2.1 Antirassismus in Deutschland bis 1933

Widerstand gegen Rassismus in Deutschland hat eine lange Tradition. Tiffany N. Florvil (2020) skizziert in einem Beitrag zu Schwarzem Antirassismus in Deutschland antirassistische Netzwerke zwischen den USA und Deutschland anhand spezifischer Momente des Widerstands in der Zwischenkriegszeit und während des Kalten Krieges. Es waren vor allem Bürger*innen früherer deutscher Kolonien, die quasi in ihrem „Mutterland“ gestrandet waren, nachdem Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg durch den Versailler Vertrag sämtliche Kolonien verloren hatte (Florvil 2020). Fortan engagierten sie sich als Aktivist*innen gegen Kolonialismus und Rassismus in Deutschland.

Gemeinsam mit 18 weiteren Männern aus früheren deutschen Kolonien reichte beispielsweise Martin Dibobe, der erste Schwarze Zugführer im Berliner Nahverkehr, im Juni 1919 eine Petition beim Reichskolonialministerium und beim Reichstag ein, in der sie Rassismus verurteilten und gleiche Rechte für Afrikaner*innen einforderten (Florvil 2020, S. 33). Obwohl sie nie eine Antwort erhielten, gilt dieser Versuch als die erste kollektive Bemühung in Deutschland, öffentlich rassistische und koloniale Kontinuitäten zu thematisieren und Gleichberechtigung einzufordern (Oguntoye 1997 zit. nach Florvil 2020).

Abbildung 2: Martin Dibobe als Berliner S-Bahnführer im Jahr 1903. Quelle: BVG-Archiv.

Ob es einen kausalen Zusammenhang zwischen dem ersten organisierten Widerstand von Schwarzen und den ersten systematischen, rassistischen Hetzkampagnen gibt, lässt sich nicht eindeutig sagen, jedoch kam es noch im selben Jahr zur sogenannten „Schwarzen Schmach“, einer rassistischen Propagandakampagne gegen französische Soldaten im Rheinland. Der französischen Armee gehörten viele Soldaten aus den französischen Kolonien an – also BPoCs, um es in den aktuellen Kontext zu übersetzen. Die Propaganda der „Schwarzen Schmach“ behauptete, dass sich diese Soldaten bestialisch und sexuell übergriffig gegenüber weißen deutschen Frauen verhielten (Florvil 2020). Diese Zu- und Beschreibungen sind bis in die jüngsten Tage ein rassistisches Narrativ, beispielsweise wenn es um rechtsextreme Kampagnen gegen die angebliche Bedrohung deutscher Frauen durch männliche Zuwanderer geht. Damals jedoch waren es nicht nur nationalistische Gruppierungen, wie etwa die „Rheinische Frauenliga“, die diese Behauptungen verbreiteten, sondern auch Vertreter*innen des deutschen Staates (Maß 2002) und verschiedene publizistisch wirksame Akteur*innen:

Der britische Journalist Edmund D. Morel und die deutsch-amerikanische Aktivistin Ray Beveridge stimmten darin überein, dass die afrikanischen Soldaten furchterregende ‚Wilde‘ seien, die in ihrer Bedrohlichkeit einen rassischen Affront gegen ‚die deutsche Frau‘ darstellten – und somit auch gegen ganz Deutschland. Schwarze Hautfarbe codierten sie als abweichend und außerhalb der ‚Ehrbarkeit‘ stehend

Im selben Jahr, 1919, verurteilten Schwarze Stimmen in Deutschland und auch international, wie etwa der kamerunische Aktivist und Schauspieler Louis Brody, die afroamerikanische Aktivistin Mary Church Terrell sowie der afroamerikanische Philosoph Alain Locke und Claude McKay, die rassistische Kampagne aufs Schärfste (Nagl 2016; Schüler 1996). Vor allem die Kritik von Letzteren, die die „Schwarze Schmach“ mit ähnlichen rassistischen Annahmen über Afroamerikaner in den USA verglichen, fand auch international Anklang.

Die Auswirkungen dieser Kampagne waren noch Jahre danach in Form von rassistischen Stereotypen zu spüren – und damit auch der Widerstand dagegen (Florvil 2020). Der Antirassismus des frühen 20. Jahrhunderts wurde demnach mehrheitlich von Intellektuellen getragen, vermied aber besonders ab 1933 die politische Konfrontation. Transnationale Verbindungen und aktivistische Netzwerke, die sich bis dahin entwickelt hatten, blieben jedoch auch in der Zeit des Nationalsozialismus aktiv. So veröffentlichten etwa Zeitungen in den USA, wie der Chicago Defender oder der Pittsburgh Courier, Artikel zur Entwicklung in Deutschland, zum Rassismus der Nationalsozialist*innen und später zu den Erfahrungen afroamerikanischer Soldaten im Nachkriegsdeutschland (Höhn/Klimke 2010, S. 16ff.).