wenn dir jetzt, wenn du jetzt mal guckst: Du gehst dann auf Insta, auf TikTok und auf YouTube und es geht um das Thema Ukraine-Krieg. Woran erkennst du dann, ob eine Information gut ist?“ 

Suzanna: „Schwierig. Bei TikTok war es jetzt gerade das, was er [Somuncu] gesagt hatte: Das stimmt. Weil ich selber Leute kenne, bei denen es so ist. Zum Beispiel mit Migrationshintergrund. Da weiß ich, dass es stimmt. Aber ich glaube nicht alles, was im Internet ist.“ 

Interviewer: „Ja, aber was stimmt jetzt an den Aussagen?“ 

Suzanna: „Die er getätigt hat? Dass die Ukraine-Flüchtlinge anders behandelt werden als die syrischen, afrikanischen, was auch immer.“ 

Interviewer: „Hast du nachgeschaut, ob das? Also ich habe noch keinen, was hab ich denn gesehen? Ich habe schon mal einen Audi gesehen oder so, vielleicht sogar schon mal einen BMW mit Ukraine-Kennzeichen.“ 

Suzanna: „Wenn Sie mal da in die teuerste Straße [Wohnort] reingehen, da sehen Sie auch viele mit ukrainischen Kennzeichen. Das ist eigentlich gar nicht lustig. Ich finde das richtig asozial, wenn ich das so sagen darf. Weil bei unseren Eltern wurde nicht mal ein Abschluss anerkannt oder ein Führerschein. Die haben sich das alles selber aufgebaut. Die kommen hier hin, weil der Putin die irgendwie bombt. […] Ich weiß nicht, ob das daran liegt, dass wir irgendwie Ausländer sind oder so, aber ob die weiß sind oder aber den Syrern oder den afrikanischen Flüchtlingen oder was auch immer Flüchtlinge. Denen haben die nicht so geholfen, denen haben die nicht so geholfen, das hat die einen Scheiß gejuckt. Die haben in Containern geschlafen, auf der Straße geschlafen, bei Bahnhöfen geschlafen oder so und die kommen hier bei mir, da hinten, wo ich wohne, die haben einen neuen Spielplatz angefertigt, die haben da den Weg weiter gebaut. […] Das ist einfach respektlos gegenüber den anderen. Wenn die schon denen helfen, dann sollen die allen helfen oder dann sollen die es gleich lassen, weil … toleriere ich nicht.“ 

Interviewer: „Wenn es jetzt um das Thema Ukraine geht, ja, das sind ja viele Informationen, die man finden kann. Woran würdest du jetzt besonders? Was wären für dich besonders schlechte Informationen zum Thema Ukraine?“ 

Suzanna: „Die Aussage habe ich schon in der Schule gehört, also die war richtig dumm. Da hat meine Lehrerin gesagt: ‚Die haben alle einen Abschluss, aber die sind halt hierher geflüchtet, weil die Krieg haben und die wollten gerade ihren Abschluss machen. Und deswegen haben die hier, durften die hier studieren.’ Das war zum Beispiel so eine Aussage, die ich … Nee, toleriere ich nicht“ (Suzanna, 34:14-37:37). 

Suzanna trifft mit ihrer Kritik an der Ungleichbehandlung von Geflüchteten einen Punkt, der auch in den deutschen Medien diskutiert wurde und der für die gesamtgesellschaftliche Akzeptanz von Hilfsmaßnahmen von großer Bedeutung ist.30 Ihre Aussagen machen überdies die Herausforderungen deutlich, die sich für Bildungsarbeit in der Migrationsgesellschaft stellen.31 Für die medienpädagogische Arbeit zum Informationshandeln junger Menschen ist dieses Beispiel vor allem relevant, weil es zeigt, wie durch ein zusammengeschnittenes, emotionalisiertes Video und die tausendfach gelikte Interaktion mit diesem bei einer jungen Frau eine sehr einseitige Meinung zu einem kontroversen gesellschaftspolitischen Thema bestätigt und verfestigt wurde, z. B.: „Wenn die schon denen helfen, dann sollen die allen helfen oder dann sollen die es gleich lassen“ (Suzanna, siehe oben).  

Das Video wurde bearbeitet, aber nicht gefälscht, die angesprochene Ungleichbehandlung ist keine falsche Information, sondern ein wichtiger Hinweis. Problematisch sind jedoch der Begriff „Edelflüchtlinge“ und die Aussage, aus der Ukraine vor dem Krieg geflohene Menschen führen Porsche – „ein schnelles Auto haben, [um] zu flüchten“. Diese Form der Stimmungsmache kann als typisch für soziale Medien gelten. Dafür spricht auch, dass das Video verschiedenfach überarbeitet wurde. Es gibt Aussagen von Somuncu im Original-Video, in denen er ukrainische Geflüchtete pauschal potenziell als kriminell oder sogar pädophil bezeichnet. Diese Ausschnitte finden sich zusammen mit dem Teil zu „Edelflüchtlingen“ ebenso in sozialen Medien und sprechen vermutlich keine migrantische, sondern eher eine rechtspopulistische Zielgruppe an. Für die Meinungsbildung junger Menschen ist es eine große Herausforderung, mit diesen meinungsstarken Positionierungen umzugehen. Wie es gelingen kann, in der medienpädagogischen Praxis Desinformation, Stimmungsmache und Populismus gemeinsam zu adressieren, ist Inhalt der Handlungsempfehlungen im nächsten Kapitel.