5.1 Intersektionale Rassismuskritik

Intersektionalität im Rahmen rassismuskritischer Arbeit hebt hervor, dass Diskriminierung nicht eindimensional passiert, sondern auf mehreren Ebenen geschehen kann: Unterscheidet sich eine Person beispielsweise aufgrund mehrerer Faktoren von der gesellschaftlich gesetzten Norm, so wird sie im Laufe ihres Lebens auch mehrere Formen von Diskriminierung erleben. Dieses Phänomen der Mehrfachdiskriminierung wurde erstmals in Bezug auf die Lebenswirklichkeiten Schwarzer Frauen in den USA sichtbar gemacht, da diese nicht nur Sexismus erlebten, sondern auch aufgrund ihrer Hautfarbe sowie sozialer Herkunft diskriminiert wurden. In ihrem Aufsatz Das Zusammenwirken von Race und Gender ins Zentrum rücken (EA 1989, hier im Nachdruck von 2022) entwickelt die US-Amerikanische Schwarze Juristin und Aktivistin Kimberlé Crenshaw ein analytisches Werkzeug, das die Hervorhebung von Mehrfachdiskriminierungen ermöglicht:

Ich möchte ferner darauf hinweisen, dass dieser eindimensionale Analyserahmen Schwarze Frauen* in der Konzeptualisierung, Identifizierung und Bekämpfung rassistischer und sexistischer Diskriminierung ausradiert, weil sich die Forschung auf die Erfahrungen anderweitig privilegierter Gruppenmitglieder beschränkt. […] Den Fokus auf die privilegiertesten Mitglieder einer Gruppe zu legen, marginalisiert diejenigen, die vielfach belastet sind, und verdeckt Interessen, die nicht auf vereinzelte Diskriminierungsursachen zurückgeführt werden können

Intersektionalität im schulischen Kontext bedeutet beispielsweise, dass eine Schülerin mehreren Randgruppen angehören kann: Sie kann kulturell unterschiedlich verortet sein als die Mehrheit in der Klasse, einer marginalisierten religiösen Gruppe angehören und sich als homosexuell identifizieren. Gibt es in dieser Klasse einen Schüler, der sich ebenfalls als homosexuell identifiziert, aber einem ähnlichen kulturellen und religiösen Kreis wie die Mehrheit der Klasse angehört, so werden sich die Erfahrungen dieser beiden jungen Menschen maßgeblich unterscheiden. Aufgrund der Unterschiede in Geschlecht, Ethnizität und Religion erfahren beide Schüler*innen verschiedene Formen der Unterstützung, Akzeptanz und Diskriminierung – sowohl gesamtgesellschaftlich als auch im Kontext der Schule.

Der intersektionale Ansatz versteht, dass sich Identitäten und Erfahrungen gegenseitig ergänzen, und will diese Erkenntnis in der Entwicklung von Lehrplänen, der Gestaltung von Unterrichtsmaterialien und Lehrbüchern sowie der Umsetzung des Unterrichts berücksichtigen. Denn nur so kann Schüler*innen die bestmögliche Unterstützung in ihren unterschiedlichen Startpositionen garantiert werden.

Empfehlungen

  • Forschungsplattform und Praxisforum für Intersektionalität und Interdependenzen einklappen

    Diese Online-Plattform bietet ein Forum für Fachkräfte, die zu intersektionaler Diskriminierung arbeiten, und verschiedenste Ressourcen für die pädagogische Praxis: einen Methodenpool, eine Projektübersicht, Methodenkonferenzen, Hintergrundtexte uvm. http://portal-intersektionalitaet.de/startseite/

  • Intersektionalität und Gewaltprävention einklappen

    Der Text ist für Fachkräfte im Präventionsbereich interessant. Er beschäftigt sich nicht nur mit Gewaltprävention, sondern ermöglicht auch eine Auseinandersetzung mit Wissens- und Bewertungsstrukturen, die Gewalt erst ermöglichen. https://rise-jugendkultur.de/material/intersektionalitaet-und-gewaltpraevention/

  • Methode zum Perspektivwechsel: Wenn Migrant*innen das sagen, was Deutsche sagen einklappen

    Die Methode ist Teil eines größeren Materialpaketes von RISE, kann aber auch einzeln durchgeführt werden. Sie arbeitet mit einem Video der Datteltäter, in dem migrantische Personen Stereotype über sie verkehren und damit der weißen Mehrheitsgesellschaft spiegeln. Daran anschließend werden die eigene gesellschaftliche Positionierung sowie eigene Privilegien in Gruppenarbeit reflektiert und besprochen. https://rise-jugendkultur.de/material/wenn-migrantinnen-das-sagen-was-deutsche-sagen-optional/

  • Übung zu Wirkungsmechanismen von Mehrfachzugehörigkeiten einklappen

    Die Übung ist Teil eines größeren Materialpaktes, kann aber auch einzeln durchgeführt werden. Die Übung besteht aus einem Positionierungsspiel, durch das immer wieder neue Zugehörigkeiten deutlich werden und ihre Auswirkungen sichtbar und diskutiert werden können. https://rise-jugendkultur.de/material/ich-ich-nicht/